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von Jared Faißt
am 31.05.2021
Start
Borgo Grappa
🇮🇹 Italien
Ziel
Rom
🇮🇹 Italien
Strecke
92,55
km

Heute hatten wir mal wieder eine Menge vor. Leider hatte Vincent‘s iPad (was wir nutzen, um den Blog zu betreiben) einen Riss im Bildschirm bekommen ohne Fremdeinwirkung und die 1-Jahr Garantie läuft tatsächlich in genau 5 Tagen ab. Daher wurde schleunigst der nächste Apple Store in Rom anvisiert. In Rom selbst wurde auch gleich ein Camping Platz für 2 Nächte gebucht, damit wir uns noch einen freien Tag in dieser imposanten Stadt genehmigen können. Dank wegfallender Schlafplatzsuche konnte der Tag dann auch etwas entspannter angegangen werden. Die erste Lektion, die wir aber an unserem heutigen Schlafplatz am Strand vor Latina gelernt haben ist

Sand ist nicht gleich Sand!

Bisher hatten wir recht erfolgreich an Stränden genächtigt, ohne größere Probleme mit den Sandkörnern zu bekommen. Jedoch war der Sand bisher auch meist eher grobkörnig, was die Entledigung dieser Steinchen vorm Zelteinstieg natürlich enorm erleichtert. Dieses Mal mussten wir feststellen wie zäh sehr feiner Sand in dieser Hinsicht sein kann. Wir haben ihn kaum von unseren Töpfen klopfen können und auch nicht von unseren Füße anständig abgerubbelt bekommen.. der Sand war einfach überall. Wir sind daher am Morgen direkt zum benachbarten See rübergerollt, um dort die sandigen Sachen noch einigermaßen zu reinigen und mit dem übrig gebliebenen Wasser noch ein Porridge zu richten. Gestärkt und halbwegs sauber ging es dann los durch Latina weiter Richtung Rom. Ziemlich genau auf halber Strecke legten wir die Mittagsrast ein. Wir wählten recht willkürlich einen Parkplatz neben einer maroden Halle, bei der ein Baum etwas Schatten spendete. Wie üblich mittlerweile wurde Tomaten mit Knoblauch auf angebratenem Baguette gevespert. Ab und an konnte man ein seltsames Knallgeräusch in der Halle vernehmen. Als wir einen vorsichtigen Blick durch die Gitterfenster warfen, erkannten wir auch ein paar Kugeln darin, mit denen geworfen wurde und es erinnerte stark an das Spiel Boule.

Espresso schlürfen in der Bocce Halle
Espresso schlürfen in der Bocce Halle

MVP des Tages: Präsident

Nachdem wir uns satt gegessen hatten und gerade zusammengepackt haben, kam ein Mann heraus und erkundigte sich nach unserer Reise. Ich erklärte ihm, wieviel Kilometer wir so täglich machen und was heute noch ansteht und das geht mittlerweile komischerweise auch auf „italienisch“ ganz gut. Der Schlachtplan für solche Konversationen ist dann immer fieberhaft zu versuchen, Wörter aufzuschnappen, die es im spanischen, französischen oder Latein gibt und sich dann zusammenzureimen, was dem Gegenüber wohl gerade durch den Kopf schwirrt. Er bot uns anschließend einen Espresso in der Vereinshalle an und erklärte uns, dass es sich hier um Bocce handelt (deutsch gesprochen: Bodschia.. oder so). Die ganzen Trophäen auf den Regalen und das professionelle Equipment deuteten daraufhin, dass es sich nicht (wie ich dachte) rein um einen Aldi-Aktions Sport handelt, der sonst immer beim Campingurlaub zu finden ist. Die Bahn beim Bocce misst in etwa 30m mal 3m und besteht aus asphaltiertem Untergrund. Unsere Lust auf eine Runde zocken war uns wohl anzusehen und schließlich forderte der Präsident uns dann auch zu einer Runde heraus. Wir waren anfangs erstaunt wie wenig Schwung der Kugel mitgegeben wird, aber sie rollt natürlich auch umso besser auf dem harten und ebenen Untergrund. Nun war es also an uns seiner ersten Kugel nachzuziehen. Während Katha wohl noch zu viel Power in den Armen hatte, hat Vincent sich schon deutlich besser angenähert. Ich durfte dann als Abschluss der ersten Runde meine Kugel werfen und wurde eine halbe Sekunde nach Abwurf direkt mit Bravos des Präsidenten gelobt, der sicher schon mit all seiner Erfahrung direkt wusste, dass ich tatsächlich näher an die kleine Kugel kommen werde. Stolz forderte ich natürlich sofort ein Foto ein. Mein direkter Triumph hat ihn wohl aber auch etwas gekränkt und er murmelte etwas von „Fortuna ...“, was vermutlich irgendwas mit Anfängerglück meinte.

Schnell holte er die Kugeln wieder zurück und zwang uns zu einer zweiten Runde. Dieses mal hatten wir alle etwas weniger Fortuna und die Nervosität trieb die Kugeln dieses Mal deutlich weiter nach hinten. Feiernd nötigte er mich dazu, auch davon ein Bild zu machen... also hier ist auch das zweite Resultat.

Anschließend verabschiedeten wir uns von ihm und machten uns auch die zweite Hälfte der heutigen Etappe. Der Verkehr nahm immer mehr zu und irgendwann waren wir dann tatsächlich am Ortsschild von Roma. Wir hielten kurz inne und waren allesamt sehr happy, diesen Meilenstein erreicht zu haben. Wir steuerten dann ziemlich direkt den Apple Store an, um, wenn möglich, Vincent‘s iPad noch umzutauschen. Angekommen vor der rieseigen Mall, versuchte Vincent alles ihm mögliche zu tun, um sich vom verlotterten Reiseradler in einen seriösen Applekunden zu transformieren, dem man abnehmen konnte, dass er pfleglich mit seinem Equipment umging. Wir taten unser bestes und legten unsere schicksten Sachen zusammen. Vincent bekam meine beste Hose mit nur einem Fleck, festes Schuhwerk, Fingernägel wurden nochmal geschnitten und das Halstuch wurde lieber versteckt. Seriös sahen wir immer noch nicht aus, aber unsere Chancen standen sicherlich schon etwas besser. In der Mall musste zuerst der Apple Store gefunden werden. Wir wurden nach einer Weile rumlaufen auch fündig und begegneten dort unserem 2. MVP des Tages:

MVP 2 des Tages: Apple Mitarbeiter

Ohne Termin und obwohl bis am nächsten Tag auch kein Zeitslot mehr frei gewesen wäre hat ein gnädiger Apple Mitarbeiter uns doch noch unserem Problem angenommen und das iPad direkt ersetzt. Wir alle, aber vor allem Vincent war sehr erleichtert, da eine Displayreparatur eigentlich schon Totalschaden bedeutet bei diesem Gerät.

Wir steuerten mit letzten Kräften den Campingplatz in Rom an und bezogen dort nach zuvor 3 Strandnächten mal wieder ein kleines Bungalow. Am nächsten Tag wollen wir die Räder mal wieder ruhen lassen und uns Rom anschauen gehen.

von Katharina Eberle
am 28.05.2021
Start
Sorrent
🇮🇹 Italien
Ziel
Cuma
🇮🇹 Italien
Strecke
78,63
km

Die Strecke hinter Sorrent war gar nicht nach unserem Geschmack und Neapel, wo wir vorbeifuhren, auch nicht. Überall lag Müll herum und der Verkehr war laut. Die Straße bestand zu einem großen Teil aus Kopfsteinpflaster, was auf Dauer super nervig ist. Und sogar unsere Barpause war nicht entspannt, sondern hat uns weitere Nerven gekostet. In einem Café namens „Antistress Bar“ bestellte Vincent wie immer „3 Cappuccini“. Als ich vor dem Eintreffen der Kaffees auf die Toilette ging, fragte mich die Frau hinter der dem Tresen, ob ich „Cappuccino grande“ möchte. Ich war zwar ein wenig verwundert, weil was soll in Italien denn bitte „Cappuccino grande“ sein, aber dachte, dass Vincent das sicher bestellt hat und bejahte ihre Frage also (Alles natürlich auf halb Englisch, halb Italienisch, was die Kommunikation eh immer schwierig macht). An unseren Tisch wurde schließlich ein Longdrink-ähnliches Gefäß gebracht mit sehr viel Milch darin und wohl einem einfachen Espresso. Die Bedienung brachte noch eine Untertasse hinterher, die verdächtig danach aussah, als wäre sie die Untertasse von einer stinknormalen Cappuccinotasse. Es war viel zu viel und schmeckte nicht besonders gut. Als ich zahlen ging, standen in der Bar plötzlich ungefähr 6 weitere männliche Bedienstete, die davor noch nicht da waren und pro Cappuccino wurden 5€ verlangt. Normalerweise kostet der Spaß für 1 Tasse 1,50€. Auch Vincents Nachfrage nach einer Preisliste, die sie „wegen Corona“ nicht hatten, half uns nicht weiter. Sehr wütend darüber, dass wir reingelegt wurden, fuhren wir weiter und konnten das Radfahren erstmal nicht genießen. Das war nicht so schlimm, weil Neapel sowieso hässlich ist. Nach ca einer halben Stunde hielten wir dann trotzdem an und legten eine kleine Boxpause ein mit Vincents Fahrradtasche als Boxsack, um unsere Wut hinter uns zu lassen. Das war zwar nur halb professionell (fast hätte es eine Verletzung gegeben dabei), half aber.

Katha lässt ihrem Frust freien Lauf
Katha lässt ihrem Frust freien Lauf

Abends hatten wir Glück, denn auf dem Weg zum Strand befanden wir uns plötzlich mitten auf einem Reiterhof. Eine Frau und ihr Sohn erlaubten uns, im direkt angrenzenden Wald zu schlafen. Morgens war Jared schon früh wach, weil er von einem seltsamen Geräusch geweckt wurde, welches sich regelmäßig wiederholte. Als er beschloss, aufzustehen und sich die Sache näher anzuschauen, erkannte er, dass das Geräusch von Pferderennwägen kam, die à la Asterix und Obelix durch den Wald düsten. Doch zum Glück schien es niemanden zu wundern, dass wir im Wald geschlafen hatten. Wahrscheinlich ist der gesamte Reiterhof schon vorgewarnt worden. Wir hingegen waren schon etwas verwundert über die vielen Rennfahrer im Wald. Den Tag über fuhren wir zur Abwechslung mal Fahrrad. Die Landstriche, die wir dabei kreuzten waren vor allem von Armut und Müll geprägt. Trotzdem fanden wir auch mal einen schönen Strand für eine Pause.

MVP des Tages: Unbekannt

Um 17.00 beschlossen wir, dass wir mit unserer sportlichen Leistung für den Tag zufrieden waren und verbrachten den Abend in einer Bar mit zuerst Kaffee, dann Bier. Wir freuten uns unglaublich darüber, dass die Barbesitzerin nach einiger Zeit an unseren Tisch kam und uns mitteilte, dass ein uns unbekannter Mann ungefragt unsere Rechnung übernommen hat. Sie richtete uns von ihm ein „Welcome to Italy“ aus und der MVP des Tages winkte noch kurz vor dem Losfahren aus dem Autofenster. Lustigerweise betrug die Rechnung dank den „Birre GRANDE“, die Jared uns bestellt hatte, genau 14,70€, was ungefähr dem Betrag entsprach, den wir am Tag vorher im Antistress-Café „verloren“ hatten. Die Freude war vor allem so groß, weil wir mitterweile aufgrund dieser blöden Maschen in den Bars und Cafes dazu tendierten, immer überversichtig nachzufragen, was wieviel kostet und ob es überhaupt eine Preisliste gibt ohne dass wir einfach mal entspannt Cappuccino schlürfen konnten... Nun war das zum Glück wieder vergessen und Italien war wieder zum Genießen.

Auch der Schlafplatz in einer einsamen Bucht war hervorragend. Als es dunkel war, waren sogar viele Glühwürmchen zu sehen. Die Bucht blieb leider nicht die ganze Nacht einsam, denn um ca. 1 Uhr nachts kamen Angler, die tatsächlich angeln wollten und selbst zu dieser späten Stunde noch angeregt ein Schwätzchen hielten. Sie blieben die ganze Nacht und gingen morgens wieder nach Hause, als wir unser Zelt zusammenpackten. Wirklich sehr seltsam.. Vielleicht gibt es Nachts größere Fische zu fangen. Das meinte zumindest Jared.

Unsere Schlafbucht
Unsere Schlafbucht
von Jared Faißt
am 27.05.2021
in
Sorrento
🇮🇹 Italien

Radlerhose hinterlässt Spuren
Radlerhose hinterlässt Spuren

Heute hatten wir uns nach mittlerweile 14 Etappen vorgenommen, einen Pausetag mit Kultur einzulegen und die Fahrräder zum ersten mal (seit den Zugreisetagen) ruhen zu lassen. Geplant hatten wir, zuerst eine Bucht aus Vincents Erinnerungen aufzusuchen und schwimmen zu gehen und anschließend nach Pompei zu reisen per Zug und die Ruinenstadt besichtigen. Schnell wurde dann doch wieder klar, wie praktisch doch so Fahrräder sind, um nicht unnötig lange rumzulaufen, also wurden die Räder schließlich doch wieder gesattelt, jedoch mit einer einzigen Tasche und dem Nötigen für den Schwimmvormittag. Ohne Gepäck fühlten wir uns, als hätten wir heute ein e-Bike am Start und so flitzten wir bei gefühlt Puls 60 entspannt zur Bucht. Durch eine schmale steile Straße gelangten wir schließlich an eine Bucht, bei der man sehr gut zu einem Naturbogen schwimmen konnte. Während ich (wie immer) etwas länger mit dem kalten Wasser zu kämpfen habe, waren Katha und Vincent bereits auf den Bogen hochspaziert und beobachteten (angeblich) sogar Delfine... vielleicht wars auch ich (zu dem Zeitpunkt dann auch mal im Wasser).. man weiß es nicht.

Schließlich kehrten wir zum Resteessen noch einmal zu unserer Unterkunft zurück, bevor es dann per Zug nach Pompeji ging. Dort planten wir die Ruinenstätte, die vom Vulkan Vesuv im Jahr 78 nach Christus begraben wurde, zu besuchen. Währendher las Vincent uns einen Brief aus der Zeit des Ausbruchs vor. Der Brief stammt von Plinius dem Jüngeren. Dieser schrieb an den Geschichtsschreiber Tacitus seine Memoiren über seinen Onkel Plinius dem Älteren. Der Onkel (selber Naturforscher) eilte nämlich zu den Fliehenden von Pompeji, als der Vesuv regelrecht explodierte und verunglückte dann dabei selbst. Diese Erzählungen sind heutzutage sehr zentral, was die Erforschung des damaligen Zeitgeschehens betrifft. Der Brief ist komischerweise eher amüsant geschrieben, zum einen vielleicht einfach weil es so aus der Zeit gefallen ist und zum anderen, weil es sich liest wie ein Theaterstück. Es geht los mit:

Er (der Onkel) war in Misenum und befehligte die Flotte. Am 24. August, etwa um 1 Uhr mittags, berichtete ihm meine Mutter, dass sich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt zeige. Er hatte in der Sonne gelegen und ein kaltes Bad genommen, sich ausgestreckt und etwas gegessen und nahm wieder seine Arbeit auf. Er ließ sich seine Sandalen bringen und erklomm eine Anhöhe, von der aus man die wundersame Erscheinung beobachten konnte.

Der Übeltäter. In pink in etwa die Form vorm Ausbruch.
Der Übeltäter. In pink in etwa die Form vorm Ausbruch.

Weiter heißt es dann:

Einem bedeutenden Naturforscher wie meinem Onkel erschien dies Ereignis betrachtenswürdig und wichtig. Er ließ ein leichtes Schiff bereit machen und begab sich selbst an Bord. Er bot mir an, mit ihm zu kommen. Ich antwortete, dass ich lieber arbeiten wolle und zufällig hatte er selbst mir etwas gegeben, woran ich schreiben sollte. Er trat soeben aus dem Haus, da er ein Schreiben von Rectina, der Frau des Cascus, erhielt, die über die drohende Gefahr erschrocken war (denn ihr Anwesen lag am Fuße des Vesuv und es gab keine andere Flucht als mit dem Schiff) und sie bat ihn, sie aus der Gefahr zu retten. Darauf änderte er seinen Plan, und was er aus Neugierde begonnen hatte, führte er jetzt mit Edelmut aus.

Der Edelmutige (in heutiger Sprache: Ehrenmann) versuchte also zu helfen und begab sich dabei selbst direkt in Gefahr

Er eilt dorthin, von wo aus andere fliehen, mit geradem Kurs auf die Gefahr zu. So furchtlos, dass er alle Veränderungen und Formen des Unheils so wie er sie wahrnahm, diktierte und aufzeichnen ließ. Schon fiel Asche auf die Schiffe, je näher sie herankamen, desto heißer und dichter; nun auch schwarze und ausgebrannte, vom Feuer geborstene Steine. Eine plötzliche Untiefe und der Auswurf des Berges macht die Küste unzugänglich. Er überlegte, ob er umkehren sollte, so wie es ihm der Steuermann riet, und sagte ihm: „Mit den Tapferen ist das Glück, fahre zu Pomponianus!“

Leider bleibt das Happy End dieser Geschichte aus, denn schließlich kommt der Onkel wie viele weitere Menschen zu jener Zeit im Qualm des Schwefel-Rauch Gemischs ums Leben, oder wie es im Brief heißt:

Gestützt von zwei Sklave erhob er sich und brach darauf wieder zusammen; wie ich vermute durch den dicken Rauch erstickt, weil sich die Luftröhre verschloss, die bei ihm eng und schwach war.

Das Inferno muss wohl wirklich gewaltig gewesen sein. Durch den Ausbruch hat sich sowohl die Küstenlinie um den Vesuv herum, sowie der Vesuv selbst stark verändert. Die Stadt Pompeji wurde dabei vollständig von der Asche begraben (25m unter heutigem Erdboden). Die Stadt wurde dadurch quasi konserviert und im 18. Jahrhundert wieder freigelegt. Wir besuchten diese archäologische Stätte am Nachmittag und liefen durch die menschenleeren Gassen dieser antiken Stadt. Interessant ist vor allem, dass die Straßen im Vergleich zu den Gehwegen deutlich abgesenkt sind und der Zebrastreifen wiederum dann eine erhöhte Folge von Steinen darstellt. Dies wurde erstmal genutzt, um für unseren Beatles Fanboy Vincent das Abbey Road Cover nachzustellen ;-)

Antike Abbey Road
Antike Abbey Road

Weiter ging es dann durch die Gassen der Kleinstadt. Interessant war hier auch, dass die Stadt mit nur knapp 8000-10.000 Einwohnern über 70 Lokale (Tavernen) verfügte und ein Amphitheater mit einer Kapazität von bis zu 20.000 Zuschauern hervorbrachte. Die Tavernen wurde wohl damals hauptsächlich von der niederen Klasse verwendet, die sich damals auch keine Küche in ihren eigenen 4 Wänden leisten konnte. Das Amphitheater wurde genutzt unter anderem für Gladiatorenkämpfe. Im Jahr 59 n. Chr. kam es wohl sogar bei einem Gladiatorenkampf zu schweren Ausschreitungen mit „Fans“ der benachbarten Stadt Nuceria. Kaiser Nero verbot daraufhin Gladiatorenspiele in dieser Arena für 10 Jahre. Recht amüsant diese Paralellen zu heutigen Fußballspielen, wo die Vereine ebenso mit Geisterspielen abgestraft werden bei Fehlverhalten der Fans. Bei aller Unnötigkeit von Gladiatorenkämpfe haben die Römer immerhin keine Geistergladiatorenkämpfe austragen lassen.

Amphitheater in Pompeji
Amphitheater in Pompeji

Wir verließen das menschenleere Pompeji und ließen den freien Tag mit erneut Pasta alla Norma und einem Limoncello ausklingen (diese mal mit gebackenen Auberginen). Morgen erwartet uns eine stramme Etappe durch Neapel und wir freuen uns tatsächlich auch schon wieder aufs Fahrrad!

von Vincent Kliem
am 26.05.2021
Start
Salerno
🇮🇹 Italien
Ziel
Sorrento
🇮🇹 Italien
Strecke
61,1
km

Heute ging es von Salerno über die wunderschöne Amalfiküste nach Sorrent. Ich (Vincent) habe mich schon seit Tagen auf diesen Streckenabschnitt gefreut. Vor vielen Jahren war ich schon mit meiner Familie in Sorrent im Urlaub und von dort sind wir mit dem Linienbus mit abendteuerlichen Tempo die Amalfiküste entlang gefahren - später dazu mehr. Heute wollten wir das ganze etwas gemächlicher angehen!

Etwas verunsichert waren wir, ob die enge Küstenstraße auf dem Fahrrad gut zu fahren ist, entschlossen uns - trotz Warnung in Salerno - es zu probieren. Unsere folgenden Eindrücke sind natürlich unter der besonderen Coronasituation und dem ausbleibenden Tourismus entstanden und sicherlich sieht die Situation zur Hochsaison etwas anders aus:

Nachdem wir den Großraum Salerno verlassen hatten, ging der Verkehr merklich zurück. Teilweise waren die Straßen wirklich erstaunlich leer und wir konnten die wunderschöne sich am Steilhang entlangschlängelnde Küstenstraße genießen. Es war einfach atemberaubend. Nicht zu Unrecht wird dieser Abschnitt auch als schönste Küstenstraße der Welt bezeichnet. Auch unsere Wäsche durfte sich in dieser bezaubernden Kulisse noch vollends trocknen.

Komisch riechender Tunnel vor Amalfi
Komisch riechender Tunnel vor Amalfi

Aber auch wir nutzten die Wahnsinnskulisse der Amalfiküste und ließen mehrfach unsere Drohne fliegen und genossen so auch den (digitalisierten) Blick vom Meer aus auf die Küste. Eine Bootsfahrt, die wir gerne noch unternommen hätte, war logistisch mit unserem Gepäck und den Fahrrädern nicht möglich, lohnt sich aber auf jeden Fall!

Am Rande von Amalfi kamen wir durch einen kleinen unscheinbaren Tunnel, der

allerdings etwas seltsam roch. Vincent wusste natürlich sofort den Grund:

Sorry, liebes Schwesterherz, aber hier musst du jetzt durch, wie durch die 47 Kurven von Sorrent nach Amalfi, die wir im Familienurlaub 2004(?) im Linienbus mit einem Affenzahn entlang geheizt sind.

47 Kurven, in denen du erfolgreich dein Frühstück in dir behalten konntest. 47 Kurven voller Konzentration und starrem Blick nach vorne, bevor es im letzten(!!!) Tunnel - auf den letzten Metern vor dem rettenden Ausstieg in Amalfi - im vollbesetzten Bus kein halten mehr gab. Die anschließende Säuberungsaktion im Brunnen von Amalfi hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Immerhin durften wir dank dir mit dem Schiff zurück fahren.

Vor lauter Begeisterung und Staunen merkten wir garnicht, dass wir auch ordentlich Höhenmeter gemacht hatten. Weit über 1400m auf „nur“ 60 km. Diese spürten wir um so deutlicher abends in unseren Oberschenkeln. Wir buchten uns in Sorrent eine Ferienwohnung für zwei Nächte und werden morgen erst einmal einen Pausentag einlegen, um uns Pompeji anzuschauen und etwas unsere Akkus aufzuladen. Den Abend ließen wir mit Limoncello und ABBA ausklingen!

von Jared Faißt
am 25.05.2021
Start
Paestum
🇮🇹 Italien
Ziel
Salerno
🇮🇹 Italien
Strecke
45,54
km

Nachdem wir eine anstrengende Fahrt nach Agropoli hinter uns hatten, war es am nächsten morgen schon garnicht mehr weit bis Paestum.

Vor 3 Wochen hat uns Albrecht (Vincents Papa) wärmstens epfohlen, dort vorbeizuschauen. Kathas Verdacht, dass sich dahinter eine Pilgerreise der Pesto-Verrückten verbirgt war schnell verflogen als wir die Tempelruinen erblickten. Glücklicherweise bot uns Albrecht sogar eine Direktverbindung zu einem Audioguide an (seine Handynummer) und so waren wir bestens aufgehoben. Als er uns schließlich willkommen hieß im antiken Griechenland war ich kurzzeitig verwirrt, ob Vincent seinem Papa das richtig erklärt hatte mit dem Routenplan unserer Radreise. Schnell stellte sich heraus, dass jedoch unsere unzureichende Bildung das Manko darstellte und tatsächlich die Griechen um ca. 500 v. Chr. diese Kolonie erbauten. Unsere mobile Wissensquelle lockte schließlich tatsächlich sogar weitere Wissensdurstige an und so fragte schließlich ein älteres Paar, wo man denn diese Audiodatei herbekommt. Da mussten wir lachend Albrecht kurz unterbrechen, aber luden sie schließlich ein, einfach mitzulauschen. So versammelten wir uns zu fünft um ein auf laut gestelltes Telefon herum und lernten eine ganze Menge, von uraltem Honig, über Steinbauwerke, die eigentlich vom Holzbau inspiriert sind und von der speziellen Art der Säulen, die ihre dickste Stelle garnicht direkt unten haben sondern knapp über dem Auflagepunkt am Boden.

Als Albrecht fragte, an was uns diese Form der Säulen erinnert, ist mir direkt eigentlich nur der klassische Baobab Baum auf Madagaskar eingefallen, aber bevor ich es aussprach dachte ich mir schon, dass das sicher nicht die Lösung griechisch-römischer Kulturfragen ist. Tatsächlich sind es wohl die menschlichen Muskeln, die als Inspirationsquelle dienten, um dem Gebäude eine gewisse Kraftausstrahlung zu geben. Schließlich sind Muskeln auch nicht am dicksten direkt am Ansatz sondern erst kurz dahinter. Diese Theorie musste dann erst einmal mit den frisch aufgepumpten Radlerwaden abgeglichen werden und tatsächlich: Meine Wade schien hier wohl direkt als Vorlage gedient zu haben. (siehe Foto)

Albrecht führte uns weiter durch die Ruinenstätte und erzählte uns von einer antiken Schwimmanlage mit Taucher-Parkour und der Basilica in Paestum, nicht zu verwechseln mit Basilikum im Pesto! Kurze Frage in die Heimat an dieser Stelle: Wie macht letzteres sich auf unserem Balkon, Lisa? ;-)

Oben: Basilica in Paestum, Unten: Basilikum im Pesto
Oben: Basilica in Paestum, Unten: Basilikum im Pesto

Wir verließen anschließend die archeologische Pilgerstätte und machten uns auf zu einer weiteren Pilgerstätte, und zwar die der Amateurabenteurer: Decathlon! Schließlich musste dringend für Ersatzgas gesorgt werden und wir wurden absolut nirgendwo sonst fündig. Ein paar Dreck- und Schotterpisten Richtung Landesinnere und schon erstrahlte der quaderförmige Koloss in seiner vollen Pracht. Leider war dann die Auswahl bei den Kochern eher mäßig und hauptsächlich gab es Steck-kartuschen mitsamt klobigen Herd-artigen Gerätschaften. Wir bekamen zum Glück doch noch Schraubkartuschen, wenn auch kleine, aber wurden auf der Suche nach einem weiteren Ersatzkocher nicht fündig. Die Ineffizienz des Aufschraubkochers wird nun mit Masse an Gas kompensiert und bringt uns hoffentlich über die nächste Woche. Außerdem wurden noch Sonnenbrillen upgedated, der verlorene Fahrradhelm von Vincent ersetzt und Katha (leicht unfreiwillig für das stylische Gravelbike) mit einem Fahrradständer beglückt.

Waschaction im B&B
Waschaction im B&B

Die Route führte uns so langsam in dicht besiedeltes Gebiet, was die Suche nach wilden Schlafplätzen erschwerte. In der Metropolregion Salerno suchten wir deshalb nach einem B&B mit Waschmöglichkeit. Auf Papier wurden wir auch fündig (sogar mit Trockner) und buchten die Unterkunft, jedoch stellte sich dann in der Gebärdensprache-artigen Konversation mit dem rein italienisch sprechenden Hausherren heraus, dass es wohl doch keine Waschmaschine gibt. Kurzerhand wurde eben klassisch per Hand gewaschen, mit dem Waschbecken als Einweichstation in Waschmittel und dem Fußwaschbecken als Scheuer- und Auswringstation. Anschließend wurde der gesamte Balkon mit unseren Kleidungsstücken vollgehängt, jedoch wurde die Wäsche über Nacht nicht so ganz trocken. Immerhin erwartet uns morgen die wunderschöne Amalfi-Küste mitsamt Sonnenschein, da wird man die Wäsche schon noch irgendwo mal kurz raushängen können.

Abschließend darf ich hier noch ein Novum auf unserem Blog vorstellen, ein Gastbeitrag! Und zwar direkt von unserem wahnsinnig kompetenten Audio Guide Albrecht Kliem:

Unser Audioguide vor dem Hera II Tempel
Unser Audioguide vor dem Hera II Tempel

Gastbeitrag: Paestum - Einhalt auf dem Weg nach Norden

Im Jahre 1958 kamen schon der Großvater und die Großmutter eines der Radler an diesen unglaublichen Ort. Auch sie waren von Süden - von Sizilien kommend - nach Norden unterwegs und machten hier mit einer Studentengruppe Halt. An einem Ort der Antikenbegeisterung. Die Begeisterung übertrug sich auf den Gastautor dieses Blogeintrags, einen Sohn des Großvaters. Denn dieser führte mich 1987 bei einem Tagesausflug aus Rom an diesen unglaublichen Ort. Nun habe ich selbst mich sehr gefreut, den drei Radlern, darunter meinem Sohn, heute etwas zu den Tempeln in Paestum weitergeben und zu Gehör bringen zu können. Ja zu Gehör bringen! Die Leser dieses Richtung-Norden-Blogs wissen, dass Hightech die drei technikaffinen Radler auf allen Wegen begleitet - abgesehen von Gaskocherkatuschenproblemlösungen. Wenn spektakuläre Drohnenbegleitflüge an sensationellen Küstenstraßen möglich sind, warum nicht auch klassische und sogar interaktiv bildende Audioguides: So durfte ich heute also mit in Paestum sein. Es war mein siebter Besuch dort. Inzwischen habe ich auf Studienreisen Schüler und auch Kollegen geführt. Diesmal war ich für die drei Radler am lautgestellten Handy direkt vor dem Hera II Tempel präsent.

Hier die Kurzform des Audioguides „Paestum für Radler nach Norden“.

1.Ihr seid hier in Griechenland!

„Südlich von Rom beginnt Griechenland, doch Italien hört nicht auf.“ (Eckart Peterich - Der „Peterich“ war der mehrbändige Kunst und Reiseführer der Bildungshungrigen und Italienbegeisterten der Nachkriegszeit – siehe Großvater!

2. Die Griechen saßen am Mittelmeer wie die Frösche am Teich. (Platon)

Die Blüte der griechischen Stadt Poseidonia (röm. Paestum) war um 560-440 v.Chr. Das römische Reich übernahm große Teile der griechischen Kultur/Religion/Kunst.

3. Der dorische Tempel als Gesamtkunstwerk

Die europäische Baugeschichte kann man nicht verstehen, wenn man sich nicht hiermit beschäftigt hat. Nüchterne Beschreibung des Aufbaus von unten nach oben:

Die Krepis mit 3 Stufen. Ohne Basis - direkt darauf gesetzt: die kannelierten Säulen mit der besonderen Schwellung (Enthasis). Abgeschlossen durch die dorischen Kapitelle mit Echinus (Kissen) und quadratischem Abakus. Diese tragen den Architrav und das Metopen - Triglyphen- Fries. Den Abschluss bildet auf den Querseiten der Giebel mit dem Tympanonfeld.

4. Paestum als besondere griechisch/römische Stadt

Geschichte / Tempelbezirk / Forum / Grab des Tauchers / Labyrinth / Unterirdisches Sacellum mit Honig ....

Es gäbe so viel zu erzählen und bestaunen.

Vielleicht reicht zum Abschluss dieses Blogs ein Goethe. Auf seiner Italienreise kam dieser nämlich auch aus dem Süden kommend Richtung Norden hier vorbei. Nur einige Jahre nach der Wiederentdeckung der in Maleriasümpfen die Jahrhunderte überdauernden Tempel schrieb Goethe in seiner Italienreise:

„Auch ist der mittlere Tempel (Hera II) nach meiner Meinung allen vorzuziehen, was man noch in Sizilien sieht! Es ist die letzte und fast möchte ich sagen herrlichste Idee, die ich nun nordwärts (sic!) vollständig mitnehme.“

Euch drei Radlern wünsche ich auf dem Weg Richtung Norden weiterhin viele herrliche Ideen (auch für das Gaskocherkatuschenproblem), tolle Begegnungen und reiche Erlebnisse aus Natur und Kultur.

Albrecht