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von Jared Faißt
am 11.07.2021
Start
Pasewalk
🇩🇪 Deutschland
Ziel
Anklam
🇩🇪 Deutschland
Strecke
75,95
km

Die Nacht war super erholsam im Wald. Die dichten Bäume schützten uns sehr gut vor den frühen Sonnenstrahlen uns so schliefen wir sogar bis 9 Uhr. Der Radweg war anfangs sehr schön zu fahren und die Vorfreude auf die Ostsee war so groß, dass wir direkt in Bademontur radelten. Das Gewässer ließ jedoch noch auf sich warten.

Vorfreude auf Ostsee
Vorfreude auf Ostsee

Speziell die letzten Kilometer bis nach Anklam waren dann doch noch einmal eine Herausforderung. Der Weg wurde immer holpriger. Anfangs noch ein Feldweg zwischen Seen und Tümpel begann der Weg zunehmend aus komisch geformten Betonplatten zu bestehen. Das schüttelte ordentlich alles durch und war nach einigen Kilometern auch sehr zermürbend. Erleichtert erreichten wir schließlich Anklam, wo wir einen Wander und Wasserrastplatz ansteuerten. Dieser liegt direkt an dem Fluss Peene und beherbergt Radfahrer, Kayak-Wanderer sowie Bootsbesitzer oder auch sonstige Campingfreunde. Mit etwas wenig Cash ausgestattet ließ der Chef der Anlage auch unsere letzten 10 Euro in Bar als Schlüsselkaution durchgehen.

Das WLAN auf der Wiese funktionierte vorzüglich und so genehmigten wir uns noch ein paar Biere und freuten uns riesig auf das EM-Endspiel. Wir setzten uns zunächst auf eine Bank und starteten den Kocher (für Pasta mit roten Linsen und Tomatensauße) sowie das iPad für die Vorberichterstattung. Während wir gemütlich zu essen begannen und das Spiel die ersten Minuten lief, kamen auch schon interessierte Mitcamper vorbei. Zuerst kamen die Radreisenden Micha und Hanne aus der Eifel stammend vorbei. Die beiden sind trotz ihres Rentenalters unglaublich fit auf ihren Trekkingrädern durch Deutschland unterwegs. Wir tauschten uns noch über unsere Reisen aus, als bereits die ersten 20 Minuten des Spiels dahin strichen. Die beiden hatten viel aus ihrem Leben zu erzählen. Mitunter das lustigste war als Micha erzählte, wie er das Rauchen aufgehört hatte. Er hat wohl 45 Jahre seines Lebens geraucht, bis er an einer recht schweren Bronchitis erkrankte. Nach 7 Wochen war diese wohl überstanden und danach vergaß er einfach das Rauchen. Als es ihm mal wieder einfiel hat er sogar noch versucht wieder anzufangen aber es schmeckte ihm einfach nicht mehr. Wir konnten es kaum glauben. Mittlerweile gesellten sich noch ein Kayak-Reisender, ein Radreisender, der Chef der Camping Anlage, sowie der örtliche Hafenmeister in die Runde und wir alle schauten mehr oder weniger konzentriert wie Italien versuchte, den frühen Rückstand wettzumachen. Wie zitierte Micha so treffend: ‚Fußball ist die schönste Nebensache der Welt.‘ Das trifft ihn diesem Falle total zu.

‚Fußball ist die schönste Nebensache der Welt‘
‚Fußball ist die schönste Nebensache der Welt‘
Die passenden EM-Getränke
Die passenden EM-Getränke

Der überaus sympathische Hafenmeister brachte dann sogar noch Biernachschub und verlegte die Kabeltrommel, damit der Strom nicht versiegte. Ebenfalls wurde noch ein Feuer gestartet für die Atmosphäre, besser könnte so ein EM-Finale nicht laufen. Die Verlängerung im Spiel übertrug sich auf den Abend und so plauderten wir noch eine ganze Weile mit den Mitreisenden, bevor es dann zu Bett ging.

Am nächsten morgen brauchte jeder vermutlich etwas länger als sonst. Ich war zwar recht früh auf, Moritz und Vincent waren aber noch tief am schlafen. Schließlich kamen auch Micha und Hanne aus ihrem Zelt und Micha murmelte in seinem Eiffelaner Dialekt: ‚Isch weiß auch nit so recht aber isch bin noch net so ganz bei mir‘. Die beiden waren dennoch recht zügig wieder abfahrtbereit und so verabschiedeten wir uns von ihnen. Ihre Tochter und Enkel wohnen sogar in Freiburg, vielleicht kommt es also zu einem Wiedersehen. Wir wünschen den beiden eine weiterhin gute Reise!

Micha und Hanne: #Rentnergoals ;-)
Micha und Hanne: #Rentnergoals ;-)

Glücklicherweise hatten wir an diesem Tag auch nicht mehr viele Radkilometer geplant, denn wir hatten zur körperlichen Abwechslung Paddeln im Kanadier auf der Tagesordnung. Der Hafenmeister ermöglichte uns dies noch zu einem Freundschaftspreis und so paddelten wir zuerst die Peene stromaufwärts, bis wir einen kleinen Hafen/Rastplatz erreichten. Dort wurde dann das mitgenommene Proviant verschlungen. Als wir uns etwas sicherer fühlten mit der Nussschale (gerade bei Ein und Ausstieg), wurde dann auch gebadet und Haare gewaschen. Wir paddelten dann zwar wieder Strom-abwärts, jedoch war bei diesem fast stehenden Gewässer der Wind entscheidender und der blies in die andere Richtung. Dann hieß es nochmal kräftig reinpaddeln und wir erreichten gegen Nachmittag dann wieder den Heimathafen (Paddelroute wurde übrigens auch mitaufgezeichnet, siehe nächste Tagesetappe).

Nun ging es wieder mit den Rädern weiter und da sich die Anzahl an Radgeschäften (und Städte generell) langsam ausdünnte, wurden in Anklam noch einmal die Räder aufgerüstet. Bei meinem Rad waren die Mäntel langsam mehr als durch. Die spröden Stellen im Gummi beherbergten schon ordentliche Mengen an Sand, der kaum abzulösen war. Auch Vincent und Moritz hatten dieses Problem, jedoch nur hinten. Und so wurden 4 Mäntel gekauft, ein Fahrradständer für Moritz, Bremszüge und einen Seitenschneider. Bei der nächsten Pausegelegenheit wurde dann das Gekaufte auch direkt eingebaut. In solchen Momenten freut es einen auch innerlich, dass es sich gelohnt hat, auch einen 8er Inbus Schlüssel (für den Ständer) und einen Bremszugmantel bereits seit 4000 km im Gepäck mitgeschleppt zu haben. Eine Stunde später stand dann Moritz Fahrrad wieder wie eine eins und die Hinterbremse von Vincent ging nach Loslassen des Bremshebels auch wieder auf.

Alle Mäntel waren montiert und so ging es entlang des Haffs bis nach Usedom. Dort schliefen wir in einem schönen Nadelwald. Der Untergrund war so gut bemoost, dass Moritz das Aufblasen der Matratze wegließ. Morgen geht es dann schließlich nach Polen und dort wird es dann erstmal heißen: Richtung Osten!

von Moritz Spannenkrebs
am 10.07.2021
Start
Eichhorst
🇩🇪 Deutschland
Ziel
Pasewalk
🇩🇪 Deutschland
Strecke
108,53
km

Die Ausfahrt aus Berlin zog sich durch einen Vorort nach dem anderen und wir mussten lernen, dass es rund um die Hauptstadt wohl viele Kleingarten-Enthusiasten gibt. Mit etwa 30 km auf dem Tacho waren wir dem ständigen Wechsel aus Plattenbau, Kleingarten und Villensiedlungen endlich entkommen. Mit einem dementsprechend guten Gefühl im Bauch ging es wieder durch schöne Wälder und entlang einiger kleiner Seen. Für die Nacht war Regen oder gar ein größeres Gewitter angesagt, also suchten wir einen entsprechend sicheren Zeltplatz. Aus Süddeutschland kamen schon die ersten Hochwassermeldungen, also wollten wir kein Risiko eingehen. Da wir nicht allzu viel Wasser bei uns hatten, stand zusätzlich noch ein sauberes Gewässer auf unserer Wunschliste. Beides wurde in Form einer überdachten Sitzgruppe erfüllt, die am Rande eines Kanals mit glasklarem Wasser floss. Die Überdachung schien vertrauenswürdig und so beschlossen wir, dem Zelt einen weiteren Tag Pause zu gönnen und direkt auf den Tischen und Bänken zu schlafen.

Traumschlafplatz
Traumschlafplatz

Da Jareds Isomatte nicht für gewöhnliche Sitzbankbreiten konzipiert ist, mussten wir ihn auf den Tisch in der Mitte platzieren und somit leider unsere gewohnte Schlafformation aufbrechen.

Nachdem wir uns häuslich eingerichtet und eine Erfrischung im Fluss genossen hatten, schliefen wir sicher und trocken, während der Regen auf unser Häuschen tröpfelte. Lediglich Vincents Schlafsack wurde etwas klamm, was seinem erholsamen Nachtschlaf aber keinen Abbruch tat.

Traumschlafplatz mit unserer Einrichtung bei Nacht
Traumschlafplatz mit unserer Einrichtung bei Nacht

Am Morgen wurden wir zu unserem Erstaunen von überraschend großen Booten (oder Yachten?) geweckt, welche den Kanal entlang schipperten. Als wir einen Schwimmer durch den Kanal pflügen sahen, mussten wir es ihm natürlich gleich tun, immer in der Hoffnung nicht von einem Boot überfahren (oder überschwommen?) zu werden.

Mit kleinen Abschiedstränen ging es auf dem hervorragend asphaltierten und ausgeschilderten Berlin-Usedom-Radweg weiter in die Uckermark. Uns wurde relativ schnell klar, dass es hier vor allem drei Dinge gab: Große Felder, noch größere Felder und riesige Windräder. Von letzteren fasziniert stellten wir die unterschiedlichsten Mutmaßungen über die Nabenhöhen der Kraftwerke an... Mit bis zu 167 Metern sind die Windräder dort tatsächlich fast doppelt so hoch wie wir geschätzt hatten!

Am Nachmittag machten wir eine Trinkpause in Steinhöfel, wo eine ältere Frau auf der Terrasse hinter ihrem Haus Radfahrer auf der Durchreise bewirtet. Neben einer breiten Auswahl gekühlter Getränke, gab es auch jede Menge Eis, ein paar Snacks und für uns die Möglichkeit, unseren Wassersack aufzufüllen. Neben ihr und ihrem Hund Blackie, lernten wir dabei noch einen Mann und seine Tochter kennen, die ebenfalls auf dem Rad unterwegs waren. Die beiden hatten gewagt, die Autorität des ausgeschilderten Radwegs zu untergraben und waren prompt mit kilometerlangen Sandwegen bestraft worden.

Hier werden im Hinterhof Getränke an Radfahrer verkauft
Hier werden im Hinterhof Getränke an Radfahrer verkauft

Nachdem wir noch in der schönen Stadt Prenzlau einkaufen waren, ging es mit bereits 80 Kilometern auf dem Tacho auf Zeltplatzsuche. In der Dämmerung waren wir begeistert von den vielen Rehen, die sich jetzt aus dem Wald wagten. Auf jedem Feld stand mindestens ein Tier, das uns erst in Schockstarre anblickte, um schließlich in weiten Sätzen davonzuspringen. Wir radelten zwischen den von Rehen besetzten Feldern durch und suchten die Agrarwüste nach einem Fleck Erde ab, auf dem unser Zelt halbwegs gut stehen würde. Leider stellte sich heraus, dass all die nicht bewirtschafteten Wiesen am Rande der kleinen Bäche deshalb frei waren, weil sie höchstens zum Reisanbau getaugt hätten. Dementsprechend blieb uns immer nur die Wahl zwischen offenen Flächen ohne Sichtschutz und halbwegs versteckten Sumpfgebieten. Wir gingen also immer wieder auf Erkundung, um dann mit nassen Schuhsohlen und enttäuscht wieder aufs Rad zu sitzen. So waren wir bald über die 100 Kilometer drüber geradelt. Müde und erschöpft hätten wir das Zelt beinahe schon mitten in einer Ortschaft an einem kleinen Weiher, oder etwas weiter im zugehörigen Spielplatz aufgebaut.

Zum Glück kamen wir noch zur Besinnung und fanden ein Wander-Highlight auf komoot, welches wir nun ansteuern konnten. Nun musste nur noch eine Schranke überwunden, einige kleine Anstiege auf dem Wanderweg hochgeschoben und letztlich in totaler Dunkelheit im Wald ein Platz mit Bänken gefunden werden. Letztlich war es fast 12 Uhr und wir hatten 108 Kilometer zurückgelegt. Während ich mich direkt ins Zelt legte und sofort einschlief, holte Jared gerade die Reste vom Mittagessen raus um den Abend noch gemütlich ausklingen zu lassen.

Wander-Highlight / Zeltplatz
Wander-Highlight / Zeltplatz
Start
Potsdam
🇩🇪 Deutschland
Ziel
Berlin
🇩🇪 Deutschland
Strecke
33,1
km

Für heute stand nur eine kurze Etappe nach Berlin an, wo wir den Nachmittag nutzen wollten um das technische Museum zu besichtigen. Zuvor quartierten wir uns bei Maura ein, die wir schon in Dresden bei ihrer Familie besucht haben und die hier in Berlin studiert.

Nach gut 30 Kilometern entlang des Mauerwegs erreichten wir die wunderschöne Altbauwohnung von Maura. Nach einem leckeren gemeinsamen Essen - es gab mal wieder Pasta alla Norma alla Katha - schmissen wir unsere Wäsche in die Waschmaschine (Juhu!) und fuhren mit der U-Bahn zum technischen Museum. Wir starteten im alten Lockschuppen und arbeiteten uns durch die Boots- und Schiffsabteilung bis zu den mehr oder weniger flugfähigen Objekten vor. Besonders unterhaltsam war eine Bildersammlung an ersten Flugzeug-Prototypen, die alle mehr oder weniger flogen.

Ein absolutes Highlight des Museums ist das Science Center Spectrum. Dies befindet sich in einem Nebengebäude und beinhaltet eine große Sammlung an Experimenten zum selbst durchführen und erleben - für mich als angehender Physiklehrer natürlich eine besondere Freude. Leider waren wir so angetan, das wir das fotografieren mal vergasen - deshalb gibt es hier leider keine Bilder, aber ein Besuch vor allem auch mit Kindern jeden Alters lohnt sich auf jeden Fall.

Frisbee im Görlitzer Park
Frisbee im Görlitzer Park

Anschließend spazierten wir durch Kreuzberg in Richtung Görlitzer Park, wo wir mit ein paar jungen Berlinern eine Runde Frisbee spielten. Auf der Suche nach einer kühlen Erfrischung fanden wir eine nette kleine Kneipe in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs. Wir ließen den Tag mit einigen Runden Skat und Bieren ausklingen. Mit der U-Bahn ging es zurück zu Maura.

Frühstück bei Maura
Frühstück bei Maura

Am nächsten Morgen gab es nach einem ausgiebigen Frühstück erst einmal eine ernüchterte Planungssitzung, denn nach einem Telefonat mit dem russischen Konsulat bewahrheiteten sich unsere Befürchtungen, dass wir nicht nach Russland einreisen können. Aufgrund der Corona-Pandemie ist das (leicht zu beantragende) Onlinevisum für die Regionen Kaliningrad und St. Petersburg ausgesetzt. Uns bliebe nur das Beantragen eines allgemeinen Touristenvisums und dafür bräuchten wir alle möglichen Dokumente und mehr Zeit. Deshalb ändern wir jetzt unseren Plan etwas ab: Wir werden Kaliningrad auf dem Landweg südlich umfahren und unsere Reise in Tallin beenden. Wenn noch Zeit ist, wollen wir mit der Fähre nach Helsinki übersetzen.

Wir verabschiedeten uns von Maura und fuhren am Reichstag und dem Holcaust-Mahnmal vorbei Richtung Nord-Osten aus der Hauptstadt raus. Uns zieht es nach über einem Monat Festland wieder ans Meer und so werden wir die nächsten Tage auf dem Berlin-Usedom-Radweg unterwegs sein bis wir die Ostsee erreichen.

von Jared Faißt
am 07.07.2021
Start
Rabenstein
🇩🇪 Deutschland
Ziel
Potsdam
🇩🇪 Deutschland
Strecke
81,72
km

Wir erwachten am morgen inmitten des lang anhaltenden Regens, der kurz nach Mitternacht bereits einsetzte. Wir schliefen direkt hinter einem Zelt aus Baumstämmen und Plane, was auf den ersten Blick aussieht wie ein Festzelt. Tatsächlich ist es aber wohl ein überkonfessionell genutzter Ort der Religion. Es waren sehr schöne Holzbänke aufgestellt und an einer Seite war auch ein Tisch. Wir machten uns die trockene und überdachte Stätte zunutze und verfrachteten unser nasses Zelt erstmal darunter, um es trocknen zu lassen. Der Regen war nicht sehr einladend und so hatten wir es auch nicht unbedingt eilig.

Da wir im Gepäck versteckt noch einen Tischtennisball hatten (mit Delle leider schon) und wie erwähnt eine Art Tisch (wenn auch rustikal) vorhanden war spielten wir mal wieder eine bei uns beliebte Tischtennisdisziplin, für die ich keinen richtigen Namen weiß. Ich würde es nennen:

Alles taugt als Schläger!

Das Spiel funktioniert folgendermaßen. Man braucht immer paarweise vorhandene Gegenstände, die dann auf beiden Seiten ausgelegt werden und als Schläger verwendet werden müssen. Gestartet wird mit dem vermeintlich einfachsten Gegenstand und ein schnelles Duell bis 2 Siegpunkte wird ausgespielt. Der Gewinner darf dann zum nächsten Gegenstand übergehen. Der erste, der das Duell mit dem letzten Gegenstand gewinnt, siegt. Bei uns waren es folgende Gegenstände in dieser Reihenfolge:

  • Schuhe
  • Flip Flops
  • Stahlpfanne und Alupfanne
  • Alu-Becher
  • Gaskartusche (extrem schwierig)
  • Frisbee
  • Plastikmesser

Wie man sieht leidet zwar die Spielqualität deutlich, der Spaßfaktor ist aber auf jeden Fall gegeben

Kurz vor Mittag ließ dann der Regen nach und wir machten uns wieder mit den Rädern auf den Weg. Der Radweg war immernoch herrlich zu fahren. Interessant war vor allem, dass oftmals der Autoweg deutlich schlechtere Qualität aufwies als der Radweg.. Glück für uns!

Radwege besser als die Straße
Radwege besser als die Straße

Nach einer Weile lichtete sich dann der Wald und wir erreichten schließlich Potsdam. Dort radelten wir an beeindruckenden Schlössern vorbei und rasteten in einem großen Park, der gleichzeitig auch wieder einen Discgolfkurs beinhaltete. Nachdem dieser bespielt war setzten wir uns auf eine schöne Bank mit Tisch und gönnten uns das 2. Halbfinale der EM: England gegen Dänemark. Ärgerlicherweise schloss der Park um 11, daher verpassten wir die entscheidende Szene der Verlängerung. Dennoch waren wir (wie wahrscheinlich die meisten) traurig, dass die Dänen das Finale so knapp verpasst hatten. Vincent spielte sogar mal Kurz mit dem Gedanken ob man nicht bei möglichem Finaleinzug der Dänen es noch rechtzeitig nach Dänemark schaffen könnte zum mitfeiern... Wäre auf jedenfalls lustig gewesen aber mit der Niederlage war der Gedanke auch wieder verflogen. Wir radelten noch etwas aus der Stadt heraus und schliefen neben einem Teich in einem lichten Wäldchen.

von Moritz Spannenkrebs
am 06.07.2021
Start
Thorgau
🇩🇪 Deutschland
Ziel
Raben
🇩🇪 Deutschland
Strecke
80,49
km

Mit neuem Schneidezahn bewaffnet (ich war übrigens der allererste Kunde eines neu gegründeten Zahnarztkonglomerats) und gut ausgeruhten Oberschenkeln ging es mit Highspeed die Elbe entlang. In Vincents Fall war die hohe Geschwindigkeit auch seinen schwächelnden Bremsen geschuldet, die uns zum einen oder anderen Boxenstopp zwangen.

Wer bremst verliert - ganz nach diesem Motto zeigten uns Vincent und seine Oberschenkel an diesem Tag eine ganz besondere Performance und bahnten bei guten 25 Sachen den Weg durch den Gegenwind.

Als Mittagsstop wählten wir das Gut Göhlis vor der Stadt Riesa. Dort lockte uns ein schöner Discgolfkurs. Vor Ort mussten wir leider feststellen, dass alle Körbe (bis auf zwei) abgebaut waren und sich Ziegen und andere Bauernhoftiere am Fairway gütlich taten. Unsere Enttäuschung wandelten wir in besonders kreative Würfe auf die beiden verbliebenen Körbe um. Nach der in etwa zwanzigsten selbst erdachten Bahn, ging es dann wieder auf die Räder und wir fuhren mehr oder weniger bis in den Abend hinein durch.

Obwohl mir die Windschattenarbeit größtenteils abgenommen wurde war ich nach über 100 Kilometern mehr als froh, dass Vincent und Jared sich um die Organisation eines Schlafplatzes und das Aufstocken der Wasservorräte kümmerten. Ich wurde in desolatem Zustand zurückgelassen und durfte mich auf einer Bank beim Kochen ausruhen. In einer funktionierenden Gesellschaft wird eben auch für die Kranken und Lahmen eine passende Aufgabe gefunden...

Mit neuer Energie im Bauch radelten wir noch ein wenig weiter bis Jared einen super Platz für unser Zelt entdeckte. Mitten in einem etwa hundert Meter breiten Waldstück zwischen See (aka Großer Teich) und Tümpel legten wir uns in Ruhe schlafen.

Schlafspot bei den Wildschweinen
Schlafspot bei den Wildschweinen

Kurz nach sechs Uhr war Schluss mit der Ruhe. Vincent weckte uns und machte uns darauf aufmerksam, dass wir bereits von einer etwa 20 köpfigen Wildschwein-Rotte umzingelt waren. Während die kleinen Frischlinge gerade zu knuddelig aussahen, wirkte der über hundert Kilo schwere Keiler doch eher einschüchternd. Irritiert wurde uns klar, dass unser Innenzelt wohl nur nach außen gute Sicht ermöglichte. Die Wildschweine schienen jedenfalls keine Notiz von uns zu nehmen und trotteten auf der Suche nach Futter bis auf wenige Meter an uns heran. Als wir begannen unsere Stimmen zu heben, gab der Keiler ein lautes, basshaltiges Grunzen ab. Im Gegensatz zu uns schienen alle das Kommando verstanden zu haben und so raste die gesamte Rotte im Affenzahn an uns vorbei und verschwand im Unterholz. Glücklicherweise rannte keines der Tiere in unser Tarnzelt!

Am nächsten Tag - denn sechs Uhr morgens gehört ja wohl eindeutig noch zur Nacht - rollten wir ein paar Kilometer am Ufer der Großen Teichs entlang bis zum örtlichen Freibad. Nachdem wir gekocht, uns gewaschen und die eine oder andere DIY Discgolf-Runde gespielt hatten, sprach uns ein älterer Herr mit Fahrrad an. Wie sich herausstellte war er mehrere Jahrzehnte lang für das Schwimmbad verantwortlich gewesen, genau wie sein Vater bereits vor ihm. Dementsprechend hatte er einige interessante Geschichten zu erzählen und versüßte uns somit das Abspülen, Zähneputzen und Zusammenpacken. Als wir uns wieder auf die Räder schwangen hatten wir schnell ein Grinsen im Gesicht. Was gestern Vincent leistete, bescherte uns heute der Rückenwind. So wurden die etwa 50 Kilometer bis Lutherstadt Wittenberg mit einem rekordverdächtigen Durchschnittstempo von über 23 km/h zurückgelegt. Unsere Pause verbrachten wir mit großen Federtieren - wir vermuten, dass es sich um Strauße handelte.

In Wittenberg angekommen versteckten wir uns eine ganze Weile in einem Café vor dem Regen. Besonderes Highlight hier: Endlich wurde beim Skaten die erste Ramsch-Runde gespielt!

Um unsere kulturellen Ansprüche zu befriedigen drehten wir natürlich noch eine Runde zur Kirchentür an welche Martin Luther vor 500 Jahren seine Thesen nagelte. Entgegen unserer Erwartung (die über gute 50 km durch Straßenschilder geschürt wurde) fanden wir dort recht wenig vor. Keine Menschenseele schien sich für die schlichte Messingtüre zu interessieren und so zogen auch wir weiter.

Einige Kilometer weiter gab uns eine Einheimische noch einen Tipp zur Orientierung: “Wenn ihr in Brandenburg seid merkt ihr dit direkt an den Radwegen!“. So war es tatsächlich und wir atmeten ordentlich auf, als wir von der sächsischen Huppelpiste auf brandenburgischen Qualitätsasphalt rollten. Unseren Traumschlafplatz fanden wir in Rabenstein. Von Bäumen geschützte Bänke mit Tischen, ein riesiger Spielplatz, ein Pavillon und Brandenburg WLAN lieferten das perfekte Material für einen entspannenden Abend mitsamt EM-Halbfinale Italien-Spanien.