Unwetterpause im Einkaufszentrum
von Moritz Spannenkrebs
am 07.08.2021
Start
Kisko
đŸ‡«đŸ‡ź Finnland
Ziel
Hajala
đŸ‡«đŸ‡ź Finnland
Strecke
42,83
km

Nachdem wir das Großfamilienhaus der Larsens hinter uns gelassen hatten, folgten wir den EuroVelo-Schildern in Richtung Westen. Wir hatten bereits am Vortag gelernt, dass Finnland zwar keine großen Berge hat, aber dafĂŒr nur aus kleinen HĂŒgeln besteht. In diesem Sinne ging es heute stĂ€ndig auf und ab, mal auf besserem und mal auf schlechterem Untergrund. Da unser Weg abseits von den grĂ¶ĂŸeren Straßen verlief, bekamen wir aber viele abgelegene GrundstĂŒcke in vertrĂ€umten Ecken zu sehen. Finnland ist sehr felsig und dementsprechend war auch unsere StraßenfĂŒhrung eher wild und schlĂ€ngelte sich sehr schön dahin. Die Schilder, welche stĂ€ndig vor Elchen warnten, schĂŒrten in uns auch einige Hoffnung einen solchen zu erblicken. TatsĂ€chlich sahen wir jede Menge Rehe, aber leider konnten wir nirgends eines der großen Geweihe erblicken. Nach etwa 10 Kilometern Fahrt machten wir unsere erste Pause. In einem Supermarkt lernten wir finnische Preise kennen, was eine eher niederschmetternde Erfahrung war. Nachdem wir uns ein wenig gestĂ€rkt hatten, rollten wir ein paar Kilometer weiter zu einem schönen Discgolf-Kurs im Wald, wo wir deutlich mehr Zeit verbrachten, als eigentlich beabsichtigt.

Dementsprechend war es bereits nach Mittag, als wir unsere Drahtesel wieder in Bewegung brachten und weiter entlang schöner finnischer Straßen fuhren. SpĂ€testens bei einem weiteren Einkauf stellten wir fest, wie offen und interessiert die Finnen waren. StĂ€ndig wurden wir nett angesprochen und unterhielten uns mit einigen Einheimischen. Ebenfalls auffĂ€llig war, wie gut das Grundniveau der englischen Sprache war. Jeder und jede konnte solides Englisch, zumindest gut genug fĂŒr ein kurzes GesprĂ€ch. Gegen Abend steuerten wir einen See an, an dessen Ufer wir uns einen schönen Platz zum Schlafen erhofften. Dank des „Jedermannsrechts“ mussten wir uns auch nicht groß verstecken, sondern nahmen einfach einen Zugang zum See, den wohl sonst Angler nutzten. Der Weg fĂŒhrte eng zwischen Baumreihen entlang und endete direkt am Wasser. Zu unserem GlĂŒck waren am Ufer auch einige Felsen, welche sich hervorragend zum Sitzen und Kochen eigneten. Gesagt, getan: Vincent begann direkt damit, eine Linsenbolognese zu kochen, Jared baute solange das Zelt auf und ich watete in den See, um mit unserem Filter Wasser abzupumpen. Wie ich bereits gelernt hatte, nehmen der Pumpwiderstand und die Durchflussmenge des Filters exorbitant zu und ab, sobald sich die OberflĂ€che der Filterkartusche zu verstopfen beginnt. Dementsprechend kann man bei sehr klarem Wasser problemlos ein paar Liter filtern, ohne zwischendurch die Kartusche zu sĂ€ubern. Das Wasser unseres Sees war leider nicht klar, sondern so trĂŒb, dass man kaum 15 cm tief sehen konnte. Letzten Endes konnte ich immer nur etwa 700 ml abpumpen, bevor ich den Filter wieder auseinandernehmen, putzen und wieder zusammensetzen musste. Dabei geht auch jedesmal wieder ein wenig des sauberen, bereits gefilterten Wassers drauf. Folglich brauchte ich eine halbe Ewigkeit, um etwa drei Liter Wasser zu gewinnen. Der Lohn fĂŒr diesen Aufwand war dafĂŒr perfekt klares, geschmackloses Trinkwasser und eine große Portion Spaghetti mit (Linsen)Bolognese. Und natĂŒrlich hatten wir fĂŒnf Euro fĂŒr finnisches Wasser gespart!
WĂ€hrend die Sonne unterging, war unser Platz am See wirklich wunderschön und Vincent und ich konnten uns nicht zurĂŒckhalten, noch das eine oder andere Foto mit der Kamera zu schießen. Nachdem wir alles gespĂŒlt und aufgerĂ€umt hatten, gingen wir dann ins Zelt - gerade noch rechtzeitig, bevor zwei junge Angler unsere Kochstelle beanspruchten, um ihre Haken auszuwerfen. Die beiden waren immerhin ehrlich und hatten gar nicht erst einen Eimer oder Ă€hnliches zur Aufbewahrung der fiktiven Beute dabei!

Am nĂ€chsten Morgen frĂŒhstĂŒckten wir noch bei bewölktem Wetter am See und mussten dann schnell alle Schotten schließen. FĂŒr den ganzen Tag war Regen angesagt und das Wetter wollte uns schon frĂŒh morgens nicht enttĂ€uschen. Also kĂ€mpften wir uns durch den Regen. Unser erstes Ziel des Tages sollte Salo sein, wo wir wieder ein paar Scheiben durch die Luft werfen und vor allem einkaufen wollten. Da uns auch der Wind nicht gerade gewogen war, brauchten wir fĂŒr die gerade mal 30 Kilometer ordentlich viel Zeit und Kraft. Nachdem wir schließlich den örtlichen Discgolf-Kurs durchgespielt hatten, gingen wir in ein großes Einkaufszentrum, welches einen Waschsalon beherbergte. WĂ€hrend unsere Sachen gewaschen wurden, verkrochen wir uns vor der NĂ€sse und KĂ€lte im Hessburger. Dort konnten wir uns beim Genuss des einen oder anderen Vekeburger wieder aufwĂ€rmen und unsere nĂ€chsten Tage ein wenig planen. TatsĂ€chlich hielt der Regen fröhlich an und so blieben wir ziemlich lange in unserem Versteck. Als die WĂ€sche trocken war und wir weder vor uns noch vor den Hessburger-Mitarbeiter*innen einen lĂ€ngeren Aufenthalt rechtfertigen konnten, ging es wieder raus in die NĂ€sse. Mit voller Regenmontur wurden wir zumindest von außen nicht nass, kamen aber angesichts der finnischen HĂŒgel und des Windes ordentlich ins schwitzen.

So radelten wir noch eine gute Stunde weiter, immer auf der Suche nach einem trockenen Unterschlupf fĂŒr die Nacht. Einen solchen fanden wir dann in Form eines SchulgebĂ€udes mit großem Vordach. Da morgen Sonntag war, waren wir recht zuversichtlich, dass die kleinen GrundschĂŒler frei haben mĂŒssten und so schlugen wir unser Lager auf. Im Schutz des Daches konnten wir gemĂŒtlich Kochen und den restlichen Abend verbringen. Unser eigentlicher Plan, direkt unter dem Dach zu schlafen, wurde leider von der Zeitschaltuhr der GebĂ€udescheinwerfer zunichte gemacht. Also suchten wir uns ein ebenes Eck am Rande des SchulgelĂ€ndes und spannten dort unser marodes Zelt so gut es ging ab. Unsere Wollsachen, welche nicht in den Trockner gedurft hatten, hĂ€ngten wir vor dem Eingang zum trocknen auf und verkrochen uns ins Zelt. Etwas erledigt schliefen wir ein und trĂ€umten vom Ende des Regens.

Nach einer erholsamen Nacht waren wir wieder motiviert, die letzten Kilometer bis Turku zurĂŒckzulegen. Kurz nach der Abfahrt wurden wir direkt aufgehalten, da Vincents Kette riss. Zum GlĂŒck hatten wir genug Werkzeug und SpĂŒlmittel dabei, um das ganze zu reparieren und auch Vincents HĂ€nde wieder einigermaßen zu sĂ€ubern. Nachdem wir wieder losfuhren, machte die Kette zwar sehr auffĂ€llige GerĂ€usche, aber wir wollten weiterfahren und schoben das ganze auf die nun erhöhte Kettenspannung. Beim ersten Stop in einer kleinen Stadt, wo wir einkauften und den weiteren Tag planten, schauten wir uns das ganze dann nochmal an. In der Eile hatten wir tatsĂ€chlich die Kette falsch gelegt, so dass sie die ganze Zeit ĂŒber ein StĂŒck Metall geschliffen war. Upps! Also wurden Kettennieter und SpĂŒlmittel erneut ausgepackt und diesmal klappte alles.
Da wir es nicht mehr weit hatten und unsere FĂ€hre erst am nĂ€chsten Tag gehen wĂŒrde, waren wir relativ gemĂŒtlich unterwegs und nahmen auch wieder einen Discgolf-Kurs mit. Dort kam auch keine Einsamkeit auf: Mindestens 20 Autos und 30 FahrrĂ€der hatten schon am ersten Abwurf geparkt und so waren sehr viele Leute unterwegs.
Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in Turku, wo wir uns zum Kaffee einige Runden Skat genehmigten. Außerdem nahmen wir unser Vesper mit Blick auf ein Baseball-Spiel zu uns. Wir brauchten ein wenig, um die speziellen Laufwege dieser Baseball-Variante zu verstehen. Trotzdem war es beeindruckend, auf welchem Niveau die augenscheinlichen Amateure hier spielten und war waren bestens unterhalten. Leider verlor das heimische Team und so gingen nach Ende des Spiels alle schnell und gefrustet nach Hause.
Als es langsam zu dĂ€mmern begann, radelten wir auf die kleine Insel Ruissalo vor der KĂŒste von Turku in direkter NĂ€he zum Hafen. Auf dem Weg dahin, kamen wir an der Burg von Turku vorbei, wo gerade ein Festival stattfand. Da auch wir seit Ewigkeiten keine Live-Musik mehr zu hören bekommen hatten, wurden wir ordentlich neidisch und wĂ€ren am liebsten sofort auf das GelĂ€nde gefahren.

Ein paar Kilometer weiter, auf der Insel, dachten wir noch kurz darĂŒber nach, in einer kleinen HĂŒtte zu ĂŒbernachten, die eigentlich fĂŒr Schafe gedacht war. Da Jared und Vincent aber bereits einen anderen hervorragenden Übernachtungsplatz ausgemacht hatten, rollten wir weiter. Unser Tagesziel erreichten wir am Rand der Insel, wo sich ein sehr schöner öffentlicher Strand befand. Die etwas wackelige Bank nutzten wir zum kochen, wĂ€hrend wir stĂ€ndig den Hafen im Hintergrund beobachteten. Zwei der großen FĂ€hren waren gerade dabei abzulegen und wir wussten, dass sie eng an uns vorbei mussten. Als die erste FĂ€hre dann kam und Vincent und ich ins Wasser rannten, waren wir doch ĂŒberrascht, wie nah wir an das große Schiff herankamen. Außerdem war der Sog bereits super stark und das Wasser wurde gute 20 Meter vom Strand zurĂŒckgezogen, wĂ€hrend die FĂ€hre passierte. Wenn man dabei den Kopf unter Wasser steckte, konnte man hören, wie der Sand mit dem Wasser mitgerissen wurde und dabei ein lautes SchleifgerĂ€usch verursachte. Als das Schiff dann vorbeigezogen war, kam das gesamte Wasser wieder zurĂŒck und fĂŒllte das Strandbecken erneut.

Nachdem wir auch noch das zweite Schiff bewundert hatten, bauten wir unser Zelt direkt am Strand unter einem kleinen Baum auf. Es hatte begonnen zu regnen und hier war der Boden noch trocken und es blieb kein Sand am Zeltboden kleben. WĂ€hrend es dunkel wurde und wir uns in unser Zelt verkrochen, fanden sich mehrere hundert GĂ€nse ein. Diese wollte ewig nicht den Schnabel halten und behinderten ein wenig unsere Nachtruhe. Immer wieder musste irgendeine Gans losschnattern, worauf die Ruhe welche sich ĂŒber mehrere Minuten aufgebaut hatten zu Nichte war und alle anderen GĂ€nse wieder einstimmten. Irgendwann wurden sie dann wohl auch mĂŒde und wir konnten schließlich einschlafen.

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