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von Jared Faißt
am 14.08.2021
Start
Norsholm
🇸🇪 Schweden
Ziel
Linköping
🇸🇪 Schweden
Strecke
43,36
km

Am Morgen erwachte ich mit gemischten Gefühlen. Heute wird unsere allerletzte Etappe geradelt werden. Während ich draußen schon mal Frühstück zubereitete ließ ich die vielen Erinnerungen noch einmal Revue passieren. Unglaublich, dass alles insgesamt so reibungslos funktioniert hat und wir so viel erleben durften. Meine Gedanken wurden dann auf einmal von einer Schar anschippernden Schiffe unterbrochen. Mittlerweile waren dann auch meine beiden Kollegen auf den Beinen und wir frühstückten während wir den Bootsführern gelegentlich zuwinkten.

Am Zelt hatten sich diese Nacht wieder dutzende Nacktschnecken versammelt, die ein letztes mal abgekopft werden mussten... Dinge, die wir nicht so schnell vermissen werden. Wir packten unsere Sachen zusammen und radelten an diesem Tag nur noch gute 40km nach Linköping. Der stürmische Südwestwind an diesem Tag verdoppelte jedoch die gefühlte Streckenlänge. Da wir um 14:00 einen Testtermin in Linköping gebucht hatten, mussten wir daher nochmal etwas auf die Tube drücken und erreichten dann in der Mittagszeit das schöne Linköping. Im Stadtkern angekommen posieren wir noch für ein finales Photo:

Nachdem wir die Coronatests in der Tasche hatten ging es zum Genießerteil über. Wir radelten ein Stück raus aus der Stadt zu einem Discgolfkurs und spielten noch eine letzte Runde. Dort machten wir auch direkt einen Schlafplatz aus hinter einem Sportplatz. Den Abend wollten wir jedoch in der Stadt ausklingen lassen und so saßen wir zuerst in einer Bar, die immerhin neben 8€ Bieren auch ein Kölsch für 3€ anbot. Während wir draußen Skat spielten hörten wir Live Musik im Pub 2 Häuser weiter. Selber überrascht davon wie lange wir keine Live-Musik mehr gehört geschweige denn gespielt hatten, machten wir auf der Sraße davor schließlich unsere eigene finale Party. Ideal, da im Pub selbst tanzen nicht gestattet war (Corona) und wir so unser wertvollstes Gut (die Fahrräder) im Blick hatten. Irgendwann wurde dann der Pub Besitzer auf uns aufmerksam und lud uns noch auf ein Bier ein, nachdem die Live-Session beendet war. Daher klar verdient noch die letzte Auszeichnung:

MVP des Tages: Pubbesitzer

Dank ihm kamen wir insgesamt dann doch sehr günstig durch eine absolut würdige Radreisebeendigungsparty.

Most Valuable Beer dank MVP
Most Valuable Beer dank MVP

Am nächsten Morgen begann dann der lange Heimweg für uns 3. Zuerst ging es mit dem Bus von Linköping nach Kopenhagen. Dort kamen wir bei einer Cousine von Vincent unter, die dort studiert. Wir schlenderten noch durch die wunderschöne und vor allem extrem fahrradfreundliche Hauptstadt und besichtigten, was es zu besichtigen gab.

Am nächsten Tag trennten sich dann unsere Wege. Moritz nahm den Bus nach Flensburg, von wo er noch 4 weitere Tage bis nach Hamburg radeln wird. Vincent und ich nahmen den Bus direkt nach Hamburg. Wir kamen abends nach langer Busfahrt schließlich an und mussten noch Zeit vertreiben, bis unser Zug um 3:30 nach Frankfurt fahren würde. Wir nahmen also nochmal unsere Räder und fuhren am Hafen vorbei, zur Elbphilharmonie und über die Reeperbahn. Insgesamt coronabedingt eine gespenstische Leere, aber gut, es war auch sehr spät.

Im Zug war dann der Akku endgültig leer und Vincent schlaf tief ein. Ich konnte nur teilweise schlafen, da ich ständig vom Gedanken des Station verpassens geweckt wurde. In den frühen Morgenstunden waren wir dann schließlich in Hanau und ich weckte Vincent auf (er hätte sicher weitergeschlafen). Schlaftrunken verabschiedeten dann auch wir 2 uns voneinander. Ein mulmiges Gefühl, schließlich hatten wir die letzten 100 Nächte und 6000 Radkilometer gemeinsam verbracht. Apropos Nächte: Hier noch eine Statistik, wie diese 100 Nächte verbracht wurden.

Für mich ging es noch eine Station weiter nach Frankfurt. Dort musste ich noch einmal 3 Stunden Zeit totschlagen, bis der Bus schließlich Richtung Freiburg rollte. Immerhin durfte mein Fahrrad auf dieser Fahrt sich auch hinlegen ;-) Gegen Nachmittag war dann auch meine Odyssee beendet und ich war so tief im Schlaf versunken, dass ich total verwirrt war, als Lisa mich weckte :-D

von Jared Faißt
am 12.08.2021
Start
Vagnhärad
🇸🇪 Schweden
Ziel
Fadadammen
🇸🇪 Schweden
Strecke
63,55
km

An diesem Morgen wurden wir an unserem Traumspot noch von weiteren Wildnis Liebhabern besucht, die zum Teil sich und auch ihren Hund im kristallklaren Wasser wieder säuberten. Wir frühstückten ausführlich und machten uns dann weiter auf den Weg Richtung Linköping. Die Etappe heute war, was das Wetter und die Ausblicke anging, fantastisch. Wir radelten durch kleine Ortschaften und entlang malerischer Bauernhöfe im typischen Schwedenstil. Am Nachmittag fanden wir neben einer Schule einen kleinen Boltzplatz mit schönem Bänkchen. Während sich das Kochwasser langsam der Siedetemperatur näherte flogen noch ein paar Discs querbeet über die Wiese. Als es bereits dämmerte machten wir auf der Karte einen kleinen See als Ziel für heute aus. Dieser war jedoch schwer zu erreichen und interessanterweise nur bei Komoot und nicht bei Google Maps eingetragen.

Mit vereinten Kräften schoben wir dann unsere Räder nacheinander den Berg hinauf und durch ein kleines Stück Wald. Dort erblickten wir dann den fantastischen See und ein noch fantastischeren Schlafspot: Direkt am Ufer auf einigermaßen flachem Untergrund. Wir ließen den Abend gemütlich bei knisterndem Lagerfeuer ausklingen und zu unserem Vergnügen machte Moritz unfreiwillig beim Abwaschen mal wieder einen Abstecher mit den Schuhen in den See :-D Das Zelt konnte heute Abend getrost weggelassen werden. Die Mücken schienen hier friedlich zu sein, es war kein Regen angesagt und es gibt Gott sei Dank keine Nacktschnecken hier oben! Der triftigste Grund war auf alle Fälle der Persidenschauer, der für heute Nacht angekündigt war. Die zwei Kameraprofis Moritz und Vincent verkünstelten sich mit Belichtungszeiten und Bluetooth-Auslösern während ich mich schonmal einkuschelte und dem Spektakel zusah. Es war wirklich unbeschreiblich beeindruckend! Voller Glücksgefühle schliefen wir in dieser Nacht ein.

Am nächsten Morgen mussten wir mal wieder wassersparend frühstücken und uns waschen, denn das Seewasser war deutlich zu dreckig. Der Filter hätte da schnell zugemacht. So radelten wir erstmal eine Weile , bis wir an einem Friedhof Wasser abfüllen konnten. Landschaftlich änderte sich nicht viel, jedoch nahm der Gegenwind an diesem Tag schon spürbar zu. Es ging weiter durch malerische Landschaften und wir stellten uns die Frage, ob in Schweden mehr die Farbe 'Schwedenrot' als weiß verkauft wird... in diesen Gedanken versunken erreichten wir schließlich auch das Ende der Straße, an der eine Fähre auf uns wartete.

Diese sind hier zum Glück kostenlos, was ganz gut tut bei den sonstigen Preisen hier... Kurze Zeit später verlief sich unser Radweg irgendwo im Wald (wohlbemerkt aber noch ausgeschildert) und schließlich waren wir an einer Weggabel, an der uns Komoot nach rechts schicken wollte. Dort erwartete uns jedoch eine Wegabsperrung mit drohendem Totenkopf und unmissverständlich: keine Durchfahrt! Wir radelten also doch links weiter, wo uns jedoch ebenfalls die Durchfahrt strikt verboten wurde. Etwas verwirrt schlichen wir uns dennoch weiter auf diesem Weg und vernahmen bei einem Schuppen auf dem Weg dumpfe Technotöhne und standen auf einmal mitten auf einem Hof voller Gerümpel und Maschinen. Schnell versteckten wir uns im Wald und schoben unsere schweren Räder quer durch den Wald auf der Suche nach einem Weg. Irgendwann kamen wir dann auch wieder auf solchen und erreichten wenig später diese wunderschöne alte Schleuse mit einem kleinen süßen Schleuser Häuschen.

Dort bereiteten wir unser Abendessen vor und warfen zum Zeitvetreib auch noch ein paar Risky Frisbee Shots quer über die Schleuseanlage... Gott sei Dank sind alle Frisbees aber noch bei uns. Wir radelten an diesem Kanal anschließend weiter und legten uns dann irgendwann am Rande neben einem Baum und einer Bank mit dem Zelt in die Wiese, was will man mehr!

von Jared Faißt
am 11.08.2021
Start
Stockholm
🇸🇪 Schweden
Ziel
Vagnhärad
🇸🇪 Schweden
Strecke
70,5
km

Der Traumschlafplatz im Discgolfpark bescherte uns eine sehr erholsame Nacht. Vincent's Knöchel erholte sich jedoch nur sehr langsam von seinem Malheur. Die gewünschte Blitzgenesung trat leider nicht ein und so berieten wir an diesem Morgen noch einmal ausführlich die Pläne für die nächsten Tage. Bisher war schließlich nur der Bus von Linköping nach Kopenhagen gebucht. Mit dem einen Tag extra, den wir uns in Finnland unvorhergesehen erradelt haben konnten wir auch noch einen Tag in Stockholm Pause machen. Wir beschlossen schließlich noch nicht aufzugeben und wollen versuchen Linköping irgendwie bis zum 15. August zu erreichen (zur Not auch mit Bus). Mit dieser Planungssicherheit konnten wir uns nun auch um den Rest der Rückfahrt kümmern. Dies war leider aufgrund schleppender Digitalisierung mit deutlich mehr Anstrengung verbunden als erhofft. Zum einen ließen sich Fahrradtickets für den Zug Kopenhagen - Hamburg nicht online buchen und zum anderen war der eigentlich für mich ideale Schnellzug Hamburg - Freiburg schon mit allen Fahrrädern (gerade mal 6 im geamten ICE) belegt. Ärgerlicherweise musste ich mich bei jeder Suchanfrage bis hin zum abschließenden 'Jetzt buchen' durchklicken, um dann enttäuscht zu werden 'Kein Fahrradstellplatz verfügbar'. Ich rief daher noch beim Kundenservice an, der erst nach 50 Minuten die trällernde Warteschleifemusik unterbrach. Der Mitarbeiter war sehr freundlich und auch sehr fix beim Durchschauen der Optionen, riet mir aber, nachdem ich eine Heimfahrt mit 8 mal Umsteigen ablehnte, dazu, die Laufräder aus dem Fahrrad herauszunehmen und dann das Fahrrad einfach als Gepäckstück zu nehmen. Auch das war mir etwas ungeheuer und so buchten wir einen Flixbus von Kopenhagen nach Hamburg, einen Zug mitten in der Nacht von Hamburg nach Frankfurt und wiederum ein Bus von Frankfurt nach Freiburg.... na das kann was werden.

Mittlerweile war der Tag schon etwas vorangeschritten und ein ordentlicher Schauer zog sich über uns zusammen. Glücklicherweise hielt unser Unterschlupf einigermaßen dicht. Anschließend begaben wir uns in die Stadt und checkten in einem Hostel ein, dass wir bereits am vorigen Tag auf der Fähre gebucht hatten als wir noch die Hoffnung auf einen gepäckfreien und mobilen Besichtigungs-Tag in Stockholm hatten. Aufgrund der schwedischen Preise wählten wir das mit Abstand Günstigste: ein Zimmer ohne Fenster... für 75 Euro. Die Bewertung 'es ist dank Lüftungsanlage sehr gut auszuhalten' war nur bedingt zutreffend, irgendwie wollte da nicht wirklich viel Luft aus dem Schacht kommen. Während Vincent sich noch auf die Ohren haute, gingen Moritz und ich noch auf kleine Erkundung und schlenderten an den Küstenpromenaden.

Bewaffnet waren wir mit Scheere, Kamm und Rasierhobel, denn Moritz wollte noch einen freshen Haarschnitt bevor er siene Schwester in Hamburg besuchen möchte. An einem felsigen Abschnitt kletterten wir kurzerhand etwas hoch und ich konnte mit fantastischem Ausblick Moritz' Mähne stutzen. Wie immer war mein Stammkunde höchstzufrieden :-) (oder tat zumindest so). Danach gingen wir noch in eine schöne Bar am Ufer und Vincent kam mit seinem neuen Lieblingsgefährt (E-Roller) dazu. Zur Erfrischung bestellten wir Bier vom Zapfhahn in der Hoffnung es ist nicht allzu teuer. Weit gefehlt! Mit über 7 Euro für 0.4l waren wir dann doch etwas geschockt. Aber beim Bier macht eben auch ein wenig der Preis den Geschmack und so genossen wir bei ein paar Runden Skat den Sonnenuntergang in Stockholm.

Wieder erreichbar
Wieder erreichbar

Die Nacht im Hostel war dann wie befürchtet eher weniger zum genießen. Wir ließen sogar die Tür einen Spalt zum Flur hin auf, um immerhin etwas frischere Luft zu erhaschen. Während wir also vom vorigen Unterstand im Park nur träumten riss uns der Wecker am nächsten Morgen anstelle der Sonne aus dem Schlaf. Immerhin war das Frühstücksbuffet reichlich gedeckt und so gingen wir gestärkt wieder auf den Rädern raus aus Stockholm. Auf dem Weg legten wir noch einen Stop ein beim Laden: billigiphone.se Ja, das stand genau so auf der Tür, und tatsächlich gibt es das Wort 'billig' in schwedisch. Dort legte sich Moritz ein Ersatzgerät zu. Sein Oldtimer iPhone 6 hatte vor ein paar Tagen leider den Geist aufgegeben. Nun geht es für ihn mit einem iPhone 8 in charakterunterstreichendem rose-gold (bzw. eben dem billigsten verfügbaren Modell) weiter.

Gegen Nachmittag schüttete es innerhalb weniger Minuten aus Kübeln und wir retteten uns unter einen überdachten Eingangsbereich eines Einkaufszentrums. 5 Minuten später kamen dann auch völlig durchnässt zwei Biker dazu, die in voller Montur (lange Haare zum Zopf, Sonnenbrille, Slipknot T-shirt, Lederhose) aussahen als hätten sie tatsächlich gerade ein Rock-Festival besucht (oder gespielt), aber als sie dann in Unterhose ihre Wäsche zum trocknen auslegten waren wir direkt auf einer Wellenlänge. Während das Gewitter über uns nur so tobte und der Donner dem Blitz in unter 2 Sekunden folgte kochten wir ein paar Tassen Kaffee und Porridge. Die zwei Biker nahmen das Angebot des Kaffees dankend an und so verbrachten wir noch eine Weile gemeinsam beim Abwarten. Als sich das Gewitter schließlich verzog machten auch wir uns wieder auf den Weg

Nachdem wir die städtischen Auswüchse hinter uns ließen eröffnete sich uns das herrliche Panorama der schwedischen Landschaft. Rote Häuser, Fjorde die man nur mit Fähre queren konnte und herrliche Seen waren Vorbote was uns in Schweden noch erwarten würde. Einziges Problem dieser wenig belebten Natur war dass wir keinen Supermarkt weit und breit mehr fanden und schließlich auf einen '24 Food' stießen. Dieser Laden ist unbemannt und man kommt rein wenn man sich über eine App registriert. Darin kann man dann selbstständig einkaufen und bezahlt mit Karte, sehr praktisch in solchen dünn besiedelten Regionen. Mit Abendessen und Frühstück ausgestattet erreichten wir schließlich einen vielversprechenden See, der sich als absoluter Volltreffer entpuppte. Es gab eine Bank, ein Stück ebene Wiese fürs Zelt, einen herrlichen See, sowie eine kristallklare Wasserquelle direkt daneben. Wir konnten sogar noch ein Feuer starten und ließen den Abend bei Gitarrenmusik und Sternehimmel ausklingen. Währendher badete ein Teil unserer Wäsche sowie das nicht mehr sauberzubekommende Trockentuch im frischen Quellwasser, ganz nach dem Motto: Gut eingeweicht ist halb gespült (bzw. gewaschen) ;-)

von Vincent Kliem
am 09.08.2021
Start
Turku
🇫🇮 Finnland
Ziel
Stockholm
🇸🇪 Schweden
Strecke
12,03
km

Heute morgen klingelte unser Wecker sehr sehr früh, da unsere Fähre nach Stockholm bereits um 6:30 abfahren sollte! Sogar die Gänse waren noch im Ruhemodus und hielten sich mit dem Schnattern zurück. Da wir recht weit im Norden waren, mussten wir trotzdem unser Zelt nicht in totaler Dunkelheit abbauen. Während Vincent und Jared sich darum kümmerten, kochte ich noch schnell eine Kanne Kaffee für die Fährfahrt. Nachdem wir fix unsere Sachen zusammengepackt hatten, ging es runter von der Insel und zum Fährhafen. Diesmal waren wir unter den ersten Fahrradfahrern und durften direkt am Schiff unter einem kleinen Pavillon darauf warten, dass die Autos aus Stockholm die Fähre verließen. Als das Schiff gelehrt war, konnte wir als erste rein. Mit den Rädern durften wir direkt ins zweite Fahrzeug-Deck fahren, welches wir über eine große Rampe erreichten. Von dort aus gelangten wir über eines der vielen Treppenhäuser in einen gigantischen Gang mit kleinen Kabinen, wovon eine unsere war. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass wir die elf Stunden Fahrt inklusive Kabine mit eigenem Badezimmer für gerade einmal 17 Euro pro Nase gebucht hatten. Bei dem Preis freuten wir uns besonders über die warme Dusche, die sich sofort einer nach dem anderen gönnte. An der Badezimmertüre hing ein etwas verwirrendes Schild, welches darauf hinwies, die Tür während einer Dusche stets geschlossen zu halten, da andernfalls der Rauchmelder aktiviert werden könnte. Wir hielten uns so einigermaßen daran… Fünf Minuten später stand ein junger Mitarbeiter der Schiffstechnik vor der Türe, mehr oder weniger bereit ein potentielles Feuer zu löschen! Glücklicherweise konnten wir ihn davon überzeugen, dass nichts brannte, bevor er seinen mitgebrachten Feuerlöscher zum Einsatz brachte.

Nachdem wir noch im gesamten Zimmer unsere Wäsche zum endgültigen Trocknen aufgehängt hatten, begaben wir uns auf das Dach des Schiffes, wo wir die Ausfahrt aus dem Hafen miterleben und unseren Übernachtungsplatz aus anderer Perspektive bewundern konnten. Am Strand waren schon wieder einige Leute, um die großen Schiffe zu bewundern. Ins Wasser hatte sich aber noch niemand getraut.
Da sich die finnische Westküste durch dutzende Kilometer breit gesprenkelte Inseln auszeichnet, gab es immer etwas zu sehen und die Fähre musste ständig recht enge Passagen und Kurven durchfahren. Nach etwa einer halben Stunde gingen wir in eines der oberen Decks, wo sich ein großer Aufenthaltsraum mit Cafeteria befand. Dort konnten wir guten Gewissens unser Frühstück – in der Kabine angerührten Porridge – essen und den vorgekochten Kaffee trinken. Einige Runden Skat später verzog Jared sich für ein Schläfchen in die Kabine, Vincent begann am Blog zu werkeln und ich nutzte die Zeit für eine große Besichtigungstour des Schiffes. Hier gab es einen großen Duty-Free-Shop, eine Menge Restaurants, eine Bar mit Live-Musik, haufenweise Spielautomaten, eine Rooftop-Bar, einen (leider geschlossenen) Spa- und Sauna-Bereich und sogar einen „Youth-Room“ mit PlayStation. Letzten Endes verbrachten wir im Prinzip den ganzen Tag in der Cafeteria, da man überall sonst etwas kaufen musste und die Preise nicht nur finnisch, sondern zusätzlich noch auf Fährenniveau waren. Mit etwas Abwechslung durch ein paar Spaziergänge über die Sonnendecks, einige Runden Fifa und Skat, sowie etwas Arbeit am Blog, ging der Tag auf der Fähre dann auch recht schnell vorbei. Zu unserer Freude stellte sich der Kaffee in der Cafeteria auch als halbwegs bezahlbar heraus, weshalb wir unser Schlafdefizit mit Koffein kompensieren konnten. Bevor wir die Fähre verließen, kaufte ich noch schnell drei Flaschen Craft-Beer im Duty-Free Shop. Uns waren die Alkohol-Preise in Schweden durchaus bekannt!

Gegen Abend erreichten wir die schwedische Küste. Auch der Weg nach Stockholm zog sich stundenlang an Inseln vorbei und durch lange Fjorde. In der Stadt kamen wir recht zentral an und waren innerhalb weniger Minuten beim königlichen Palast und fuhren entlang der Prachtbauten. Stockholm ist wirklich schön! Da die Stadt gefühlt nur aus Küstenlinien besteht, ist man ständig am Wasser und überall riecht es nach Zimtschnecken. Nach einem kurzen Stop im Supermarkt, wo wir uns ein schnelles Vesper kauften, radelten wir etwas raus aus der Stadt zu einem schönen Discgolf-Kurs. Dort wollten wir noch eine Runde spielen und dann ein paar Kilometer entfernt in einen Park zum zelten radeln – doch es sollte anders kommen! In der Dämmerung machte es viel Spaß auf dem schönen Kurs und es war auch einiges los. Als wir bereits zum zweiten mal am Abwurf des fünften Loches standen passierte es: Jared und ich hatten schon geworfen und warteten auf Vincent, der plötzlich ein ungutes Geräusch von sich gab. Auf meinen Ruf, ob alles in Ordnung sei, kam nur ein leises „Nein“ zurück. Vincent hatte den Halt verloren und war dabei von der Plattform gerutscht. Bei der Aktion wurde sein Bein ordentlich verdreht, so dass er sich den Knöchel verletzte. Da er meinte ein Knacken gehört zu haben, waren wir uns recht sicher, dass wohl irgendwas gerissen oder gebrochen war. Dementsprechend bekam der Knöchel auch recht schnell eine ungute Farbe und wurde recht dick. Mit vereinten Kräften wurde der humpelnde Vincent aus dem Wald befördert und an der Straße abgesetzt. Jared hatte schließlich die schlaue Idee, ihn mit dem Fahrrad weiter zu transportieren. Also holte ich Vincents Rad und setzte ihn drauf – Jared kam natürlich seiner Dokumentationspflicht nach.

Auf dem Rad sitzend konnte es sich ganz gut fortbewegen, da der Knöchel kaum belastet wurde. Schließlich hatten wir Glück, da nur einig hundert Meter weiter eine kleine Hütte war, die sich perfekt als Übernachtungsquartier eignete und wir dementsprechend nicht weit mussten. Dort wurde der Knöchel mit dem patentierten Wassersack-Verband gekühlt und erst einmal Essen gemacht. Während die Nudeln kochten, telefonierten wir noch kurz mit meiner Mama, um uns eine schnelle ärztliche Ferndiagnose einzuholen. Auf ihre Weisung hin, verbanden wir den Knöchel und stabilisierten ihn zusätzlich mit einem dicken Socken. Vincent bekam eine Ibuprofen gegen Schmerzen und Schwellung und wir warteten bis zum nächsten Morgen ab. Dann wollten wir entscheiden, ob es realistisch war, weiterzufahren oder wir uns etwas anderes einfallen lassen mussten.
Die Hütte war wirklich ein großes Glück, da wir hier gut versorgt waren und auch bei Regen kein Problem bekommen würden. Als wir es uns in unserer Behausung gemütlich machten, dachten wir darüber nach, wie es wohl weitergehen würde. Mussten wir kurz vor Schluss die Tour abbrechen und den Zug nach Hause nehmen? Sollten wir morgen früh direkt in die Notaufnahme gehen? Würden Jared und ich morgen Zeit haben, noch eine Runde Discgolf zu spielen?
Mit diesen schweren Gedanken im Kopf und einem beeindruckend hell erleuchteten Turm vor der Haustür schliefen wir schließlich ein.

von Moritz Spannenkrebs
am 07.08.2021
Start
Kisko
🇫🇮 Finnland
Ziel
Hajala
🇫🇮 Finnland
Strecke
42,83
km

Nachdem wir das Großfamilienhaus der Larsens hinter uns gelassen hatten, folgten wir den EuroVelo-Schildern in Richtung Westen. Wir hatten bereits am Vortag gelernt, dass Finnland zwar keine großen Berge hat, aber dafür nur aus kleinen Hügeln besteht. In diesem Sinne ging es heute ständig auf und ab, mal auf besserem und mal auf schlechterem Untergrund. Da unser Weg abseits von den größeren Straßen verlief, bekamen wir aber viele abgelegene Grundstücke in verträumten Ecken zu sehen. Finnland ist sehr felsig und dementsprechend war auch unsere Straßenführung eher wild und schlängelte sich sehr schön dahin. Die Schilder, welche ständig vor Elchen warnten, schürten in uns auch einige Hoffnung einen solchen zu erblicken. Tatsächlich sahen wir jede Menge Rehe, aber leider konnten wir nirgends eines der großen Geweihe erblicken. Nach etwa 10 Kilometern Fahrt machten wir unsere erste Pause. In einem Supermarkt lernten wir finnische Preise kennen, was eine eher niederschmetternde Erfahrung war. Nachdem wir uns ein wenig gestärkt hatten, rollten wir ein paar Kilometer weiter zu einem schönen Discgolf-Kurs im Wald, wo wir deutlich mehr Zeit verbrachten, als eigentlich beabsichtigt.

Dementsprechend war es bereits nach Mittag, als wir unsere Drahtesel wieder in Bewegung brachten und weiter entlang schöner finnischer Straßen fuhren. Spätestens bei einem weiteren Einkauf stellten wir fest, wie offen und interessiert die Finnen waren. Ständig wurden wir nett angesprochen und unterhielten uns mit einigen Einheimischen. Ebenfalls auffällig war, wie gut das Grundniveau der englischen Sprache war. Jeder und jede konnte solides Englisch, zumindest gut genug für ein kurzes Gespräch. Gegen Abend steuerten wir einen See an, an dessen Ufer wir uns einen schönen Platz zum Schlafen erhofften. Dank des „Jedermannsrechts“ mussten wir uns auch nicht groß verstecken, sondern nahmen einfach einen Zugang zum See, den wohl sonst Angler nutzten. Der Weg führte eng zwischen Baumreihen entlang und endete direkt am Wasser. Zu unserem Glück waren am Ufer auch einige Felsen, welche sich hervorragend zum Sitzen und Kochen eigneten. Gesagt, getan: Vincent begann direkt damit, eine Linsenbolognese zu kochen, Jared baute solange das Zelt auf und ich watete in den See, um mit unserem Filter Wasser abzupumpen. Wie ich bereits gelernt hatte, nehmen der Pumpwiderstand und die Durchflussmenge des Filters exorbitant zu und ab, sobald sich die Oberfläche der Filterkartusche zu verstopfen beginnt. Dementsprechend kann man bei sehr klarem Wasser problemlos ein paar Liter filtern, ohne zwischendurch die Kartusche zu säubern. Das Wasser unseres Sees war leider nicht klar, sondern so trüb, dass man kaum 15 cm tief sehen konnte. Letzten Endes konnte ich immer nur etwa 700 ml abpumpen, bevor ich den Filter wieder auseinandernehmen, putzen und wieder zusammensetzen musste. Dabei geht auch jedesmal wieder ein wenig des sauberen, bereits gefilterten Wassers drauf. Folglich brauchte ich eine halbe Ewigkeit, um etwa drei Liter Wasser zu gewinnen. Der Lohn für diesen Aufwand war dafür perfekt klares, geschmackloses Trinkwasser und eine große Portion Spaghetti mit (Linsen)Bolognese. Und natürlich hatten wir fünf Euro für finnisches Wasser gespart!
Während die Sonne unterging, war unser Platz am See wirklich wunderschön und Vincent und ich konnten uns nicht zurückhalten, noch das eine oder andere Foto mit der Kamera zu schießen. Nachdem wir alles gespült und aufgeräumt hatten, gingen wir dann ins Zelt - gerade noch rechtzeitig, bevor zwei junge Angler unsere Kochstelle beanspruchten, um ihre Haken auszuwerfen. Die beiden waren immerhin ehrlich und hatten gar nicht erst einen Eimer oder ähnliches zur Aufbewahrung der fiktiven Beute dabei!

Am nächsten Morgen frühstückten wir noch bei bewölktem Wetter am See und mussten dann schnell alle Schotten schließen. Für den ganzen Tag war Regen angesagt und das Wetter wollte uns schon früh morgens nicht enttäuschen. Also kämpften wir uns durch den Regen. Unser erstes Ziel des Tages sollte Salo sein, wo wir wieder ein paar Scheiben durch die Luft werfen und vor allem einkaufen wollten. Da uns auch der Wind nicht gerade gewogen war, brauchten wir für die gerade mal 30 Kilometer ordentlich viel Zeit und Kraft. Nachdem wir schließlich den örtlichen Discgolf-Kurs durchgespielt hatten, gingen wir in ein großes Einkaufszentrum, welches einen Waschsalon beherbergte. Während unsere Sachen gewaschen wurden, verkrochen wir uns vor der Nässe und Kälte im Hessburger. Dort konnten wir uns beim Genuss des einen oder anderen Vekeburger wieder aufwärmen und unsere nächsten Tage ein wenig planen. Tatsächlich hielt der Regen fröhlich an und so blieben wir ziemlich lange in unserem Versteck. Als die Wäsche trocken war und wir weder vor uns noch vor den Hessburger-Mitarbeiter*innen einen längeren Aufenthalt rechtfertigen konnten, ging es wieder raus in die Nässe. Mit voller Regenmontur wurden wir zumindest von außen nicht nass, kamen aber angesichts der finnischen Hügel und des Windes ordentlich ins schwitzen.

So radelten wir noch eine gute Stunde weiter, immer auf der Suche nach einem trockenen Unterschlupf für die Nacht. Einen solchen fanden wir dann in Form eines Schulgebäudes mit großem Vordach. Da morgen Sonntag war, waren wir recht zuversichtlich, dass die kleinen Grundschüler frei haben müssten und so schlugen wir unser Lager auf. Im Schutz des Daches konnten wir gemütlich Kochen und den restlichen Abend verbringen. Unser eigentlicher Plan, direkt unter dem Dach zu schlafen, wurde leider von der Zeitschaltuhr der Gebäudescheinwerfer zunichte gemacht. Also suchten wir uns ein ebenes Eck am Rande des Schulgeländes und spannten dort unser marodes Zelt so gut es ging ab. Unsere Wollsachen, welche nicht in den Trockner gedurft hatten, hängten wir vor dem Eingang zum trocknen auf und verkrochen uns ins Zelt. Etwas erledigt schliefen wir ein und träumten vom Ende des Regens.

Nach einer erholsamen Nacht waren wir wieder motiviert, die letzten Kilometer bis Turku zurückzulegen. Kurz nach der Abfahrt wurden wir direkt aufgehalten, da Vincents Kette riss. Zum Glück hatten wir genug Werkzeug und Spülmittel dabei, um das ganze zu reparieren und auch Vincents Hände wieder einigermaßen zu säubern. Nachdem wir wieder losfuhren, machte die Kette zwar sehr auffällige Geräusche, aber wir wollten weiterfahren und schoben das ganze auf die nun erhöhte Kettenspannung. Beim ersten Stop in einer kleinen Stadt, wo wir einkauften und den weiteren Tag planten, schauten wir uns das ganze dann nochmal an. In der Eile hatten wir tatsächlich die Kette falsch gelegt, so dass sie die ganze Zeit über ein Stück Metall geschliffen war. Upps! Also wurden Kettennieter und Spülmittel erneut ausgepackt und diesmal klappte alles.
Da wir es nicht mehr weit hatten und unsere Fähre erst am nächsten Tag gehen würde, waren wir relativ gemütlich unterwegs und nahmen auch wieder einen Discgolf-Kurs mit. Dort kam auch keine Einsamkeit auf: Mindestens 20 Autos und 30 Fahrräder hatten schon am ersten Abwurf geparkt und so waren sehr viele Leute unterwegs.
Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in Turku, wo wir uns zum Kaffee einige Runden Skat genehmigten. Außerdem nahmen wir unser Vesper mit Blick auf ein Baseball-Spiel zu uns. Wir brauchten ein wenig, um die speziellen Laufwege dieser Baseball-Variante zu verstehen. Trotzdem war es beeindruckend, auf welchem Niveau die augenscheinlichen Amateure hier spielten und war waren bestens unterhalten. Leider verlor das heimische Team und so gingen nach Ende des Spiels alle schnell und gefrustet nach Hause.
Als es langsam zu dämmern begann, radelten wir auf die kleine Insel Ruissalo vor der Küste von Turku in direkter Nähe zum Hafen. Auf dem Weg dahin, kamen wir an der Burg von Turku vorbei, wo gerade ein Festival stattfand. Da auch wir seit Ewigkeiten keine Live-Musik mehr zu hören bekommen hatten, wurden wir ordentlich neidisch und wären am liebsten sofort auf das Gelände gefahren.

Ein paar Kilometer weiter, auf der Insel, dachten wir noch kurz darüber nach, in einer kleinen Hütte zu übernachten, die eigentlich für Schafe gedacht war. Da Jared und Vincent aber bereits einen anderen hervorragenden Übernachtungsplatz ausgemacht hatten, rollten wir weiter. Unser Tagesziel erreichten wir am Rand der Insel, wo sich ein sehr schöner öffentlicher Strand befand. Die etwas wackelige Bank nutzten wir zum kochen, während wir ständig den Hafen im Hintergrund beobachteten. Zwei der großen Fähren waren gerade dabei abzulegen und wir wussten, dass sie eng an uns vorbei mussten. Als die erste Fähre dann kam und Vincent und ich ins Wasser rannten, waren wir doch überrascht, wie nah wir an das große Schiff herankamen. Außerdem war der Sog bereits super stark und das Wasser wurde gute 20 Meter vom Strand zurückgezogen, während die Fähre passierte. Wenn man dabei den Kopf unter Wasser steckte, konnte man hören, wie der Sand mit dem Wasser mitgerissen wurde und dabei ein lautes Schleifgeräusch verursachte. Als das Schiff dann vorbeigezogen war, kam das gesamte Wasser wieder zurück und füllte das Strandbecken erneut.

Nachdem wir auch noch das zweite Schiff bewundert hatten, bauten wir unser Zelt direkt am Strand unter einem kleinen Baum auf. Es hatte begonnen zu regnen und hier war der Boden noch trocken und es blieb kein Sand am Zeltboden kleben. Während es dunkel wurde und wir uns in unser Zelt verkrochen, fanden sich mehrere hundert Gänse ein. Diese wollte ewig nicht den Schnabel halten und behinderten ein wenig unsere Nachtruhe. Immer wieder musste irgendeine Gans losschnattern, worauf die Ruhe welche sich über mehrere Minuten aufgebaut hatten zu Nichte war und alle anderen Gänse wieder einstimmten. Irgendwann wurden sie dann wohl auch müde und wir konnten schließlich einschlafen.