Mit leicht verdaulichen Nudeln und schwer verdaulicher Geschichte im Bauch verließen wir Danzig (bzw. Gdańsk) wieder. Der nächste Fixpunkt auf unserer Tour sollte Pieniezno (ehemals Mehlsack) sein, wo Jared und ich Hinweise auf unsere Vorfahren suchen wollten. Bis dahin waren es ca 150 Kilometer, und wir wollten dementsprechend bis zum Abend des nächsten Tages ca 140 Kilometer zurücklegen, um dann vor Pieniezno zu übernachten. Da es bereits später Nachmittag war, machten wir keine längere Pause mehr und versuchten so möglichst viele Kilometer hinter uns zu bringen.
Vincent schien sich dabei ungewohnt schwer zu tun - vermutlich hatte ihm die durchgelegene Hostel-Matratze nicht bekommen!? Die Straße führte uns entlang des Flusses Martwa Wisla, an dessen Ende wir die Weichsel per Fähre überquerten.
Auf der anderen Seite bot sich uns ein spannendes Naturschauspiel. Wir konnten beobachten, wie sich in den einige Kilometer entfernten Gewitterwolken zwei Wirbel bildeten und langsam aber sicher Richtung Boden wuchsen. Die Wirbel wurden so zu ausgewachsenen Wasserhosen, die ein paar Minuten umeinander tänzelten, bevor sich beide langsam auflösten. Leider waren wir zu fasziniert, um rechtzeitig die Kamera zu zücken und konnten die Tornados nicht in voller Pracht aufnehmen.
Nach etwa 40 gefahrenen Kilometern - Vincent hing nur noch angestrengt im Windschatten - erspähte Jared einen möglichen Schlafplatz. Am Rande eines kleinen Flusses, von Gebüsch wenigstens halbwegs bedeckt, war ein etwa zehn Meter langer und drei Meter breiter, schwimmender Steg. Unsere Schnellprognose stimmte uns optimistisch, hier unser Zelt irgendwie drauf zu bekommen. Unter normalen Umständen hätte ich dafür plädiert weiterzufahren. Zeitgleich untersuchte allerdings Vincent sein Hinterrad, um festzustellen, ob sich wieder Speichen gelöst hatten. Tatsächlich wackelten einige Speichen nur noch lose herum. Allerdings nicht weil sie sich aus der Felge gelöst hatten, sondern weil sich die Felge AUFgelöst hatte. Bei acht Speichen hatte sich das Gewinde mitsamt einem Stück Felge herausgerissen. Dementsprechend hatte sich das Rad in ein ungefähr rundes Vieleck verwandelt. Eine Weiterfahrt war also erstmal ausgeschlossen und so arrangierten wir uns mit dem Steg. Immerhin war wohl mit Vincents Fitness noch alles in Ordnung... Nachdem wir gekocht hatten, wurde das Zelt auf dem Steg aufgebaut. Mit guten zehn Zentimetern Platz zwischen Zeltwand und Wasser auf beiden Seiten war das ganze kein Problem! Zumindest für mich, da ich ja in der Mitte schlafe.



Am nächsten Morgen hatte ich gerade Frühstück und Kaffee gekocht - Jared hatte sich schon zu mir gesellt, während Vincent noch von einer neuen Felge träumte - da kam eine Gruppe von drei Männern auf unseren Steg. Sie witzelten untereinander und hatten insgesamt eine geschäftige aber hervorragende Stimmung an den Tag gelegt. Bewaffnet mit Motorsensen und Laubgebläsen begannen sie sofort wild auf uns einzureden. Zwar war der Tonfall entspannt und fröhlich, aber wir begannen trotzdem etwas hektisch unser Zeug aus dem Weg zu räumen. Auch Vincent war plötzlich in der Vertikalen und verstaute bereits die Schlafsäcke. Die Männer winkten nur ab, bedeuteten uns sitzen zu bleiben und (so die Vermutung) wünschten uns einen guten Appetit.
Nachdem wir schließlich zusammengepackt hatten, machten wir uns auf den Weg. Natürlich musste Vincents Hintervieleck möglichst entlastet werden und so übernahm Jared die großen Packsäcke und den Wasserbeutel und ich Vincents beide Hintertaschen und die Gitarre.
Dank Entlastung rollte alles einigermaßen und wir erreichten recht schnell das etwa 30 km entfernte Elblag. Dort suchten wir einige Zeit nach dem angestrebten Fahrradladen. Da sich die Suche durch ein spannendes Backstein-Industriegebiet zog, wo es so ziemlich jedes Handwerk zu finden gab, hatten wir aber auch daran unsere Freude. Als wir die Radwerkstatt schließlich fanden, waren wir direkt guter Dinge. An der Wand hingen einige dutzend Laufräder und so fand sich auch schnell ein passendes für Vincents Drahtesel. Die beiden Mechaniker, beide etwa in unserem Alter, waren super hilfsbereit und kompetent. Einzig die Frau an der Kasse, möglicherweise die Geschäftsführerin, war nicht so begeistert, wenn wir ständig ihre Mechaniker beanspruchten.
Kurz nach uns traf eine junge deutsche Familie ein. Die Eltern waren mit ihren drei Söhnen (5, 3 und 1) einen Monat in Polen unterwegs. Dabei legte der älteste die gesamte Stecke selbst zurück, während seine kleineren Brüder mit Follow-Me bzw. Kindersitz vom Vater bewegt wurden. Wir waren wirklich beeindruckt wie entspannt und gelassen die Bedürfnisse der drei Kinder während der Fahrradreparatur bedient wurden. Ob wir wohl so entspannt wären, die Tour mit drei kleinen Kindern durchzuziehen? Die Räder der Eltern repräsentierten die Crème de la Crème der Fahrradschaltungen: Sie war mit einer Rohloff Nabenschaltung und er mit einer Pinion Getriebeschaltung unterwegs. Letztere ist optisch leicht mit dem Motor eines E-Bikes zu verwechseln, da sie direkt im Tretlager, also zwischen den Pedalen, angebracht ist und in Form einer kleinen Box im Rahmen steckt. Mit einem Preis von 1500 Euro allein für die Schaltung findet man die Pinion P1.18 auch nur in High-End Rädern.





Dementsprechend irritiert waren wir über die teils fehlende Fachkenntnis der beiden, die an der einen oder anderen Stelle auffiel. Während Vincent sein neues Hinterrad zusammengeschraubt bekam, wollte ich noch schnell (!!) meine Kette wechseln, da die alte bereits ordentlich steif war. Aufgrund von Verständigungsproblemen, wurde mir erst eine komplett falsche Kette verkauft, die dementsprechend hin und her wackelte und bei jeder Pedalumdrehung durchrutschte. Etwas genervt suchte ich mir dann die Kette selbst aus und montierte sie fröhlich mit meinem Kettennieter. Guter Dinge setzte ich mich für eine Proberunde auf den Sattel und RATSCH rutschte auch die neue Kette durch. Bereits etwas verzweifelt versicherte ich mich dreifach, ob es sich diesmal auch wirklich um die richtige Kette handelte. Der nächste Anhaltspunkt war die Kettenspannung, also wurden nochmal ein paar Kettenglieder entfernt, um die Feder des Kettenspanners stärker unter Zug zu setzen. Auch das brachte keine wesentliche Verbesserung und somit wuchs meine Frustration weiter an. Auch die Mittagssonne, welche auf unsere Köpfe knallte trug nicht gerade zur Entspannung bei. Vincent war in der Zwischenzeit einkaufen gegangen und er und Jared hatten bereits gegessen. Unsere Radlerkollegen hatten alle Reparaturen erledigt und die drei Jungs wurden längst ungeduldig. Nachdem die Ölschicht auf meinen Händen vom vielen rumwerkeln deckend war, beschloss ich doch noch einmal einen der beiden Mechaniker um Rat zu fragen. Der identifizierte das Problem schnell: einige Kettenglieder der neuen Kette waren steif. Leider stellte sich die Behebung des Problems als deutlich komplizierter heraus als die Diagnose. Gemeinsam werkelten er und ich eine weitere halbe Stunde und drei Kettenschlösser lang an der Kette herum. Die junge Familie war mittlerweile weitergezogen und Jared und Vincent hatten Reparaturzeug für die Solarplatte in einem nahegelegenen Baumarkt besorgt. Nach locker zwei Stunden lief die Kette wieder flüssig und mein Rad rollte wie neu. Vielleicht war es mit meiner eigenen Fachkenntnis auch nicht so weit her, wie ich mir eingebildet hatte...
Während unserer Reparaturgespräche empfahlen uns die beiden jungen Eltern den „Green Velo“, welcher ziemlich genau zu unserer Streckenplanung passte und außerdem eine tolle Infrastruktur mit sich bringe.
Gesagt, getan! Wir folgten den netten Schildern mit bunten Kettengliedern in Richtung Pieniezno. Tatsächlich waren etwa alle 15 Kilometer klasse Rastplätze mit Bänken und Tischen unter schönen Holzdächern gemeinsam mit Mülleimern und jeweils einer Toilette vorhanden. Die Ausschilderung war auch sehr gut und der Weg so gewählt, dass von Autos befahrene Straßen möglichst gemieden wurden. Für eine Familie war das perfekt, aber für uns waren Streckenführung und Belag an diesem Tag zu langsam, da wir bis Abend nahe an Pieniezno sein wollten.
Dementsprechend fuhren wir viel auf der Landstraße und schafften trotz langer Wartungspause gute 90 Kilometer. Für die nächsten Tage nahmen wir uns vor, dem ausgeschilderten Weg mehr zu folgen. Nach unserem Abendessen an einer Bushaltestelle, rollten wir an einen See, wo wir einen minimalistischen, sehr natürlichen Campingplatz fanden. Beim Betreten desselben kam uns direkt ein großer, bulliger Hund entgegen, der wild bellte und die Zähne fletschte. Glücklicherweise kam uns schnell sein Herrchen, der Platzwart, zur Hilfe und rettete uns aus der Situation. Für die Nacht mit dem Zelt verlangte er einen lächerlich geringen Betrag und erklärte uns sogar noch, welches Holz wir für ein Lagerfeuer nutzen konnten. Wir ließen den Abend also mit Schwimmen und Gitarre spielen am Lagerfeuer ausklingen und gingen anschließend vom Glück beseelt ins Zelt.
Nachdem wir es uns in unserem Hostel La Guitarra gemütlich gemacht haben - unser Zimmer hieß übrigens Keith Richards, nicht die schlechteste Wahl - und die nötigen hygienischen Maßnahmen ergriffen hatten, um uns unter Menschen zu wagen, spazierten wir in Richtung Innenstadt. Die nette Frau an der Rezeption empfahl uns die „Piwna“, zu deutsch: Bierstraße - ideal für unsere Abendpläne. Wir spazierten vorbei am Hafen mit einigen schicken Yachten und einem dämlichen Pseudopiraten-Ausflugsschiff mit Fakesegeln, von dessen Sorte wir bisher in jedem polnischen Hafen eines gesehen haben.




In der Bierstraße fanden wir tatsächlich viele nette Bars und Kneipen. Unsere erste Wahl fiel auf einen kleinen aber feinen Innenhof und tatsächlich war die Bierauswahl sehr beachtlich. Etwas überfordert mit dieser bekamen wir auf die Frage, was denn das Getränk mit dem fancy Namen „Fortuna 11“ für ein Bier sei, die Antwort: „Fortuna is the Beer, 11 the price!“
Nach einigen Runden Skat meldeten sich beim Reizen auch immer deutlicher unsere Mägen zu Wort, und so gingen wir auf die Suche nach einem Abendessen. Wir fanden ein Restaurant, das sich vornehmlich auf Piroggen (im Prinzip die polnische Version der Maultasche - nur anders 😉) spezialisiert hatte. Wir gönnten uns gemeinsam den Teller mit 36 gemischten Füllungen. Soweit wir es rausschmecken konnten, waren in unterschiedlichen Füllungen dabei: Kraut, Pilze, Hackfleisch, Fisch und zum Nachtisch Quark und Beeren. Allesamt sehr, sehr lecker.
Nach dem wir unsere Bäuche vollgeschlagen hatten ließen wir den Abend in der sehr hippen Bar „Jozef K“ am Ende der Straße mit einigen Pale Ales ausklingen.
Für den nächsten morgen hatten wir uns einen Platz für die Free Walking Tour ergattert und spazierten mit unserem sehr unterhaltsamen Guide drei Stunden lang durch die Danziger Innenstadt. Wir lernten viel über die Danziger Geschichte geprägt von Handel und Reichtum (Hansestadt!) und den stetig wechselnden Bewohnern der Stadt. Hier lebten Polen, Deutsche, Holländer...
Besonders bewegend war der Abschluss der Tour. Diese endete am ehemaligen polnischen Postamt. Das mag unspektakulär klingen, ist aber tatsächlich ein wirklich geschichtsteächtiger Ort. Fesselnd erzählte uns der Guide warum:
Nach dem ersten Weltkrieg wurde im Vertrag von Versailles festgelegt, dass Danzig weder zu Deutschland noch zu Polen gehören solle, sondern den Status einer freien Stadt bekäme. Eine Bedingung war dabei die Entmilitarisierung des Gebietes. Zu dieser Zeit bestand die Bevölkerung Danzigs zu 90% aus Deutschen. Ein wichtiges Symbol und Service für die Polen war daher das polnische Postamt, das es parallel zur Danziger Post mit eigenen Briefkästen gab. Als die Rhetorik der Nazis immer grausamer wurde und ein Krieg unausweichlich schien, rüsteten heimlich die „Postbeamten“ auf. Ziel war es bei einem möglichen Überfall die wenigen Stunden durchzuhalten, bis Verstärkung durch die polnischen Armee kommen konnte. Mit dieser Vorahnung lagen sie leider richtig. Nach dem angeblichen und fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz am 01.09.1939, begann der Überfall auf Polen genau hier und damit auch der Beginn des zweiten Weltkriegs. Die Propagandapresse der Deutschen stand schon bereit, um die Einnahme des polnischen Postamtes symbolträchtig zu inszenieren, doch die mutigen Postbeamten wehrten sich in ihrer Verzweiflung so gut es ging. Sie wussten nicht, dass keine Verstärkung kommen konnte. Erst nachdem das Gebäude voll Benzin gepumpt und in Flammen gesetzt worden war, gaben die Verteidiger auf. Von Ihnen überlebte keiner den Krieg.
Das Postamt ist wieder aufgebaut und vor Ort erinnert eine Skulptur an diesen erbarmungslosen Kampf.
Fünf furchtbare Jahre später wurde Danzig von der Roten Armee „befreit“ - was bedeutete, dass es fast komplett zerstört wurde. Glücklicherweise, wurde vieles wieder aufgebaut und nur bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass wohl einiges nicht mehr ganz „original“ ist.




Nach der Stadtführung nutzten wir mal wieder die Vorzüge einer Großstadt für einige Erledigungen. Während Moritz eine neue Isomatte kaufen ging - seine hat inzwischen eine monströse Beule, suchten Jared und ich einen Friseur auf, da wir gegen das Gewucher auf unseren Köpfen dringend etwas unternehmen müssen. Wir fanden einen urigen kleinen Salon auf einer Galerie in einer Markthalle. Leider musste sich die Friseurin noch mit einem Deutschen und seiner Frau rumschlagen. Es bestand wohl ein Kommunikationsproblem darüber, wie kurz die Haare geschnitten werden sollten, wobei das Englisch der rasenden Ehefrau auch nicht das Prädikat Oxford verdient hätte. Die beiden führten sich dermaßen peinlich auf, dass wir uns wirklich fremdschämen mussten. Es war leider nicht das erste Mal, dass wir miterleben mussten, wie sich deutsche Touristen im Ausland danebenbenahmen. Als wir die beiden daran hindern wollten, den Friseurladen ohne zu zahlen zu verlassen, kassierten wir von der Furie auch noch ein „Arschloch“, was diese nette Begegnung noch abrundete.
Wir versuchten unser bestes, diesen bescheidenen Eindruck deutscher Höflichkeit wieder auszugleichen und setzten auf volle Charmeoffensive. Gottseidank konnte die Chefin des Ladens es auch ein wenig mit Humor nehmen und wir erzählten von unsere Reise. Sehr zufrieden über unseren neuen Haarschnitt trafen wir uns mit einem sehr zufriedenen Moritz mit neuer Isomatte im Gepäck und von unangenehmen Begegnungen mit Deutschen verschont. Mit einer Runde Nudel mit Pesto am Hafen ließen wir unseren Danzigbesuch ausklingen.
Die Nacht war für mich zwar erholsam, aber auch nur dank der aufmerksamen Mitschläfer, die den nichtangekündigten Regen immerhin bemerkten und unser nacktes Innenzelt mit dem Außenzelt überzogen. Ich wachte nur kurz auf, als die beiden bereits die Zeltplane fixiert hatten. Dafür wachte ich am nächsten Morgen früh auf und konnte schonmal Frühstück richten. Kurz später kamen auch die benachbarten belgischen Camper aus ihrem Bus. Die 2 kleinen Töchter hatten uns schnell als Ballspielpartner auserkoren und von der Nummer kamen wir auch nur schwer wieder weg. Daher musste die morgendliche Routine parallel zu Ballholen und Zuwerfen erfolgen und die Bespaßung erfolgte in Schichten. Irgendwann hatten wir alles beisammen und dann war für alle der Spaß vorbei. Die Bälle der Mädels wurden eingepackt, als sie schließlich auch die Reise fortsetzten und wir mussten wieder aufs Rad…. Auf einem in Komoot eingezeichneten Wanderweg durchs Sumpfgebiet. Die Staßenqualität bei einer Umfahrung des Gebiets wäre auch nicht optimal gewesen und so dachten wir kann man die 10km schon irgendwie durchstehen. Es kam aber deutlich härter als gedacht.
Nicht nur die engen, matschigen Radwege stellten sich als Problem heraus. Auch die sehr gut intakte Natur in Form von Mücken und anderen Blutsaugern quälte uns zunehmend. Lustigerweise trafen wir aber genau hier weitere Radreisende. 2 frische Abiturientinnen aus Hannover radeln ebenfalls den EuroVelo 13 entlang bis nach Danzig, um von dort nach Schweden überzusetzen. Wir unterhielten uns eine Weile und so konnte man die Strapazen etwas verdrängen. Nach 20 km zurückgelegt in einem Schnitt unter 10 km/h kamen wir endlich wieder auf Asphalt an.
Dort folgten wir dann den guten Straßen Richtung Süden, um den schwer zu befahrenden Küstenabschnitte auszuweichen. Von dort ging es dann weiter nach Westen bis wir den ehemaligen Grenzfluss zu Polen erreichten. Hier tuckerten noch die letzten Kayaks Richtung Ostsee und wir machten es uns schon einmal auf einem der grünen Parkplätze dort am Fluss gemütlich. Nach ausgiebigem Waschen (sowohl wir als auch die Räder) gingen wir schließlich schlafen.



Am nächsten Morgen war ich mal wieder der erste, der das Zelt verließ. Ich setzte mich schon einmal an die Bank auf dem Parkplatz und bereitete Frühstück und Kaffee vor. Moritz kam etwa eine Stunde später herausgekrochen und fragte mich, ob ich seinen Schuh 20m weiter verschleppt hätte. Als dann schließlich auch noch Vincent fragte, warum sein FlipFlop nicht mehr am Zelt lag, war wohl klar, da war ein Fuchs zu Besuch über Nacht! Immerhin waren keine Gegenstände allzuweit verschleppt und so konnten wir ohne Verluste alles zusammenpacken. Während des Frühstücks wollte ich in der Morgensonne noch die Solarplatte auslegen zum Laden. Ich war bereits am Abend verwundert, dass sehr wenig Leistung rauskam aber verschob das Problem auf den heutigen Tag. Leider bestätigte sich das Problem, irgendwas stimmt hier nicht , aber zuerst noch eine kurze Vorstellung der Stromversorgung:
Gepäckstück des Tages: Solarplatte
Es ist wohl anhand des Blogs zu erahnen, dass wir technisch gesehen nicht gerade ‚wild‘ unterwegs sind. Wir haben schließlich 3 Stirnlampen, ein Fotoapparat, eine GoPro, eine Drohne, 3 iPhones und ein iPad dabei und alle sind sehr durstig nach Elektrizität. Daher haben wir eine faltbare Solarplatte dabei in Kombination mit 2 Powerbanks (gesamt: 40.000 mAh). Das kleine Kraftwerk ist von der Marke Suaoki und kann nominell 21W Output geben mit 2 USB Slots (realistisch im Idealfall 15W). Das reicht super, um die Powerbanks sogar per QuickCharge zu laden. Ideal ist die Platte vor allem auch in Kombination mit den Fahrradtaschen. Die Rollverschlüsse meiner Hintertaschen eignen sich super um die Solarplatte darin einzuklemmen. So kann ganz bequem tagsüber geladen werden.
Und nun zurück zum Problem: Ich vermutete bereits einen Kabelriss irgendwo in der Verschaltung, schließlich änderte sich die Leistung kaum, wenn ich die hinteren beiden Solarplatten abdeckte. Es blieb also nichts anderes übrig als den Stoff aufzuschneiden und nachzusehen. Tatsächlich war ein Kabel an der Knickstelle gerissen (es war wohl auch nicht auf Langlebigkeit ausgelegt). Wir nahmen mal wieder eines unserer defekten iPhone Ladekabel zu Hand, um eine Kabelader abzuisolieren und als kleine elektrische Brücke mithilfe von Klebeband zu nutzen. Nun funktionierte das Gerät wieder wie gewohnt, sieht aber jetzt etwas zerfleddert aus und muss vermutlich mal noch beim nächsten Baumarktbesuch überarbeitet werden.


Um Punkt 9 kam dann die Flut von Kayaks und mit ihnen die Touristen über uns herein. In Windeseile packten wir unser Zeug zusammen und brachen auf Richtung Danzig. Der Wind war heute anfangs optimal und trieb uns bis zur Bucht vor Danzig. Dort ging es dann Richtung Süden, zuerst durch Gdynia, wo wir noch eine leckere Pizza verspeisten und schließlich weiter nach Danzig, wo wir unser Schlafquartier im Hostel La Guitarra bezogen.
An diesem Tag erwachten wir alle recht zeitig, da uns der Strand wenig Schutz vor der Morgensonne bot. Natürlich nutzten wir alle das Meer vor unserer Zelttür für eine morgendliche Erfrischung. Gerade wenn man den ganzen Tag schwitzend auf dem Rad sitzt, tut es gut, sich morgens noch ein paar Stunden wie ein Mensch zu fühlen. Kaum dass wir unsere Sachen einigermaßen gepackt hatte, kam eine Gruppe von drei Männern den Strand im Traktor entlanggefahren. Wir hatten noch kurz Bedenken, ob da wohl Ärger auf uns zurollen könnte, aber sahen dann schnell, dass die Männer für das Leeren der Mülleimer zuständig waren. Also begrüßten wir die drei freundlich in unserem flüssigen Polnisch (Wortschatzgröße: 3) und machten uns auf den Weg. Da es noch relativ früh war, hatten wir angenehme Temperaturen und der Wind half uns ein wenig auf einem sehr schönen, schattigen Weg entlang der Ostsee. Mit einem kurzen Stop für Wasser und ein paar Runden Skat erreichten wir vor Einsetzen der Mittagshitze einen sehr schönen Pausenplatz und hatten bereits über 40 Kilometer geschafft ohne uns wirklich anzustrengen. Die Mittagspause wurde genutzt, um den Blog und die Räder auf Vordermann zu bringen und die eine oder andere Tasse Kaffee zu trinken. Nach einer mehr als ausgiebigen Pause ging es nachmittags weiter. Für mich war es immernoch schwer erträglich heiß, aber der Gegenwind brachte Abkühlung und Ablenkung, da er ein akuteres Problem darstellte als die Temperaturen.
Ein besonderes Highlight des Tages war der Trip von Vincent und mir zum Supermarkt. Aus Gewohnheit waren wir davon ausgegangen, die Wasserkanister direkt am Eingang zu finden. Da sie dort nicht anzutreffen waren, irrten wir orientierungslos im Laden herum. Nachdem wir fünfmal im Kreis gelaufen waren, entdeckten wir mehr oder weniger gleichzeitig ein großes Schild mit der Aufschrift „Woda“, welches uns in einen Nebenraum führte. Bei genauerem Umsehen wurde uns klar, dass alle Wände, Decken und soar der Fußboden mit derartigen Schildern bestückt waren. Im Nachhinein war uns absolut unbegreiflich, wie man in diesem Laden irgendetwas anderes als die „Woda“-Schilder wahrnehmen konnte. In diesem Moment machten wir uns dann doch den einen oder anderen Gedanke darüber, was das tägliche Radfahren mit unserer Zurechnungsfähigkeit anstellte…



Zum Abend hin fuhren wir einige Kilometer entlang einer dünnen Landzunge zwischen Meer und Seen, auf der nur ein einziger Weg und der Strand entlangführten. Da wir erschöpft waren, beschlossen wir etwas abseits des Weges an einer einsamen Stelle am Rande des Strandes zu nächtigen. Der Platz war wunderschön und wie irgendjemand von uns noch feststellte gab es auch „gar keine Mücken hier“. Man konnte toll im Meer schwimmen und über die Wellenbrecher bis weit ins tiefe Wasser hinaus gehen. Wir kochten, gingen Schwimmen, telefonierten, warfen die Frisbee und hatten insgesamt einen super Abend.




Doch als wir uns gerade in tiefster Sicherheit wiegten, begann es: Innerhalb von 15 Minuten verwandelte sich der friedliche Ort in ein Schlachtfeld… und wir waren die Bauernopfer. Nachdem wir zwei Stunden lang keine Mücke erblickt hatten, waren plötzlich alle Mücken der Welt da. Tatsächlich kamen so schnell so viele der Untiere, dass wir die Hälfte unserer Sachen liegen lassen mussten. Telefonate wurden plötzlich beendet und Geschirr ungespühlt liegen gelassen. Alles musste im Laufschritt erledigt werden, um die feindlichen Landemanöver möglichst zu erschweren. Weder Autan und Antibrumm, noch lange Kleidung konnten hier mehr helfen, da jeder ungeschützte Quadratzentimeter sofort von zehn Blutsaugern besetzt war. Die schiere Masse an Flugtieren führte dazu, dass jede Schwachstelle unserer Verteidigung genutzt wurde. Sogar zwischen den Haaren und auf die Lippen stachen die Monster. Also blieb als Rettung nur noch unser Zelt, welches glücklicherweise bereits aufgebaut war. Beim Betreten des hermetisch abgeriegelten Bereichs wurden höchste Sicherheitsstandards eingehalten und so konnte tatsächlich eine dünne und löchrige, aber sichere Barriere zwischen uns und den Blutsaugern gehalten werden. Nachdem sich geschätzte 10.000 Mücken zwischen unserem Innenzelt und Außenzelt gesammelt hatten, blieb kaum ein Zentimeter unbesetzt. Jeder Schlag gegen die Zeltwand schreckte die Tiere auf und hatte sofort ein dröhnend lautes Summen zur Folge. Selbst Stephen King hätte solchen Horror nicht erdenken können! Jede kleine Unachtsamkeit in Form einer Berührung des Innenzelts VON INNEN wurde mit einer saftigen Blutspende bestraft. Wir stellten uns einige überlebensentscheidende Frage: War wirklich kein einziges Loch im Innenzelt? Würden die Mücken am nächsten Morgen immer noch da sein? Und würde das Zelt unter der schieren Masse an Insekten nicht einfach zusammenbrechen? Nachdem wir uns mit einem Film ein wenig von unserer ausweglosen Situation abgelenkt hatten fielen wir alle irgendwann von unserer Angst völlig erschöpft in einen unruhigen Schlaf.
Nach der Schreckensnacht erwachten wir, immernoch umgeben von tausenden, wenn auch mittlerweile recht lethargischen, Mücken.
Jared, dessen Schlaf wohl kaum beeinträchtigt worden war, joggte beim ersten Wecker direkt motiviert aus dem Zelt. Bei mir brauchte es geschätzte sechs weitere Klingeltöne und Vincent lag auch noch im Zelt, als Jared und ich längst gefrühstückt, Kaffee getrunken, unsere Schlafsäcke und Isomatten gepackt und - in meinem Fall - das gesamte heute Journal gehört hatten. Als wir dann schließlich aufbrachen, knallte die Sonne bereits wieder mit voller Stärke auf uns und unsere Räder nieder. Gut für die PV-Anlage, schlecht für unsere Köpfe. Trotz Sonnenschein und spätem Aufstehen erreichten wir mittags einigermaßen rechtzeitig vor der maximalen Hitze nach etwa 40 Kilometern unseren Pausenplatz in Ustka. Dort fanden wir einen Spielplatz mit großem Pavillon, samt Bänken und Tischen. Sogar ein Wasserhahn war vorhanden, wodurch wir unser Trinkwasser nicht zum Nudeln kochen nutzen mussten. Mit getrockneten Tomaten, Feta, gerösteten Sonnenblumenkernen, frischen Tomaten, Paprika, Rucola und (je nach Gusto) Oliven gab es einen köstlichen Nudelsalat. Nachdem wir unsere Verdauungspause abgewartet hatten, arbeiteten wir noch ein wenig am Blog und warfen noch die eine oder andere Frisbee durch die Luft. Dank unseres Wasserfilters konnten wir noch alle Flaschen füllen und machten uns anschließend wieder auf den Weg. Die Strecke führte uns weiter entlang der Küste und durch den Ort Rowy. Dort wurden wir von einer Schranke und einem zugehörigen Kassenhäuschen mitsamt Kassierer überrascht. Uns wurde klar, dass der Eurovelo hier mitten durch den Naturschutzpark Narodowy führte. Um 21 Zloty erleichtert radelten wir also durch den naturbelassenen Wald vorbei an Kiefern, Birken und Farnen.
Etwa 20 km weiter hofften wir einen schönen Schlafplatz am Badesee zu finden. Der Weg dahin machte eine langsame aber stetige Entwicklung vom schönen Schotterweg zum anspruchsvollen Grasweg und schließlich zu einem langgezogenen, unbefahrbaren Sandkasten durch. Unsere Räder rollten nicht mehr orthogonal zur Nabe sondern rutschen parallel dazu, um dann im tieferen Sand komplett stecken zu bleiben. Hier war erstmals einige Minuten Schieben angesagt. Es sollte ein leichter Vorgeschmack auf die Misere des nächsten Tages werden...
Was auf der Karte wie ein schöner Badesee aussah, entpuppte sich leider sich leider auch eher als Anglerparadies. Das Wasser war kaum 40 cm tief und trotzdem dunkel wie die Tiefsee. Unsere Enttäuschung darüber wich schnell, als wir mit einem jungen Belgier ins Gespräch kamen. Er fragte uns über unsere Tour aus und wir merkten schnell (auch an seinem Shirt mit Aufschrieb „cycle-the-world!“), dass er bei dem Thema wohl alles andere als unerfahren war. Auf unsere Nachfrage hin erzählte er, dass er mit zwei Freunden in vier Touren zu jeweils ca. drei Monaten einmal um die Welt geradelt sei. Dabei gingen die Routen von Amsterdam nach Togo, dann einmal quer durch Südamerika, bei der nächsten Tour von Singapur nach Peking und zum Schluss von Kirgisistan zurück nach Belgien. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, erklärte er uns, dass er unweit an einem Wanderparkplatz mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern übernachte. Leider nicht mit Fahrrad und Zelt, sondern im komfortablen Campingbus - ein erster Schritt, um seine Frau auf den Geschmack zu bringen. Durch ihn ermutigt, beschlossen wir auch auf dem Parkplatz unser Zelt aufzuschlagen, obwohl ein großes Schild mit durchgestrichenem Zelt davor aufgebaut war. Über dessen Bedeutung sind wir uns immernoch nicht final einig geworden…



Nachdem wir uns jetzt von Berlin bis an die Ostseeküste vorgeradelt haben, geht es jetzt entlang dieser durch Polen. Das weckt einige schöne Erinnerungen und Urlaubsgefühle bei mir, denn als Kind waren wir jahrelang mit der ganzen (polnisch stämmigen) Großfamilie im kleinen Küstenort Dźwirzyno im Urlaub. Gut kann ich mich noch erinnern, wie wir morgens um 4 Uhr mit dem Auto in Würzburg aufbrachen und über Berlin bis nach Polen fuhren. Dass man irgendwann nach Polen kam, merkte man vor allem am rhythmischen Klappern des Autos auf den aus einzelnen Betonplatten bestehenden Straßen. Auch wenn wir uns sehr auf die polnische Küste freuten, waren wir vorsichtig optimistisch was die Ausbaustufe der polnischen Radwege anging.
So fuhren wir auf Usedom über die deutsch-polnische Grenze und auf einmal: wunderbare Radwege, gut asphaltierte Straßen, ausgeschilderte Fernradwege…
Spätestens als wir auf der Fähre durch den Swinemünder Hafen auf die Frage, was es denn kosten würde, die Antwort bekamen „It‘s free“, war der erste Eindruck perfekt. Doch auch wenn sich vieles getan hat in den letzten 20 Jahren, erinnerte mich vieles an die Urlaube hier: Die Kettcars, die Airhockey-Tische und die Ramschläden an jeder Ecke in den Urlaubsorten gibt es noch. Wir fuhren durch den Nationalpark Wolin und in den Ort Wiselka, wo wir spontan eine wunderbare Pension mit Garten fanden, wo wir unsere Akkus und die unserer Geräte aufladen konnten.
Am nächsten morgen ging es weiter an der Ostseeküste entlang. Nach wenigen Kilometern trafen wir eine nette Gruppe Schweizer, mit denen wir ins Gespräch kamen und einige Kilometer gemeinsam fuhren. Für Sie ging die Route von Hamburg aus bis nach Tallin. Das absolute Highlight ihrer Ausrüstung war die auf den Gepäckträger gespannte Angel, ideal für den Ostseeradweg. Warum hatten wir diese Idee nicht?
Wir tauschten Handynummern aus und verabschiedeten uns mit der Gewissheit, dass wir uns bestimmt auf dem Weg noch einmal begegnen werden. Bei einer ausgiebigen Käsebrotpause trainierten wir auf dem Schotterweg vor unserer Bank den Frisbee-Skip-Shot. Dabei stellt der Werfer die Frisbee unter einem bestimmten Winkel an. Die Frisbee springt dadurch vom Boden wieder hoch. Der Fänger läuft von seiner Ausgangsposition 20 Meter und sucht die Frisbee im Gebüsch… naja, wir üben noch!
Nach der Pause und dem verzweifelten Versuch das Schrumpfen unserer Armmuskulatur durch Frisbeesport zu verlangsamen, kamen wir in ein furchtbares Unwetter. Da wir mit dem Anziehen der Regenmontur zu zögerlich waren und eh alles nass war, hielt uns nichts mehr davon ab einfach durch den Regen und das Gewitter durchzuballern. Auf unserem Weg waren eh schon alle Schutzhütten, die es übrigens in Polen entlang der Radwege zu Hauf gibt, mit flüchtenden Radler*innen besetzt.
Nach einer guten Stunde verzog sich das Unwetter und wir suchten uns einen Platz auf den Dünen zum pausieren und baden.


Schließlich kamen wir nach Dźwirzyno. Zuletzt war ich hier vor etwa 15 Jahren und so viel hatte sich garnicht verändert. Am Hafen gönnten wir uns sehr leckeren geräucherten Fisch. Anschließend mogelte ich mich vorbei am Pförtner auf die Ferienanlage, auf der wir früher Jahr für Jahr im Urlaub waren. Es hatte sich absolut garnichts verändert, nur das alles tatsächlich viel, viel kleiner war, als in meiner Erinnerung. Das „riesengroße Basketballfeld“ hatte nicht einmal annähernd Normalgröße und unser altes Ferienhaus war eher eine kleine Hütte.
Am Gofrystand vor der Anlage gönnten wir uns noch leckere Waffeln und fuhren noch ein Stückchen weiter, bis wir ein abgelegenes Stückchen Strand fanden, an dem wir unser Zelt aufschlagen konnten.











