Nach dem Aufstehen nutzten wir den schönen Fluss an unserem kleinen Zeltplatz, um (mal wieder) unsere Fahrräder zu säubern. Zufrieden, die Lärmbelästigung durch unsere knirschenden Fahrradketten etwas eingedämmt zu haben, fuhren wir nach Tallinn, um nachmittags mit der Fähre nach Helsinki überzusetzen. Da wir morgens etwas trödelten, blieb uns in Tallinn selbst nicht mehr so viel Zeit. Die wenige Zeit nutzten wir, um einen Kaffee im Telliskivi zu trinken. Hier haben sich auf einem ehemaligen Fabrikgelände Kreative, Cafés und Bars angesiedelt. Es schien unglaublich viel zu entdecken zu geben. Wir ärgerten uns etwas, dass wir nicht früher hier waren und beschlossen, dass wir auf jeden Fall nochmal nach Tallinn kommen müssen.





Eilig machten wir uns auf den Weg zur Fähre und bewunderten aus der Ferne noch die Häuser der Altstadt. Wir waren tatsächlich die drei letzten Radreisenden, die die Fähre bestiegen. Wir parkten unsere Räder im Bug des Schiffes, packten das Nötigste zusammen und gingen auf Erkundungstour. Unsere Fähre war ein ganz schönes Monstrum. Wir machten es uns zunächst auf dem Deck gemütlich und brachten unseren Blog etwas auf Vordermann. Um noch ein wenig unsere hungrigen Akkus zu Laden, gingen wir wieder unter Deck in die Cafeteria. Zu diesem Zeitpunkt war unser Plan, den Abend in Helsinki zu verbringen und noch eine Nacht am Rand von Helsinki zu verbringen, um am nächsten Morgen auf Erkundungstour zu gehen. Dieser Plan sollte sich radikal ändern.
Ich war gerade dabei am Blog zu schreiben, als ich plötzlich auf deutsch Angesprochen wurde: „Ihr seid aus Deutschland, oder?“. Vor uns stand ein älteres Ehepaar, dass sich als Heidi und Willy Larsen vorstellte. Im Gespräch wurde uns schnell klar mit was für beeindruckenden Persönlichkeiten wir es zu tun hatten. Kurz zusammengefasst: Heidi und Willy (beide Mitte 70) waren mit ihrem Wohnmobil auf der Rückreise von einem Besuch bei ihrer Tochter in Estland, die sie besucht hatten, um beim Hausbau zu helfen. Dies sei möglich, weil sie gerade Urlaub(!) hätten. Ursprünglich stammten beide aus Norwegen. Heidi sogar von den Lofoten. Willy war als junger Soldat einige Jahr in Deutschland stationiert. Die beiden sprachen: deutsch, englisch, norwegisch, schwedisch, finnisch und ein bisschen russisch. Wir unterhielten uns mit einem Gemisch aus deutsch und englisch. Besonders rührend und unterhaltend war, wie Willy gestenreich erzählte, wie er Heidi kennenlernte. Die ganze Begegnung war so unglaublich herzlich. Schließlich luden sie uns ein, sie zu besuchen. Sie wohnen 35km von Helsinki entfernt. Wir beschlossen gleich heute noch die Strecke zu fahren. Ach ja, war zu diesem Punkt die Lebensleistung und Ausstrahlung der beiden nicht schon beeindruckend genug, setzten sie noch einen drauf: Als sie uns in ihr Haus einluden erwähnten sie nebenbei, dass sie wirklich viel Platz hätten, da sie nämlich 15 (in Worten fünfzehn) Kinder hätten!!!
Wir verabschiedeten uns bis später und fuhren zügig los. Da es inzwischen schon fast 20 Uhr war, beeilten wir uns, nicht zu spät zu kommen. So konnten wir leider nicht so viel von Helsinki sehen. An einen ruhigen Abend in Helsinki war heute sowieso nicht zu denken, denn über der Stadt kreisten in einer abenteuerlichen Flugshow und kaum überhörbar Kampfjets. Wie viele Passanten schauten auch wir immer wieder nach oben und staunten über Flugmanöver und Farbmalerei am Himmel. Ein kleines Wunder, dass wir nicht in einen Verkehrsunfall verwickelt wurden, denn alle starrten nach oben. Etwas außerhalb von Helsinki wurde es schließlich ruhiger und wir konnten auf den nicht besonders schönen aber fantastisch funktionalen Radwegen entlang der Schnellstraßen zügig Strecke machen. Finnland scheint ein super ausgeschildertes und ausgebautes Radnetz zu haben. Wir kamen schließlich gegen 22 Uhr an der Adresse, die uns die Larsens gegeben hatten an.
Wir standen tatsächlich in Mitten eines großen Grundstücks - zur Hälfte Baustelle - vor einem großen Haus. Wir sahen zunächst durch die Fensterscheiben Björn, ein Sohn von Willy und Heidi, der momentan in einer Wohnung des Hauses wohnt. Wir wurden herzlichst begrüßt und wir brachten unser Gepäck ins obere Stockwerk. Das Haus war auch von Innen beeindruckend. Es bestand aus mehreren, wenn auch nicht klar abgegrenzten, Wohnungen mit jeweils eigenen Küchen. Wir bezogen unsere Traumferienwohnung unter dem Dach und gingen nach einer Dusche und schneller Pasta überwältigt schlafen.
Am Morgen wurden wir von Larsens zum Frühstück eingeladen. Der Tisch war gedeckt mit feinem Fisch, selbst gebackenem Brot und vielen Zutaten aus dem Garten. Willy und Heidi erzählten uns viel über ihre Familie und wie sie hier nach Kirkkonummi kamen und über das Leben in einer gigantischen Großfamilie mit 15 Kindern: „ein großes Geschenk“. Sie strahlten eine unglaubliche Dankbarkeit und Lebensfreude aus. Das Highlight war aber die anschließende Führung durch das Haus. Zunächst ging es runter in die Werkstadt. Der passionierte Schreiner Jared war sofort begeistert von der Auswahl an Werkzeugen und den gebauten Möbelstücken. Neben einer ausgestatteten Schreinerei diente der Raum aber auch als Autowerkstatt, erkennbar an einer große Luke im Boden. Es ging nämlich noch ein Stockwerk runter. Hier gab es zwei weitere Werkstätten. Eine lag genau unter der oberen Werkstatt und so konnte man von hier durch die Decke gemütlich am Auto schrauben. In der anderen Werkstatt wartete noch ein Highlight auf uns. Willy ist sehr handwerklich veranlagt, was man bei so einem Haushalt vielleicht auch sein sollte, und hat dies auch an einige seiner Kinder weitergegeben. Ein Sohn arbeitete in dieser Werkstatt schon seit Jahren an einem eigenen Kanu. Das Zwischenergebnis sah schon super cool aus. Hinter einer weiteren Tür befand sich auf einmal ein gigantischer Findling über den das Haus einfach gebaut wurde. Hier unten gab es auch einen direkten Zugang zum Grundwasser.





Wir gingen wieder ein Stockwerk hoch, besichtigten die Sauna (wir hatten schon gewettet, dass es bestimmt eine gibt), wurden um die Ecke geführt und standen auf einmal in einer Kirche, einer KIRCHE! Larsens hatten es schon durchblicken lassen, dass sie sehr christlich verwurzelt sind, aber mit einer Kirche haben wir nicht gerechnet. In der Kirche befand sich neben einer Hausorgel auch ein Klavier. Zwei Dinge, die den Larsens wichtig zu sein schienen:
Zum einen das gemeinsame Musizieren. Schon im Wohnzimmer hingen Instrumente für ein Orchester an den Wänden und jedes Kind sollte mindestens ein Instrument lernen.
Bei der Planung des Hauses und der Kirche war Willy aber auch wichtig, dass man auch entspannt aus der Sauna der Musik oder den Gottesdiensten folgen kann. So gibt es ein Fenster direkt von der Sauna mit Blick in die Kirche. Wo gibt‘s denn schon sowas?
Ich fragte gleich, ob wir nicht gemeinsam was singen könnten. Nach kurzem Überlegen fanden wir Amazing Grace und voller Inbrunst wurden alle 7 Strophen mehrstimmig gesungen. Es war total rührend.
Anschließend setzte sich Heidi an’s Klavier und die Larsens sangen für uns mehrstimmig ein schwedisches Lied. Unglaubliche schön. Wir nahmen uns gleich vor, das bei Gelegenheit mal zu üben.




Weiter ging es in den Garten. Das Grundstück grenzte direkt an einen kleinen Fluss. Dort wird gerade eine Fischtreppe gebaut. Es gab auch ein kleines Becken in dem Willy jeden morgen (egal ob Winter oder Sommer) baden geht. Im Garten standen auch mehrere Wohnwägen mit ausgebauter Holzterrasse, die teilweise den Kindern gehören. Auf dem Grundstück steht auch noch das alte Haus, das hier schon stand, als die Larsens das Grundstück kauften. Hier wurden die ersten Kinder großgezogen, während mit der (eigenständigen) Planung und dem Bau des Hauses begonnen wurde.
Ach, es gäbe noch so viel zu erzählen über diese unglaubliche Familie und diese besondere Begegnung. Was für ein verrückter Zufall, das uns dieser urige Typ auf der Fähre einfach ansprach und unfassbar was dann folgte.
Wir verabschiedeten uns herzlich „bis bald“ und mit dem Gefühl, dass wir uns schon viel länger als die paar Stunden kennen würden, und stiegen auf unsere Fahrräder. Wir konnten noch nicht ganz fassen, was da seit der Fähre so passiert ist und werden sicherlich noch ein paar Tage brauchen um diese unglaubliche Begegnung zu verarbeiten.





Nachdem wir eine sehr erholsame Nacht auf weichem Waldboden in instabilem Zelt verbracht hatten, frühstückten wir zuerst gemütlich und berieten uns dann über den weiteren Verlauf der Reise. Zuerst zum Zelt: am Abend vorher prüfte ich nochmal die bereits angebogenen stangensegmente und fand erschreckenderqeise etwa an jeder 2. Verbindungsstelle bereits kleine Risse. Im Moment des Aufbauens brach dann auch tatsächlich die obere Querstange. Wir hatten zum Glück noch eine Hülse, die wir für die Bruchstelle verwenden konnten, jedoch durfte jetzt nichts mehr passieren. Wir kontaktierten zwar nochmal Salewa aber es war schnell klar, dass wir in unter 4 Tagen keine Hilfe in Form eines Ersatzgestänge erwarten können. Wir beschlossen daher im Baumarkt Hilfe zu suchen. Weiter ging die Planungssession mit dem Verlauf der Reise. Zur Wahl stand
- Estlands Küstenlinie weiterfahren (600-700 km) mitsamt den 2 Hauptinseln und ab Tallinn mit dem Bus zurückreisen.
- Direkt nach Tallinn fahren (150 km) und weiter mit der Fähre nach Helsinki übersetzen. Von dort in 3 Tagen nach Turku radeln, wo wir die Fähre nach Stockholm nehmen könnten. Ab da könnten wir noch 4 Tage in Schweden nach Süden radeln.
Wir entschieden uns mit Einbezug der Rückreise Annehmlichkeiten und der Neugierde nach Finnland für Option 2 und buchten schon mal so einiges (Fähren und Busse), um schon mal Frühbucherrabatte zu sichern. Nach diesem überaus produktiven aber langem Vormittag radelten wir nordwärts erstmal in Richtung Baumarkt. Glücklicherweise wird in Estland sehr oft Englisch verstanden und auch gesprochen und so konnte ich dem Baumarktmitarbeiter recht schnell das Zeltproblem schildern. Ich zeigte ihm die Hilfshülse und er holte kurzerhand ein ähnlich dickes Alurohr und sägte es mir in 7 Stücke. Nun können wir uns also 7 weitere Stangenbrüche erlauben bis zum Reiseende ;-). Für die unkomplizierte Hilfe daher den verdienten Titel:
MVP des Tages: Baumarktmitarbeiter



Wir radelten anschließend weiter auf deutlich direkterer Route nach Tallinn als mal ursprünglich gedacht. Genau deshalb hatten wir jedoch noch eine lustige Begegnung. Wir waren bereits nach 21:00 Uhr noch auf den Straßen unterwegs auf der Suche nach einer schlafbaren Ecke, da kamen uns noch zwei sehr sportlich ausgestattete Gravelbikes mit ebenso sportlichen Fahrern über den Weg. Bei ihrem Überholmanöver plauderten wir noch kurz (den typischen Radreiser-Smalltalk). Während der anführende Italiener nach einem kurzen Gruß weiterradelte, blieb die deutschsprachige Radlerin noch kurz neben uns und erzählte, dass sie ebenfalls von Italien gestartet seien und zwar am Gardasee. Auf die Frage wieviele Kilometer sie am Tag so mache antwortete sie mit 300 und wir waren kurz sprachlos. Aus Ehrfurcht wollten wir sie daher nicht länger aufhalten aber wir waren doch sehr angefuchst, was es mit dieser krassen Ausdauerleistung auf sich hat. Wir legten uns bald danach ins nächstbeste Feld und begannen zu recherchieren. Schnell wurde ersichtlich, dass es sich hierbei um das Radrennen Northcape4000 handelt.
Dabei radeln dieses Jahr etwa 180 Teilnehmer die Strecke vom Gardasee ans Nordkap mit reiner Muskelkraft. Gestartet sind die Mitstreiter erst am 24. Juli (!!) und der erste war im Moment unserer Recherche bereits seit wenigen Minuten im Ziel.. Zeit: 10 Tage und 9 Stunden, absoluter Wahnsinn! Die Webseite zeigt alle Teilnehmer mit ihrer letzen übertragenen Position auf einer Karte an, daher konnten wir auch recht schnell unsere Begegnung identifizieren. Es handelte sich um die Extremsportlerin Sara Hallbauer, die übrigens einen sehr lesenswerten Blog schreibt. Dort geht es neben krassen Touren auch um die Basics von Bikepacking und ist daher sehr zu empfehlen für Interessierte an dieser Sportart bzw. an diesem Lebensstil, je nach Dauer ;-). Den Blog findet ihr hier.
Wir machten es uns also mal wieder zwischen Heuballen gemütlich und während wir das Abendessen in den Startlöchern hatten, schauten wir schon gespannt mit Blick auf die Straße, wann der nächste Nordkap Competitor vorbeiradeln würde. Ein Stück weit war es auch etwas seltsam die gläsernen Radfahrer so verfolgen zu können aber es hat uns auch sehr viel Freude bereitet so nahe an diesem Wettkampf zu sein. An diesem Abend fiel es uns auch dann wie Schuppen von den Augen, als wir uns erinnerten, dass wir an diesem Tag von der Seite zugerufen bekamen ob wir ans Nordkap fahren würden und wir dann ausweichend erklärten: Ne, also erst Tallin, dann Helsinki, dann….. aber in diesem Moment wussten wir noch nichts von diesem Rennen. Wir nahmen es im Nachhinein als Kompliment, dass man uns optisch so eine Extremleistung mit unseren 50kg Rädern zugetraut hätte.
Die Sonne kroch an diesem Abend zwar lange am Horizont, aber der kristallklare Himmel sorgte schnell für eine ordentliche Kälte. Vincent widmete sich noch der Sternenfotografie, während Moritz und ich uns schon einmal im Zelt einkuschelten. Es wurde alles ausgekramt, was die Wärmeabteilung zu bieten hatte: Von Skiunterwäsche bis zur Fließjacke. Am nächsten Morgen war ich dann wieder recht früh auf und genoss die ersten Sonnenstrahlen während ich Kaffee und Porridge richtete. Kurz später saßen wir dann vollständig vor dem Haferbreigemisch und schaufelten im Bottich während wir erneut auf das Nordkap Rennen schielten und die nächsten vorbeifahrenden Radler im Voraus identifizierten. Komplett unbemerkt schlich sich in diesen Minuten hinter uns ein ordentlicher Schauer heran, den wir garnicht auf dem Schirm hatten. In Windeseile wurde das Zelt eingepackt und alles wichtige verstaut. Das restliche Frühstück wurde dann in voller Regenmontur verspeist. Das wechselhafte Wetter in Estland hat uns schon zu so einigen Regenzeug An- und Auszieh-Pausen gezwungen. Schließlich ging es auch für uns wieder auf die Räder.
An diesem Tag führte uns die Strecke abseits von den Autobahnen in der Mitte des Landes Richtung Tallin und war insgesamt sehr schön zu fahren. Ein Highlight war dann erneut wieder ein top bewerteter Discgolfkurs, den wir uns nicht entgehen lassen wollten. Man muss dazu sagen, dass Estland ein absolut Discgolf verrücktes Land ist. Estland ist nur ein wenig größer als Baden Württemberg aber die Discgolfkursdichte ist um ein Vielfaches höher. Daher können wir hier auch etwas wählerischer sein als in unserer Heimat.
Abends steuerten wir wieder einen RMK Platz an, ein wirklich fantastisches Konzept für Reisende wie uns. Mithilfe einer App kann man geeignete Nächtigungsmöglichkeiten in freier Natur finden, absolut empfehlenswert. An unserem ausgesuchten Spot konnten wir dann bequem unser Zelt hinstellen und ein paar Bänke mit Tisch, sowie ein Zugang zum Fluss rundeten die Nachtstätte ab. Auch diese Nacht forderte wieder die gesamte Garderobe heraus….
Gut ausgeruht und mit frisch gewaschener Kleidung ging es heute endlich mal wieder an die Ostseeküste. Wir freuten uns sehr auf das Meer und radelten gut gelaunt los. Beim Weg aus Riga heraus begegneten wir vielen Radlern, die rund um die Stadt auf den guten Radwegen unterwegs waren. Unter anderem überholten wir eine junge finnische Familien mit zwei Kindern. Allesamt waren in höchst sportliche Fahrradkleidung gehüllt und sahen auch sonst recht windschnittig aus. Beim Überholvorgang wurde mir zur Begrüßung erstmal kommentarlos eine Smartphone-Linse vor die Nase gehalten. Etwas perplex schaute ich den Mann hinter der Linse etwas grimmig an. Schließlich begann er uns mit aufgeregtem finnischem Akzent anzusprechen und fragte uns über die Tour aus. Nachdem wir uns ein wenig unterhalten hatten, beschleunigten wir wieder und fuhren davon. Etwa eine Minute später kam plötzlich ein Rad mit Highspeed von der Seite an Jared heran gerauscht. Der Kameramann hatte wohl noch nicht genug und begann jetzt Jared zu filmen und erneut in etwa dieselben Fragen zu stellen. Nachdem wir das Verhör überstanden hatten, packte er sein Handy weg und erklärte, er sei Fotograf und Fahrrad-Influencer. Wir gaben ihm schließlich unser Einverständnis, das ganze in seiner Instagram-Story zu teilen und fuhren nun endgültig weiter. Bei der späteren Begutachtung konnte ich befriedigt feststellen, dass mein grimmiger Blick nicht den Weg ins Internet gefunden hatte. Jared ist eben der bessere Insta-Boy!




Etwa 25 Kilometer hinter Riga machten wir unsere erste Pause. Von unserem Radweg führte eine kleine Straße direkt auf einen breiten Sandstrand mit vielen Bänken. Dort kochten wir unser geheimes Spezialgericht (Nudeln mit Pesto) und tranken ordentlich Kaffee. Gut gelaunt ging es direkt weiter auf den Radweg… jedenfalls dachten wir es gäbe einen Radweg! Tatsächlich rollten wir ein paar hundert Meter über einen Holzsteg (sehr zu unserer Freude), um an dessen Ende nur Sand anzutreffen (nicht so sehr zu unserer Freude). Laut Karte sollte es etwa acht Kilometer auf den sandigen Pisten weitergehen. Diese zogen sich quer durch den Wald und waren normalerweise wohl nur von Mountainbikern und Moto-Cross befahren. Beim Versuch, dieser Misere zu entgehen, beschlossen wir, den ausgeschilderten „Weg“ zu verlassen und auf der anderen Seite der Eisenbahngleise eine Alternative zu finden. Tatsächlich wartete dort leider noch tieferer Sand, den nun auch keine Mountainbikes mehr befahren konnten. Also war für uns Schieben angesagt. Etwa eine halbe Stunde kämpften wir uns über die Piste bis wir über die Einfahrt eines Häuschens von hinten wieder auf die Straße kamen. Von da an war der Weg wieder wirklich hervorragend und abwechslungsreich. Nach etwa 50 Tageskilometern mussten wir leider am Rande der großen Bundesstraße bzw. Autobahn weiterfahren. Auf entsprechend gutem Asphalt ging es immerhin gut voran und wir kamen am frühen Abend nach Dunte. Hier wurden wir überrascht von einem Motto-Park, in welchem der Baron von Münchhausen die Hauptrolle spielt. Für alle, die nicht sofort die richtige Assoziation haben: Das war der Mann, der nach eigenen Angaben auf Kanonenkugeln reiten konnte (siehe Foto) und achtbeinigen Hasen hinterher jagte. Der Park bestand aus einigen Museumsgebäuden, einem kleinen See, einem Holzpfad durch das angrenzende Naturschutzgebiet und einer großen Gartenfläche mit vielen Bänken. Natürlich bekamen wir sofort große Augen und sahen uns in Gedanken schon auf drei der gemütlichen, überdachten Bänke schlafen. Eine Mitarbeiterin des Parks riet uns leider scharf davon ab. Auch die Kontaktaufnahme mit den Parkbesitzern, welche nur ein paar Häuser weiter wohnten, wollte sie uns nicht guten Gewissens empfehlen. Wir beschlossen, die Bänke trotzdem zum Kochen zu nutzen und das Problem des Schlafplatzes auf die weniger von Hunger geplagte Zeit nach dem Essen zu verschieben.
Mit Unmengen Linsenbolognese im Bauch packten wir wieder langsam unser Zeug zusammen und setzten uns auf die Räder. Es war bereits nach 23:00 und wir wollten nur noch ein paar hundert Meter bis zur nächsten Zeltmöglichkeit rollen. Tatsächlich erfreuten wir uns am Radeln wieder so sehr, dass wir direkt beschlossen, noch ein wenig weiter zu fahren. Mit Fahrradlichtern, Stirnlampen und Reflektoren bewaffnet ging es wieder auf den Randstreifen der Autobahn. Jared fiel dabei die wichtige und verantwortungsvolle Rolle des LKW-Frühwarnsystems zu. Einmal Klingeln bedeutete: „Runter von der Straße und auf dem Geröll neben dem Asphalt weiter fahren!“. Zweimal Klingeln bedeutete: „Bahn frei, zurück auf die Straße!“. Mit diesem System kamen wir gut voran und hatten immer einige Meter Sicherheitsabstand zu den überholenden Fahrzeugen. Insgesamt war es super angenehm, bei Nacht zu fahren. Keine Sonne brannte auf unsere Köpfe, der Wind hatte abgenommen und es gab viel weniger Verkehr. Nach etwa zwei Stunden hatten wir weitere 45 Kilometer abgespult und waren dann doch etwas müde. Etwas abseits von der Hauptstraße hatten wir auf der Karte einen Campingplatz ausgemacht. Mittlerweile hing tiefer Nebel über dem Boden. Dementsprechend fuhren wir bei totaler Dunkelheit durch die Felder in einen Wald hinein, wo wir nach einer ebenen Stelle für unser Zelt suchten. Glücklicherweise hatten unsere Stirnlampen ordentlich Power (danke Papa!) und wir wurden fündig. Der Campingplatz war eher eine Ansammlung von wild zwischen den Bäumen verteilten Bänken, neben denen man Platz für ein Zelt hatte. Außer uns war niemand da und so fühlten wir uns fast wie beim Wildcampen. Als ich im Nebel, die engen Bäume nur beleuchtet vom Schein der Taschenlampe, auf die Suche nach dem Toilettenhäuschen war, fühlte ich mich fast wie im Setting eines Horrorfilms. Die plötzliche Beleuchtung des Häuschens durch den Bewegungsmelder jagte mir dann endgültig einen Schrecken ein. Naja, wenn man übermüdet durch den Wald irrt…



Eine erholsame Nacht später packten wir gerade unser Zeug zusammen und Jared wollte noch ein paar Bilder mit der Drohne machen. Da kamen der Besitzer des Campingplatzes und seine Frau zu uns und er sprach uns direkt an. Er erklärte uns, dass der Platz durchaus nicht umsonst sei und bat uns um fünf Euro pro Nase. Außerdem merkte er an, dass das Fliegen von Drohnen in Lettland verboten sei und man dafür einen Führerschein bräuchte. Upps!
Nachdem wir ihm Geld überwiesen hatten (Bargeld hatten wir kaum noch) wurde die Stimmung entspannter und er interessierte sich für unsere Tour. Schließlich gab er uns noch ein paar Empfehlungen für die weitere Route und wir wünschten uns gegenseitig einen schönen Tag.
Weiter ging die Strecke in Richtung der estnischen Grenze. Leider mussten wir uns wieder über einige Sandpisten kämpfen, kamen dann aber schließlich wieder auf die Autobahn. Am Rande der Straße machten wir hier den Fund des Tages: Eine kleine Krone, die wie perfekt auf Jareds Vorderlicht passte und ihm und seinem Rad den gewissen royalen Flair verlier. Nach einer guten Stunde auf den Sätteln, machten wir eine kurze Pause an einer Tankstelle. Während Vincent sich nach estnischen SIM-Karten erkundigte, hatten Jared und ich mal wieder nur Augen für die feilgebotenen Veggie-Burger. Ohne Karte aber dafür mit einem wohligen Gefühl im Bauch fuhren wir nun weiter auf einer schönen kleinen Nebenstraße, die etwa hundert Meter von der Küste entfernt verlief. Hier überquerten wir die Grenze nach Estland.
Im ersten Dorf direkt hinter der Grenze machten wir unsere Mittagspause in einer Überdachung am Rande des „Busbahnhofs“. Während Jared und ich in Windeseile unsere jeweils fünf Rühreier verschlangen, kam ein weiterer Radreisender auf uns zu. Wir erkannten schon von weitem, dass sein Rad und auch seine sonstige Ausstattung nicht gerade im Optimalzustand waren. Das Rad musste geschoben werden und machte dennoch bedenkliche Geräusche. Er setzte sich zu uns und erzählte uns von seiner Misere, während sein Handy von Jareds Powerbank vollgepumpt wurde. Er war auch auf einer Tour in Richtung Tallinn, aber sein Fahrrad hatte leider an mehreren Stellen kapituliert. Meine Schnelldiagnose ergab, dass auch unser Werkzeug hier nicht viel würde ausrichten können. Vermutlich waren sowohl das Tretlager, als auch die zugehörige Kurbel gebrochen und somit irreparabel. Er war nun hier gestrandet und wollte mit dem Bus zurück nach Riga. Zu seinem Pech wollte ihn der letzte Busfahrer nicht mitnehmen ohne einen Aufpreis von fünf Euro für das Fahrrad. So viel Bargeld hatte unsere Kollege leider nicht mehr dabei. Dank Powerbank konnte er zumindest seine Tante anrufen, die ihm noch etwas Geld für die Weiterfahrt von Riga nach Vilnius überwies.
Für den Bus nach Riga kratzten wir noch unser Kleingeld zusammen und kamen somit gerade auf fünf Euro. Nachdem wir gegessen und im angrenzenden Laden eingekauft hatten, rollten wir weiter und ließen den gestrandeten Radler mit dem Kleingeld, gefüllten Trinkfaschen und vollem Akku zurück. Hoffentlich hat ihn der nächste Bus mitgenommen!
Kaum fünf Kilometer hinter der Grenze trafen wir direkt auf den ersten estnischen Diskgolfkurs. Eine vorangegangene Analyse hatte gezeigt, dass das Werfen von Scheiben hier wohl keine Randsportart ist, sondern eher zum Alltag gehören muss.
Gut gelaunt pedalierten wir weiter entlang der schönen kleinen Straße, an die traumhaft schöne Häusern direkt am Meer grenzten. Hier waren seit langem auch wieder einige Autos deutscher Touristen zu sehen. Vor allem oftmals selbstgebastelte Campingbusse waren viele zu sehen.
Da wir gestern über 100 Kilometer gefahren waren, stellte sich heute bereits nach gut 50 Kilometer eine gewisse Zufriedenheit ein. Deshalb beschlossen wir eine der zahlreichen, kostenlos öffentlich zugänglichen Grill- und Zeltstellen anzusteuern. Da es noch früh war, wollten wir uns ein etwas aufwendigeres Mahl über dem Feuer zubereiten. In einem Supermarkt fanden wir alles, was unsere Herzen begehrten und wir rollten gut gelaunt zur Grillstelle. Zu unserer Freude fanden wir nicht nur einen hervorragenden Grill, ein hygienisches Toilettenhäuschen und eine schöne Bank, sondern sogar eine kleine Hütte mit kostenlosem Feuerholz. Davor war ein witziger Holzspalter mitsamt Gebrauchsanleitung. Während Jared den Grill anfeuerte begannen Vincent und ich mit der Zubereitung des Festmahls. Dieses bestand aus einer gefüllten Sardine, jeder Menge Grillgemüse, ein paar Grillwürsten, gebratener Süßkartoffel, einigen gerösteten Fladenbroten und einem großen Pita. Serviert wurde das ganze mit Ketchup und einem Mojito-Radler mit extra Minze. Nachdem wir gegessen und am Lagerfeuer Gitarre gespielt hatten, gingen wir mit vollem Bauch und guter Laune ins Zelt.



Tatsächlich waren es heute morgen nur noch 30km bis nach Riga. Man möchte vielleicht meinen, dass eine Hauptstadt auch eine gutes Fahrradnerz im Umkreis haben sollte, nicht so Riga. Um von der großen Bundesstraße runterzukommen, bogen wir irgendwann auf einen Pfad entlang der Düna. Nachdem wir uns durch dichte Wälder und kleine Gartensiedlungen ohne feste Straßen gekämpft hatten, kamen wir endlich - wie aus dem nichts - auf einen perfekt ausgebauten Radweg. Uns fiel in der Ferne sofort der gigantische Fernsehturm von Riga auf. Tatsächlich recherchierten wir, dass dieser das höchste Bauwerk der EU sei. Im Vergleich dazu wirkten die Kirchtürme der Stadt winzig. Wir kämpften noch ordentlich gegen den Wind an, bis wir in die Stadt kamen. Auf dem Weg zu unserem Hotel, das wir am Vortag gebucht hatten, fielen uns schon die vielen schönen Stadthäuser auf. Auch unser Hotel erzählte von Außen noch vom Glanz früherer Tage, von Innen eher vom Renovierungsstau. Aber wir konnten uns nicht beklagen: Lage und Preis waren top.
Moritz und ich zogen, nachdem wir im Bad unseren Renovierungsstau abgebaut hatten, in die Stadt. Mein alter Schulfreund Lukas, der einige Jahre in Riga studiert hatte, gab uns ein paar Tipps für die Innenstadt und so schlenderten wir los. Nachdem wir uns grob orientiert hatten, fanden wir eine total geniale Ciderbar und gönnten uns im Innenhof Cider und einen sehr leckeren Humusteller.







Da es inzwischen schon Nachmittag war, war die Auswahl an Museen, die noch lohnenswert lange offen hatten, klein. Wie entschlossen uns schließlich das Okkupationsmuseum zu besichtigen, das sich der Zeit der Besetzung Lettlands widmet. Wie viele Museen in Riga kostete es keinen Eintritt.
Hier ein kurzer Abriss der Geschichte Lettlands:
Nach dem ersten Weltkrieg erklärte Lettland erstmalig seine Unabhängigkeit. Der multikulturelle Staat war wohl für seine Zeit relativ tolerant gegenüber denen im Land lebenden Minderheiten und so gab es beispielsweise in Riga auch ein deutsches Gymnasium, auf das unter anderem auch Heinz Erhardt ging. Die Unabhängigkeit endete 1939 mit dem Hitler-Stalin-Packt. Die Rote Armee marschierte in Lettland ein und es folgte eine russische Schreckensherrschaft, bei der vor allem ein Großteil der kulturellen und wissenschaftlichen Elite Lettlands in Arbeitslager verschleppt wurde, was wenige überlebten. Dies ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass der Überfall auf die Sowjetunion von einigen Teilen der Bevölkerung als „Befreiung“ gesehen wurde. Doch es folgte die nächste Schreckensherrschaft. In Riga betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung etwa 10%. Am Holocaust in Lettland machten sich auch viele Letten mitschuldig. Es folgte wieder die Rückeroberung durch die Rote Armee und schließlich wurde Lettland - wie das gesamte Baltikum - Teil der Sowjetunion. Es folgte eine weitere Deportationswelle im März 1949, wobei fast 100.000 Menschen aus dem Baltikum in Richtung Sibirien verschleppt wurden.
Ermutigt durch Solidarność und die Streiks in Polen (vor allem Danzig), kam es auch im Baltikum vermehrt zu Gedenkveranstaltungen zu den Deportationen. Im Museum war ein Bild von einer solchen Veranstaltung ausgestellt, auf dem (vermutlich) ein KGB-Agent am Rand zu sehen ist, der im Moment des Fotos dem Fotographen zuflüstert, dass ihm das noch Leid tun werde. Der Höhepunkt der friedlichen Revolution im Baltikum war eine 600km lange Menschenkette zum 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes, die die Hauptstätte Vilnius, Riga und Tallinn miteinander verband. Seit 1990 sind die baltischen Staaten unabhängig.
Besonders Eindrucksvoll war es in dem Museum die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts aus der Perspektive eines so vergleichsweise kleinen Volkes wie den Letten zu sehen. Deutschland war leider(!) ein „Bigplayer“ und zumindest zu sehr großem Teil verantwortlich/schuldig für das eigene und fremde Schicksal. Im Museum bekam man eher den Eindruck, dass Lettland ein einigermaßen chancenloser Spielball zwischen den Großmächten war. Wir konnten etwas besser nachvollziehen, dass wir im Land an jeder Ecke die Flagge Lettlands zu sehen bekamen. Man ist hier stolz auf die eigene Unabhängigkeit. Daneben sieht man aber auch viele EU-Flaggen. Die baltischen Staaten zeigen sich unglaublich Europa freundlich und sind seit 2004 Mitglieder der EU und inzwischen auch der Eurozone.
Mit diesen Eindrücken spazierten wir zurück zum Hotel, vorbei am ehemaligen KGB-Büro, inzwischen gottseidank ein Museum.
Impfkampagne (in der ganze Stadt plakatiert)



Nach einer kurzen Stärkung im Hotel zogen wir zu dritt weiter durch Riga. Nach einigen runden Skat in einem kleinen Café verabschiedete sich Moritz für eine abendliches Telefonat mit seiner Liebsten. Jared und ich zogen weiter in die Innenstadt zu einer Bar, die mir Lukas empfohlen hatte. Etwas lauffaul und neugierig buchten wir uns erstmaligst einen E-Roller, die hier auch an jeder Ecke rumstehen und heizten zu zweit durch die Rigarer Nacht. Wir gönnten uns gerade ein Bier unter freiem Himmel als es anfing zu nieseln. Vielleicht hätte uns das Wetterleuchten schon beunruhigen sollen. Naja, wir zogen auf unserem seltsamen Gefährt weiter in Richtung der Ciderbar, wo es ein kleines Konzert im Innenhof geben sollte. Auf einmal brach Sintflutartig der Regen über uns herein. Wir konnten gerade noch den Roller abstellen und auf einen überschirmten Platz flüchten. Eigentlich eine sehr schnieke Location zu der wir uns mit unserem Radfahrerstyle nicht getraut hätten. Eine Band spielte und die adrett gekleideten Menschen lauschten artig mit einem Cocktail bewaffnet. Da aber jetzt alle Menschen im Umkreis von einigen hundert Metern dies als einzige Fluchtmöglichkeit sahen, verändert sich die Stimmung radikal, glücklicherweise spielte die Band weiter.
Völlig durchnässt fuhren wir mit dem Roller zurück ins Hotel.



Am morgen ging es weiter entlang unserer Route in Richtung Riga. Die Landschaft auf der Strecke war nett, aber nicht sonderlich abwechslungsreich. Auch deshalb hieß es heute ordentlich Strecke zu machen. Dass wir die Pausen auch immer wieder dazu nutzten, um nebenbei etwas Olympia zu schauen, merkten wir heute am Ladezustand unserer Akkus. Auf der Suche nach einer Steckdose und etwas zu Futtern, fanden wir in einem kleinen Ort eine Pizzaria, die von beidem zu Genüge hatte.
Gestärkt und mit zwei Strichen mehr auf den Ladeanzeigen der Powerbanks, ging es weiter in Richtung Riga. Am Abend kamen wir in den Ort Birzai. Zum Abendessen - Tomate-Mozzarella und Butterbrote - wollten wir uns noch ein paar Bier gönnen. Leider kamen wir erst um 19:58 Uhr an den Laden. Die Ladenbesitzerin mahnte uns gleich zur Eile, da die Alkoholtheke um 20 Uhr schließe und so griffen wir zum erstbesten vernünftig aussehenden Getränk, wobei wir leider die zehn Kühlschränke mit gekühltem Bier übersahen. Sei‘s drum, das Bier schmeckte nach dem ganzen Tag Fahrradfahren trotzdem super! Wir machten es uns an einem Badesee am Ortsrand gemütlich und bereiteten unser Essen zu. Wir starrten dabei wohl so neidisch auf eine Gruppe junger Menschen, die Beachvolleyball spielten, dass wir auch einige Runden mitspielen durften. Auch wenn wir schon ein bisschen platt vom Fahren waren, mussten wir diese Gelegenheit nutzen. Nachdem wir in den Sommer 2018 und 2019 in Freiburg mehrmals die Woche gebeacht hatten, haben wir wegen Corona seit fast zwei Jahren nicht mehr gespielt. Wir spielten 3 gegen 3. Es machte unglaublich viel Spaß. Nach einigen Runden sah es auch schon wieder einigermaßen ansehnlich aus, was wir da so fabrizierten.



Da der Badestrand aber noch gut besucht war, zogen wir etwa 4 km weiter um den See und fanden einen kleinen Rastplatz, wo wir spät abends unser Zelt aufschlugen.
Am nächsten Morgen hatten wir mit heftigem Wind zu kämpfen. Die ersten 10 km waren vermutlich die langsamsten ebenen Kilometer der ganzen Tour. Glücklicherweise knickte die Route irgendwann nach rechts ab, allerdings hatten wir immer noch starken Seitenwind. Unser Gepäck ist leider nicht nur zusätzliches Gewicht, sondern vergrößert die Querschnittsfläche unseres Fahrzeugs enorm, was man bei Wind deutlich merkt. Besonders fies sind dabei Überholvorgänge von LKWs, bei denen man wirklich aufpassen muss, dass man nicht vom Fahrrad fliegt. Etwas entkräftet erreichten wir die Grenze zu Lettland - immerhin schon das siebte Land der Tour. Hungrig ging es in den ersten Supermarkt 50m hinter der Grenze, was mal wieder dazu führte, dass wir etwas zu ordentlich zulangten. Mit unserer Beute machten wir es uns auf der Flucht vor dem Wind in der Bushaltestelle gemütlich.


Gegen Nachmittag drehte der Wind glücklicherweise ein wenig und so konnten wir teilweise sogar mit Rückenwind gut vorankommen. Wir machten noch eine Pause in einer urigen Kneipe. Das Bier war fantastisch, der Kaffee eher schwer zu genießen. Der Plan war nun morgen den Tag in Riga zu verbringen und deshalb heute noch etwas näher an die Großstadt heranzufahren. So machten wir noch einige Kilometer auf der sehr dicht befahrenen Straße und fanden schließlich etwas abseits im Ort Baldone einen witzig geformten Bushaltestellen-Pilz. Jared kochte fantastische Bratkartoffeln. Ein Festschmaus, den wir uns aufgrund der Gas-intensiven Zubereitung, nicht so oft gönnen.
Ein kleines Stück weiter gab es einen großen Park mit einer Freiluftbühne, die via Google Maps als perfektes Nachtlager auserkoren wurde. Leider war das Gelände abgesperrt. Wir fanden aber angrenzend eine große leere Festivalwiese. Wir fuhren den Hang runter, wo wir etwas Windgeschützt unser Zelt aufschlagen konnten. Inzwischen hatte ich an der Tanke eine neue lettische SIM-Karte besorgt. So konnten wir uns eingekuschelt im Zelt noch die Olympiahighlights des Tages gönnen. Mit Vorfreude auf Riga schlummerten wir schließlich friedlich ein.








