blog
von Jared Faißt
am 11.08.2021
Start
Stockholm
🇸🇪 Schweden
Ziel
Vagnhärad
🇸🇪 Schweden
Strecke
70,5
km

Der Traumschlafplatz im Discgolfpark bescherte uns eine sehr erholsame Nacht. Vincent's Knöchel erholte sich jedoch nur sehr langsam von seinem Malheur. Die gewünschte Blitzgenesung trat leider nicht ein und so berieten wir an diesem Morgen noch einmal ausführlich die Pläne für die nächsten Tage. Bisher war schließlich nur der Bus von Linköping nach Kopenhagen gebucht. Mit dem einen Tag extra, den wir uns in Finnland unvorhergesehen erradelt haben konnten wir auch noch einen Tag in Stockholm Pause machen. Wir beschlossen schließlich noch nicht aufzugeben und wollen versuchen Linköping irgendwie bis zum 15. August zu erreichen (zur Not auch mit Bus). Mit dieser Planungssicherheit konnten wir uns nun auch um den Rest der Rückfahrt kümmern. Dies war leider aufgrund schleppender Digitalisierung mit deutlich mehr Anstrengung verbunden als erhofft. Zum einen ließen sich Fahrradtickets für den Zug Kopenhagen - Hamburg nicht online buchen und zum anderen war der eigentlich für mich ideale Schnellzug Hamburg - Freiburg schon mit allen Fahrrädern (gerade mal 6 im geamten ICE) belegt. Ärgerlicherweise musste ich mich bei jeder Suchanfrage bis hin zum abschließenden 'Jetzt buchen' durchklicken, um dann enttäuscht zu werden 'Kein Fahrradstellplatz verfügbar'. Ich rief daher noch beim Kundenservice an, der erst nach 50 Minuten die trällernde Warteschleifemusik unterbrach. Der Mitarbeiter war sehr freundlich und auch sehr fix beim Durchschauen der Optionen, riet mir aber, nachdem ich eine Heimfahrt mit 8 mal Umsteigen ablehnte, dazu, die Laufräder aus dem Fahrrad herauszunehmen und dann das Fahrrad einfach als Gepäckstück zu nehmen. Auch das war mir etwas ungeheuer und so buchten wir einen Flixbus von Kopenhagen nach Hamburg, einen Zug mitten in der Nacht von Hamburg nach Frankfurt und wiederum ein Bus von Frankfurt nach Freiburg.... na das kann was werden.

Mittlerweile war der Tag schon etwas vorangeschritten und ein ordentlicher Schauer zog sich über uns zusammen. Glücklicherweise hielt unser Unterschlupf einigermaßen dicht. Anschließend begaben wir uns in die Stadt und checkten in einem Hostel ein, dass wir bereits am vorigen Tag auf der Fähre gebucht hatten als wir noch die Hoffnung auf einen gepäckfreien und mobilen Besichtigungs-Tag in Stockholm hatten. Aufgrund der schwedischen Preise wählten wir das mit Abstand Günstigste: ein Zimmer ohne Fenster... für 75 Euro. Die Bewertung 'es ist dank Lüftungsanlage sehr gut auszuhalten' war nur bedingt zutreffend, irgendwie wollte da nicht wirklich viel Luft aus dem Schacht kommen. Während Vincent sich noch auf die Ohren haute, gingen Moritz und ich noch auf kleine Erkundung und schlenderten an den Küstenpromenaden.

Bewaffnet waren wir mit Scheere, Kamm und Rasierhobel, denn Moritz wollte noch einen freshen Haarschnitt bevor er siene Schwester in Hamburg besuchen möchte. An einem felsigen Abschnitt kletterten wir kurzerhand etwas hoch und ich konnte mit fantastischem Ausblick Moritz' Mähne stutzen. Wie immer war mein Stammkunde höchstzufrieden :-) (oder tat zumindest so). Danach gingen wir noch in eine schöne Bar am Ufer und Vincent kam mit seinem neuen Lieblingsgefährt (E-Roller) dazu. Zur Erfrischung bestellten wir Bier vom Zapfhahn in der Hoffnung es ist nicht allzu teuer. Weit gefehlt! Mit über 7 Euro für 0.4l waren wir dann doch etwas geschockt. Aber beim Bier macht eben auch ein wenig der Preis den Geschmack und so genossen wir bei ein paar Runden Skat den Sonnenuntergang in Stockholm.

Wieder erreichbar

Die Nacht im Hostel war dann wie befürchtet eher weniger zum genießen. Wir ließen sogar die Tür einen Spalt zum Flur hin auf, um immerhin etwas frischere Luft zu erhaschen. Während wir also vom vorigen Unterstand im Park nur träumten riss uns der Wecker am nächsten Morgen anstelle der Sonne aus dem Schlaf. Immerhin war das Frühstücksbuffet reichlich gedeckt und so gingen wir gestärkt wieder auf den Rädern raus aus Stockholm. Auf dem Weg legten wir noch einen Stop ein beim Laden: billigiphone.se Ja, das stand genau so auf der Tür, und tatsächlich gibt es das Wort 'billig' in schwedisch. Dort legte sich Moritz ein Ersatzgerät zu. Sein Oldtimer iPhone 6 hatte vor ein paar Tagen leider den Geist aufgegeben. Nun geht es für ihn mit einem iPhone 8 in charakterunterstreichendem rose-gold (bzw. eben dem billigsten verfügbaren Modell) weiter.

Gegen Nachmittag schüttete es innerhalb weniger Minuten aus Kübeln und wir retteten uns unter einen überdachten Eingangsbereich eines Einkaufszentrums. 5 Minuten später kamen dann auch völlig durchnässt zwei Biker dazu, die in voller Montur (lange Haare zum Zopf, Sonnenbrille, Slipknot T-shirt, Lederhose) aussahen als hätten sie tatsächlich gerade ein Rock-Festival besucht (oder gespielt), aber als sie dann in Unterhose ihre Wäsche zum trocknen auslegten waren wir direkt auf einer Wellenlänge. Während das Gewitter über uns nur so tobte und der Donner dem Blitz in unter 2 Sekunden folgte kochten wir ein paar Tassen Kaffee und Porridge. Die zwei Biker nahmen das Angebot des Kaffees dankend an und so verbrachten wir noch eine Weile gemeinsam beim Abwarten. Als sich das Gewitter schließlich verzog machten auch wir uns wieder auf den Weg

Nachdem wir die städtischen Auswüchse hinter uns ließen eröffnete sich uns das herrliche Panorama der schwedischen Landschaft. Rote Häuser, Fjorde die man nur mit Fähre queren konnte und herrliche Seen waren Vorbote was uns in Schweden noch erwarten würde. Einziges Problem dieser wenig belebten Natur war dass wir keinen Supermarkt weit und breit mehr fanden und schließlich auf einen '24 Food' stießen. Dieser Laden ist unbemannt und man kommt rein wenn man sich über eine App registriert. Darin kann man dann selbstständig einkaufen und bezahlt mit Karte, sehr praktisch in solchen dünn besiedelten Regionen. Mit Abendessen und Frühstück ausgestattet erreichten wir schließlich einen vielversprechenden See, der sich als absoluter Volltreffer entpuppte. Es gab eine Bank, ein Stück ebene Wiese fürs Zelt, einen herrlichen See, sowie eine kristallklare Wasserquelle direkt daneben. Wir konnten sogar noch ein Feuer starten und ließen den Abend bei Gitarrenmusik und Sternehimmel ausklingen. Währendher badete ein Teil unserer Wäsche sowie das nicht mehr sauberzubekommende Trockentuch im frischen Quellwasser, ganz nach dem Motto: Gut eingeweicht ist halb gespült (bzw. gewaschen) ;-)

von Vincent Kliem
am 09.08.2021
Start
Turku
🇫🇮 Finnland
Ziel
Stockholm
🇸🇪 Schweden
Strecke
12,03
km

Heute morgen klingelte unser Wecker sehr sehr früh, da unsere Fähre nach Stockholm bereits um 6:30 abfahren sollte! Sogar die Gänse waren noch im Ruhemodus und hielten sich mit dem Schnattern zurück. Da wir recht weit im Norden waren, mussten wir trotzdem unser Zelt nicht in totaler Dunkelheit abbauen. Während Vincent und Jared sich darum kümmerten, kochte ich noch schnell eine Kanne Kaffee für die Fährfahrt. Nachdem wir fix unsere Sachen zusammengepackt hatten, ging es runter von der Insel und zum Fährhafen. Diesmal waren wir unter den ersten Fahrradfahrern und durften direkt am Schiff unter einem kleinen Pavillon darauf warten, dass die Autos aus Stockholm die Fähre verließen. Als das Schiff gelehrt war, konnte wir als erste rein. Mit den Rädern durften wir direkt ins zweite Fahrzeug-Deck fahren, welches wir über eine große Rampe erreichten. Von dort aus gelangten wir über eines der vielen Treppenhäuser in einen gigantischen Gang mit kleinen Kabinen, wovon eine unsere war. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass wir die elf Stunden Fahrt inklusive Kabine mit eigenem Badezimmer für gerade einmal 17 Euro pro Nase gebucht hatten. Bei dem Preis freuten wir uns besonders über die warme Dusche, die sich sofort einer nach dem anderen gönnte. An der Badezimmertüre hing ein etwas verwirrendes Schild, welches darauf hinwies, die Tür während einer Dusche stets geschlossen zu halten, da andernfalls der Rauchmelder aktiviert werden könnte. Wir hielten uns so einigermaßen daran… Fünf Minuten später stand ein junger Mitarbeiter der Schiffstechnik vor der Türe, mehr oder weniger bereit ein potentielles Feuer zu löschen! Glücklicherweise konnten wir ihn davon überzeugen, dass nichts brannte, bevor er seinen mitgebrachten Feuerlöscher zum Einsatz brachte.

Nachdem wir noch im gesamten Zimmer unsere Wäsche zum endgültigen Trocknen aufgehängt hatten, begaben wir uns auf das Dach des Schiffes, wo wir die Ausfahrt aus dem Hafen miterleben und unseren Übernachtungsplatz aus anderer Perspektive bewundern konnten. Am Strand waren schon wieder einige Leute, um die großen Schiffe zu bewundern. Ins Wasser hatte sich aber noch niemand getraut.
Da sich die finnische Westküste durch dutzende Kilometer breit gesprenkelte Inseln auszeichnet, gab es immer etwas zu sehen und die Fähre musste ständig recht enge Passagen und Kurven durchfahren. Nach etwa einer halben Stunde gingen wir in eines der oberen Decks, wo sich ein großer Aufenthaltsraum mit Cafeteria befand. Dort konnten wir guten Gewissens unser Frühstück – in der Kabine angerührten Porridge – essen und den vorgekochten Kaffee trinken. Einige Runden Skat später verzog Jared sich für ein Schläfchen in die Kabine, Vincent begann am Blog zu werkeln und ich nutzte die Zeit für eine große Besichtigungstour des Schiffes. Hier gab es einen großen Duty-Free-Shop, eine Menge Restaurants, eine Bar mit Live-Musik, haufenweise Spielautomaten, eine Rooftop-Bar, einen (leider geschlossenen) Spa- und Sauna-Bereich und sogar einen „Youth-Room“ mit PlayStation. Letzten Endes verbrachten wir im Prinzip den ganzen Tag in der Cafeteria, da man überall sonst etwas kaufen musste und die Preise nicht nur finnisch, sondern zusätzlich noch auf Fährenniveau waren. Mit etwas Abwechslung durch ein paar Spaziergänge über die Sonnendecks, einige Runden Fifa und Skat, sowie etwas Arbeit am Blog, ging der Tag auf der Fähre dann auch recht schnell vorbei. Zu unserer Freude stellte sich der Kaffee in der Cafeteria auch als halbwegs bezahlbar heraus, weshalb wir unser Schlafdefizit mit Koffein kompensieren konnten. Bevor wir die Fähre verließen, kaufte ich noch schnell drei Flaschen Craft-Beer im Duty-Free Shop. Uns waren die Alkohol-Preise in Schweden durchaus bekannt!

Gegen Abend erreichten wir die schwedische Küste. Auch der Weg nach Stockholm zog sich stundenlang an Inseln vorbei und durch lange Fjorde. In der Stadt kamen wir recht zentral an und waren innerhalb weniger Minuten beim königlichen Palast und fuhren entlang der Prachtbauten. Stockholm ist wirklich schön! Da die Stadt gefühlt nur aus Küstenlinien besteht, ist man ständig am Wasser und überall riecht es nach Zimtschnecken. Nach einem kurzen Stop im Supermarkt, wo wir uns ein schnelles Vesper kauften, radelten wir etwas raus aus der Stadt zu einem schönen Discgolf-Kurs. Dort wollten wir noch eine Runde spielen und dann ein paar Kilometer entfernt in einen Park zum zelten radeln – doch es sollte anders kommen! In der Dämmerung machte es viel Spaß auf dem schönen Kurs und es war auch einiges los. Als wir bereits zum zweiten mal am Abwurf des fünften Loches standen passierte es: Jared und ich hatten schon geworfen und warteten auf Vincent, der plötzlich ein ungutes Geräusch von sich gab. Auf meinen Ruf, ob alles in Ordnung sei, kam nur ein leises „Nein“ zurück. Vincent hatte den Halt verloren und war dabei von der Plattform gerutscht. Bei der Aktion wurde sein Bein ordentlich verdreht, so dass er sich den Knöchel verletzte. Da er meinte ein Knacken gehört zu haben, waren wir uns recht sicher, dass wohl irgendwas gerissen oder gebrochen war. Dementsprechend bekam der Knöchel auch recht schnell eine ungute Farbe und wurde recht dick. Mit vereinten Kräften wurde der humpelnde Vincent aus dem Wald befördert und an der Straße abgesetzt. Jared hatte schließlich die schlaue Idee, ihn mit dem Fahrrad weiter zu transportieren. Also holte ich Vincents Rad und setzte ihn drauf – Jared kam natürlich seiner Dokumentationspflicht nach.

Auf dem Rad sitzend konnte es sich ganz gut fortbewegen, da der Knöchel kaum belastet wurde. Schließlich hatten wir Glück, da nur einig hundert Meter weiter eine kleine Hütte war, die sich perfekt als Übernachtungsquartier eignete und wir dementsprechend nicht weit mussten. Dort wurde der Knöchel mit dem patentierten Wassersack-Verband gekühlt und erst einmal Essen gemacht. Während die Nudeln kochten, telefonierten wir noch kurz mit meiner Mama, um uns eine schnelle ärztliche Ferndiagnose einzuholen. Auf ihre Weisung hin, verbanden wir den Knöchel und stabilisierten ihn zusätzlich mit einem dicken Socken. Vincent bekam eine Ibuprofen gegen Schmerzen und Schwellung und wir warteten bis zum nächsten Morgen ab. Dann wollten wir entscheiden, ob es realistisch war, weiterzufahren oder wir uns etwas anderes einfallen lassen mussten.
Die Hütte war wirklich ein großes Glück, da wir hier gut versorgt waren und auch bei Regen kein Problem bekommen würden. Als wir es uns in unserer Behausung gemütlich machten, dachten wir darüber nach, wie es wohl weitergehen würde. Mussten wir kurz vor Schluss die Tour abbrechen und den Zug nach Hause nehmen? Sollten wir morgen früh direkt in die Notaufnahme gehen? Würden Jared und ich morgen Zeit haben, noch eine Runde Discgolf zu spielen?
Mit diesen schweren Gedanken im Kopf und einem beeindruckend hell erleuchteten Turm vor der Haustür schliefen wir schließlich ein.

von Moritz Spannenkrebs
am 07.08.2021
Start
Kisko
🇫🇮 Finnland
Ziel
Hajala
🇫🇮 Finnland
Strecke
42,83
km

Nachdem wir das Großfamilienhaus der Larsens hinter uns gelassen hatten, folgten wir den EuroVelo-Schildern in Richtung Westen. Wir hatten bereits am Vortag gelernt, dass Finnland zwar keine großen Berge hat, aber dafür nur aus kleinen Hügeln besteht. In diesem Sinne ging es heute ständig auf und ab, mal auf besserem und mal auf schlechterem Untergrund. Da unser Weg abseits von den größeren Straßen verlief, bekamen wir aber viele abgelegene Grundstücke in verträumten Ecken zu sehen. Finnland ist sehr felsig und dementsprechend war auch unsere Straßenführung eher wild und schlängelte sich sehr schön dahin. Die Schilder, welche ständig vor Elchen warnten, schürten in uns auch einige Hoffnung einen solchen zu erblicken. Tatsächlich sahen wir jede Menge Rehe, aber leider konnten wir nirgends eines der großen Geweihe erblicken. Nach etwa 10 Kilometern Fahrt machten wir unsere erste Pause. In einem Supermarkt lernten wir finnische Preise kennen, was eine eher niederschmetternde Erfahrung war. Nachdem wir uns ein wenig gestärkt hatten, rollten wir ein paar Kilometer weiter zu einem schönen Discgolf-Kurs im Wald, wo wir deutlich mehr Zeit verbrachten, als eigentlich beabsichtigt.

Dementsprechend war es bereits nach Mittag, als wir unsere Drahtesel wieder in Bewegung brachten und weiter entlang schöner finnischer Straßen fuhren. Spätestens bei einem weiteren Einkauf stellten wir fest, wie offen und interessiert die Finnen waren. Ständig wurden wir nett angesprochen und unterhielten uns mit einigen Einheimischen. Ebenfalls auffällig war, wie gut das Grundniveau der englischen Sprache war. Jeder und jede konnte solides Englisch, zumindest gut genug für ein kurzes Gespräch. Gegen Abend steuerten wir einen See an, an dessen Ufer wir uns einen schönen Platz zum Schlafen erhofften. Dank des „Jedermannsrechts“ mussten wir uns auch nicht groß verstecken, sondern nahmen einfach einen Zugang zum See, den wohl sonst Angler nutzten. Der Weg führte eng zwischen Baumreihen entlang und endete direkt am Wasser. Zu unserem Glück waren am Ufer auch einige Felsen, welche sich hervorragend zum Sitzen und Kochen eigneten. Gesagt, getan: Vincent begann direkt damit, eine Linsenbolognese zu kochen, Jared baute solange das Zelt auf und ich watete in den See, um mit unserem Filter Wasser abzupumpen. Wie ich bereits gelernt hatte, nehmen der Pumpwiderstand und die Durchflussmenge des Filters exorbitant zu und ab, sobald sich die Oberfläche der Filterkartusche zu verstopfen beginnt. Dementsprechend kann man bei sehr klarem Wasser problemlos ein paar Liter filtern, ohne zwischendurch die Kartusche zu säubern. Das Wasser unseres Sees war leider nicht klar, sondern so trüb, dass man kaum 15 cm tief sehen konnte. Letzten Endes konnte ich immer nur etwa 700 ml abpumpen, bevor ich den Filter wieder auseinandernehmen, putzen und wieder zusammensetzen musste. Dabei geht auch jedesmal wieder ein wenig des sauberen, bereits gefilterten Wassers drauf. Folglich brauchte ich eine halbe Ewigkeit, um etwa drei Liter Wasser zu gewinnen. Der Lohn für diesen Aufwand war dafür perfekt klares, geschmackloses Trinkwasser und eine große Portion Spaghetti mit (Linsen)Bolognese. Und natürlich hatten wir fünf Euro für finnisches Wasser gespart!
Während die Sonne unterging, war unser Platz am See wirklich wunderschön und Vincent und ich konnten uns nicht zurückhalten, noch das eine oder andere Foto mit der Kamera zu schießen. Nachdem wir alles gespült und aufgeräumt hatten, gingen wir dann ins Zelt - gerade noch rechtzeitig, bevor zwei junge Angler unsere Kochstelle beanspruchten, um ihre Haken auszuwerfen. Die beiden waren immerhin ehrlich und hatten gar nicht erst einen Eimer oder ähnliches zur Aufbewahrung der fiktiven Beute dabei!

Am nächsten Morgen frühstückten wir noch bei bewölktem Wetter am See und mussten dann schnell alle Schotten schließen. Für den ganzen Tag war Regen angesagt und das Wetter wollte uns schon früh morgens nicht enttäuschen. Also kämpften wir uns durch den Regen. Unser erstes Ziel des Tages sollte Salo sein, wo wir wieder ein paar Scheiben durch die Luft werfen und vor allem einkaufen wollten. Da uns auch der Wind nicht gerade gewogen war, brauchten wir für die gerade mal 30 Kilometer ordentlich viel Zeit und Kraft. Nachdem wir schließlich den örtlichen Discgolf-Kurs durchgespielt hatten, gingen wir in ein großes Einkaufszentrum, welches einen Waschsalon beherbergte. Während unsere Sachen gewaschen wurden, verkrochen wir uns vor der Nässe und Kälte im Hessburger. Dort konnten wir uns beim Genuss des einen oder anderen Vekeburger wieder aufwärmen und unsere nächsten Tage ein wenig planen. Tatsächlich hielt der Regen fröhlich an und so blieben wir ziemlich lange in unserem Versteck. Als die Wäsche trocken war und wir weder vor uns noch vor den Hessburger-Mitarbeiter*innen einen längeren Aufenthalt rechtfertigen konnten, ging es wieder raus in die Nässe. Mit voller Regenmontur wurden wir zumindest von außen nicht nass, kamen aber angesichts der finnischen Hügel und des Windes ordentlich ins schwitzen.

So radelten wir noch eine gute Stunde weiter, immer auf der Suche nach einem trockenen Unterschlupf für die Nacht. Einen solchen fanden wir dann in Form eines Schulgebäudes mit großem Vordach. Da morgen Sonntag war, waren wir recht zuversichtlich, dass die kleinen Grundschüler frei haben müssten und so schlugen wir unser Lager auf. Im Schutz des Daches konnten wir gemütlich Kochen und den restlichen Abend verbringen. Unser eigentlicher Plan, direkt unter dem Dach zu schlafen, wurde leider von der Zeitschaltuhr der Gebäudescheinwerfer zunichte gemacht. Also suchten wir uns ein ebenes Eck am Rande des Schulgeländes und spannten dort unser marodes Zelt so gut es ging ab. Unsere Wollsachen, welche nicht in den Trockner gedurft hatten, hängten wir vor dem Eingang zum trocknen auf und verkrochen uns ins Zelt. Etwas erledigt schliefen wir ein und träumten vom Ende des Regens.

Nach einer erholsamen Nacht waren wir wieder motiviert, die letzten Kilometer bis Turku zurückzulegen. Kurz nach der Abfahrt wurden wir direkt aufgehalten, da Vincents Kette riss. Zum Glück hatten wir genug Werkzeug und Spülmittel dabei, um das ganze zu reparieren und auch Vincents Hände wieder einigermaßen zu säubern. Nachdem wir wieder losfuhren, machte die Kette zwar sehr auffällige Geräusche, aber wir wollten weiterfahren und schoben das ganze auf die nun erhöhte Kettenspannung. Beim ersten Stop in einer kleinen Stadt, wo wir einkauften und den weiteren Tag planten, schauten wir uns das ganze dann nochmal an. In der Eile hatten wir tatsächlich die Kette falsch gelegt, so dass sie die ganze Zeit über ein Stück Metall geschliffen war. Upps! Also wurden Kettennieter und Spülmittel erneut ausgepackt und diesmal klappte alles.
Da wir es nicht mehr weit hatten und unsere Fähre erst am nächsten Tag gehen würde, waren wir relativ gemütlich unterwegs und nahmen auch wieder einen Discgolf-Kurs mit. Dort kam auch keine Einsamkeit auf: Mindestens 20 Autos und 30 Fahrräder hatten schon am ersten Abwurf geparkt und so waren sehr viele Leute unterwegs.
Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in Turku, wo wir uns zum Kaffee einige Runden Skat genehmigten. Außerdem nahmen wir unser Vesper mit Blick auf ein Baseball-Spiel zu uns. Wir brauchten ein wenig, um die speziellen Laufwege dieser Baseball-Variante zu verstehen. Trotzdem war es beeindruckend, auf welchem Niveau die augenscheinlichen Amateure hier spielten und war waren bestens unterhalten. Leider verlor das heimische Team und so gingen nach Ende des Spiels alle schnell und gefrustet nach Hause.
Als es langsam zu dämmern begann, radelten wir auf die kleine Insel Ruissalo vor der Küste von Turku in direkter Nähe zum Hafen. Auf dem Weg dahin, kamen wir an der Burg von Turku vorbei, wo gerade ein Festival stattfand. Da auch wir seit Ewigkeiten keine Live-Musik mehr zu hören bekommen hatten, wurden wir ordentlich neidisch und wären am liebsten sofort auf das Gelände gefahren.

Ein paar Kilometer weiter, auf der Insel, dachten wir noch kurz darüber nach, in einer kleinen Hütte zu übernachten, die eigentlich für Schafe gedacht war. Da Jared und Vincent aber bereits einen anderen hervorragenden Übernachtungsplatz ausgemacht hatten, rollten wir weiter. Unser Tagesziel erreichten wir am Rand der Insel, wo sich ein sehr schöner öffentlicher Strand befand. Die etwas wackelige Bank nutzten wir zum kochen, während wir ständig den Hafen im Hintergrund beobachteten. Zwei der großen Fähren waren gerade dabei abzulegen und wir wussten, dass sie eng an uns vorbei mussten. Als die erste Fähre dann kam und Vincent und ich ins Wasser rannten, waren wir doch überrascht, wie nah wir an das große Schiff herankamen. Außerdem war der Sog bereits super stark und das Wasser wurde gute 20 Meter vom Strand zurückgezogen, während die Fähre passierte. Wenn man dabei den Kopf unter Wasser steckte, konnte man hören, wie der Sand mit dem Wasser mitgerissen wurde und dabei ein lautes Schleifgeräusch verursachte. Als das Schiff dann vorbeigezogen war, kam das gesamte Wasser wieder zurück und füllte das Strandbecken erneut.

Nachdem wir auch noch das zweite Schiff bewundert hatten, bauten wir unser Zelt direkt am Strand unter einem kleinen Baum auf. Es hatte begonnen zu regnen und hier war der Boden noch trocken und es blieb kein Sand am Zeltboden kleben. Während es dunkel wurde und wir uns in unser Zelt verkrochen, fanden sich mehrere hundert Gänse ein. Diese wollte ewig nicht den Schnabel halten und behinderten ein wenig unsere Nachtruhe. Immer wieder musste irgendeine Gans losschnattern, worauf die Ruhe welche sich über mehrere Minuten aufgebaut hatten zu Nichte war und alle anderen Gänse wieder einstimmten. Irgendwann wurden sie dann wohl auch müde und wir konnten schließlich einschlafen.

von Vincent Kliem
am 05.08.2021
Start
Kiisa
🇪🇪 Estland
Ziel
Kirkkonumi
🇫🇮 Finnland
Strecke
75
km

Nach dem Aufstehen nutzten wir den schönen Fluss an unserem kleinen Zeltplatz, um (mal wieder) unsere Fahrräder zu säubern. Zufrieden, die Lärmbelästigung durch unsere knirschenden Fahrradketten etwas eingedämmt zu haben, fuhren wir nach Tallinn, um nachmittags mit der Fähre nach Helsinki überzusetzen. Da wir morgens etwas trödelten, blieb uns in Tallinn selbst nicht mehr so viel Zeit. Die wenige Zeit nutzten wir, um einen Kaffee im Telliskivi zu trinken. Hier haben sich auf einem ehemaligen Fabrikgelände Kreative, Cafés und Bars angesiedelt. Es schien unglaublich viel zu entdecken zu geben. Wir ärgerten uns etwas, dass wir nicht früher hier waren und beschlossen, dass wir auf jeden Fall nochmal nach Tallinn kommen müssen.

Unsere kleine Ferienwohnung

Eilig machten wir uns auf den Weg zur Fähre und bewunderten aus der Ferne noch die Häuser der Altstadt. Wir waren tatsächlich die drei letzten Radreisenden, die die Fähre bestiegen. Wir parkten unsere Räder im Bug des Schiffes, packten das Nötigste zusammen und gingen auf Erkundungstour. Unsere Fähre war ein ganz schönes Monstrum. Wir machten es uns zunächst auf dem Deck gemütlich und brachten unseren Blog etwas auf Vordermann. Um noch ein wenig unsere hungrigen Akkus zu Laden, gingen wir wieder unter Deck in die Cafeteria. Zu diesem Zeitpunkt war unser Plan, den Abend in Helsinki zu verbringen und noch eine Nacht am Rand von Helsinki zu verbringen, um am nächsten Morgen auf Erkundungstour zu gehen. Dieser Plan sollte sich radikal ändern.

Ich war gerade dabei am Blog zu schreiben, als ich plötzlich auf deutsch Angesprochen wurde: „Ihr seid aus Deutschland, oder?“. Vor uns stand ein älteres Ehepaar, dass sich als Heidi und Willy Larsen vorstellte. Im Gespräch wurde uns schnell klar mit was für beeindruckenden Persönlichkeiten wir es zu tun hatten. Kurz zusammengefasst: Heidi und Willy (beide Mitte 70) waren mit ihrem Wohnmobil auf der Rückreise von einem Besuch bei ihrer Tochter in Estland, die sie besucht hatten, um beim Hausbau zu helfen. Dies sei möglich, weil sie gerade Urlaub(!) hätten. Ursprünglich stammten beide aus Norwegen. Heidi sogar von den Lofoten. Willy war als junger Soldat einige Jahr in Deutschland stationiert. Die beiden sprachen: deutsch, englisch, norwegisch, schwedisch, finnisch und ein bisschen russisch. Wir unterhielten uns mit einem Gemisch aus deutsch und englisch. Besonders rührend und unterhaltend war, wie Willy gestenreich erzählte, wie er Heidi kennenlernte. Die ganze Begegnung war so unglaublich herzlich. Schließlich luden sie uns ein, sie zu besuchen. Sie wohnen 35km von Helsinki entfernt. Wir beschlossen gleich heute noch die Strecke zu fahren. Ach ja, war zu diesem Punkt die Lebensleistung und Ausstrahlung der beiden nicht schon beeindruckend genug, setzten sie noch einen drauf: Als sie uns in ihr Haus einluden erwähnten sie nebenbei, dass sie wirklich viel Platz hätten, da sie nämlich 15 (in Worten fünfzehn) Kinder hätten!!!

Wir verabschiedeten uns bis später und fuhren zügig los. Da es inzwischen schon fast 20 Uhr war, beeilten wir uns, nicht zu spät zu kommen. So konnten wir leider nicht so viel von Helsinki sehen. An einen ruhigen Abend in Helsinki war heute sowieso nicht zu denken, denn über der Stadt kreisten in einer abenteuerlichen Flugshow und kaum überhörbar Kampfjets. Wie viele Passanten schauten auch wir immer wieder nach oben und staunten über Flugmanöver und Farbmalerei am Himmel. Ein kleines Wunder, dass wir nicht in einen Verkehrsunfall verwickelt wurden, denn alle starrten nach oben. Etwas außerhalb von Helsinki wurde es schließlich ruhiger und wir konnten auf den nicht besonders schönen aber fantastisch funktionalen Radwegen entlang der Schnellstraßen zügig Strecke machen. Finnland scheint ein super ausgeschildertes und ausgebautes Radnetz zu haben. Wir kamen schließlich gegen 22 Uhr an der Adresse, die uns die Larsens gegeben hatten an.

Wir standen tatsächlich in Mitten eines großen Grundstücks - zur Hälfte Baustelle - vor einem großen Haus. Wir sahen zunächst durch die Fensterscheiben Björn, ein Sohn von Willy und Heidi, der momentan in einer Wohnung des Hauses wohnt. Wir wurden herzlichst begrüßt und wir brachten unser Gepäck ins obere Stockwerk. Das Haus war auch von Innen beeindruckend. Es bestand aus mehreren, wenn auch nicht klar abgegrenzten, Wohnungen mit jeweils eigenen Küchen. Wir bezogen unsere Traumferienwohnung unter dem Dach und gingen nach einer Dusche und schneller Pasta überwältigt schlafen.

Frühstück bei Familie Larsen

Am Morgen wurden wir von Larsens zum Frühstück eingeladen. Der Tisch war gedeckt mit feinem Fisch, selbst gebackenem Brot und vielen Zutaten aus dem Garten. Willy und Heidi erzählten uns viel über ihre Familie und wie sie hier nach Kirkkonummi kamen und über das Leben in einer gigantischen Großfamilie mit 15 Kindern: „ein großes Geschenk“. Sie strahlten eine unglaubliche Dankbarkeit und Lebensfreude aus. Das Highlight war aber die anschließende Führung durch das Haus. Zunächst ging es runter in die Werkstadt. Der passionierte Schreiner Jared war sofort begeistert von der Auswahl an Werkzeugen und den gebauten Möbelstücken. Neben einer ausgestatteten Schreinerei diente der Raum aber auch als Autowerkstatt, erkennbar an einer große Luke im Boden. Es ging nämlich noch ein Stockwerk runter. Hier gab es zwei weitere Werkstätten. Eine lag genau unter der oberen Werkstatt und so konnte man von hier durch die Decke gemütlich am Auto schrauben. In der anderen Werkstatt wartete noch ein Highlight auf uns. Willy ist sehr handwerklich veranlagt, was man bei so einem Haushalt vielleicht auch sein sollte, und hat dies auch an einige seiner Kinder weitergegeben. Ein Sohn arbeitete in dieser Werkstatt schon seit Jahren an einem eigenen Kanu. Das Zwischenergebnis sah schon super cool aus. Hinter einer weiteren Tür befand sich auf einmal ein gigantischer Findling über den das Haus einfach gebaut wurde. Hier unten gab es auch einen direkten Zugang zum Grundwasser.

Wir gingen wieder ein Stockwerk hoch, besichtigten die Sauna (wir hatten schon gewettet, dass es bestimmt eine gibt), wurden um die Ecke geführt und standen auf einmal in einer Kirche, einer KIRCHE! Larsens hatten es schon durchblicken lassen, dass sie sehr christlich verwurzelt sind, aber mit einer Kirche haben wir nicht gerechnet. In der Kirche befand sich neben einer Hausorgel auch ein Klavier. Zwei Dinge, die den Larsens wichtig zu sein schienen:

Zum einen das gemeinsame Musizieren. Schon im Wohnzimmer hingen Instrumente für ein Orchester an den Wänden und jedes Kind sollte mindestens ein Instrument lernen.

Bei der Planung des Hauses und der Kirche war Willy aber auch wichtig, dass man auch entspannt aus der Sauna der Musik oder den Gottesdiensten folgen kann. So gibt es ein Fenster direkt von der Sauna mit Blick in die Kirche. Wo gibt‘s denn schon sowas?

Ich fragte gleich, ob wir nicht gemeinsam was singen könnten. Nach kurzem Überlegen fanden wir Amazing Grace und voller Inbrunst wurden alle 7 Strophen mehrstimmig gesungen. Es war total rührend.

Anschließend setzte sich Heidi an’s Klavier und die Larsens sangen für uns mehrstimmig ein schwedisches Lied. Unglaubliche schön. Wir nahmen uns gleich vor, das bei Gelegenheit mal zu üben.

Weiter ging es in den Garten. Das Grundstück grenzte direkt an einen kleinen Fluss. Dort wird gerade eine Fischtreppe gebaut. Es gab auch ein kleines Becken in dem Willy jeden morgen (egal ob Winter oder Sommer) baden geht. Im Garten standen auch mehrere Wohnwägen mit ausgebauter Holzterrasse, die teilweise den Kindern gehören. Auf dem Grundstück steht auch noch das alte Haus, das hier schon stand, als die Larsens das Grundstück kauften. Hier wurden die ersten Kinder großgezogen, während mit der (eigenständigen) Planung und dem Bau des Hauses begonnen wurde.

Ach, es gäbe noch so viel zu erzählen über diese unglaubliche Familie und diese besondere Begegnung. Was für ein verrückter Zufall, das uns dieser urige Typ auf der Fähre einfach ansprach und unfassbar was dann folgte.

Wir verabschiedeten uns herzlich „bis bald“ und mit dem Gefühl, dass wir uns schon viel länger als die paar Stunden kennen würden, und stiegen auf unsere Fahrräder. Wir konnten noch nicht ganz fassen, was da seit der Fähre so passiert ist und werden sicherlich noch ein paar Tage brauchen um diese unglaubliche Begegnung zu verarbeiten.

von Jared Faißt
am 03.08.2021
Start
Häädemeeste
🇪🇪 Estland
Ziel
Tootsi
🇪🇪 Estland
Strecke
84,86
km

Nachdem wir eine sehr erholsame Nacht auf weichem Waldboden in instabilem Zelt verbracht hatten, frühstückten wir zuerst gemütlich und berieten uns dann über den weiteren Verlauf der Reise. Zuerst zum Zelt: am Abend vorher prüfte ich nochmal die bereits angebogenen stangensegmente und fand erschreckenderqeise etwa an jeder 2. Verbindungsstelle bereits kleine Risse. Im Moment des Aufbauens brach dann auch tatsächlich die obere Querstange. Wir hatten zum Glück noch eine Hülse, die wir für die Bruchstelle verwenden konnten, jedoch durfte jetzt nichts mehr passieren. Wir kontaktierten zwar nochmal Salewa aber es war schnell klar, dass wir in unter 4 Tagen keine Hilfe in Form eines Ersatzgestänge erwarten können. Wir beschlossen daher im Baumarkt Hilfe zu suchen. Weiter ging die Planungssession mit dem Verlauf der Reise. Zur Wahl stand

  1. Estlands Küstenlinie weiterfahren (600-700 km) mitsamt den 2 Hauptinseln und ab Tallinn mit dem Bus zurückreisen.
  2. Direkt nach Tallinn fahren (150 km) und weiter mit der Fähre nach Helsinki übersetzen. Von dort in 3 Tagen nach Turku radeln, wo wir die Fähre nach Stockholm nehmen könnten. Ab da könnten wir noch 4 Tage in Schweden nach Süden radeln.

Wir entschieden uns mit Einbezug der Rückreise Annehmlichkeiten und der Neugierde nach Finnland für Option 2 und buchten schon mal so einiges (Fähren und Busse), um schon mal Frühbucherrabatte zu sichern. Nach diesem überaus produktiven aber langem Vormittag radelten wir nordwärts erstmal in Richtung Baumarkt. Glücklicherweise wird in Estland sehr oft Englisch verstanden und auch gesprochen und so konnte ich dem Baumarktmitarbeiter recht schnell das Zeltproblem schildern. Ich zeigte ihm die Hilfshülse und er holte kurzerhand ein ähnlich dickes Alurohr und sägte es mir in 7 Stücke. Nun können wir uns also 7 weitere Stangenbrüche erlauben bis zum Reiseende ;-). Für die unkomplizierte Hilfe daher den verdienten Titel:

MVP des Tages: Baumarktmitarbeiter

Wir radelten anschließend weiter auf deutlich direkterer Route nach Tallinn als mal ursprünglich gedacht. Genau deshalb hatten wir jedoch noch eine lustige Begegnung. Wir waren bereits nach 21:00 Uhr noch auf den Straßen unterwegs auf der Suche nach einer schlafbaren Ecke, da kamen uns noch zwei sehr sportlich ausgestattete Gravelbikes mit ebenso sportlichen Fahrern über den Weg. Bei ihrem Überholmanöver plauderten wir noch kurz (den typischen Radreiser-Smalltalk). Während der anführende Italiener nach einem kurzen Gruß weiterradelte, blieb die deutschsprachige Radlerin noch kurz neben uns und erzählte, dass sie ebenfalls von Italien gestartet seien und zwar am Gardasee. Auf die Frage wieviele Kilometer sie am Tag so mache antwortete sie mit 300 und wir waren kurz sprachlos. Aus Ehrfurcht wollten wir sie daher nicht länger aufhalten aber wir waren doch sehr angefuchst, was es mit dieser krassen Ausdauerleistung auf sich hat. Wir legten uns bald danach ins nächstbeste Feld und begannen zu recherchieren. Schnell wurde ersichtlich, dass es sich hierbei um das Radrennen Northcape4000 handelt.

Live-Tracking der Teilnehmer

Dabei radeln dieses Jahr etwa 180 Teilnehmer die Strecke vom Gardasee ans Nordkap mit reiner Muskelkraft. Gestartet sind die Mitstreiter erst am 24. Juli (!!) und der erste war im Moment unserer Recherche bereits seit wenigen Minuten im Ziel.. Zeit: 10 Tage und 9 Stunden, absoluter Wahnsinn! Die Webseite zeigt alle Teilnehmer mit ihrer letzen übertragenen Position auf einer Karte an, daher konnten wir auch recht schnell unsere Begegnung identifizieren. Es handelte sich um die Extremsportlerin Sara Hallbauer, die übrigens einen sehr lesenswerten Blog schreibt. Dort geht es neben krassen Touren auch um die Basics von Bikepacking und ist daher sehr zu empfehlen für Interessierte an dieser Sportart bzw. an diesem Lebensstil, je nach Dauer ;-). Den Blog findet ihr hier.

Wir machten es uns also mal wieder zwischen Heuballen gemütlich und während wir das Abendessen in den Startlöchern hatten, schauten wir schon gespannt mit Blick auf die Straße, wann der nächste Nordkap Competitor vorbeiradeln würde. Ein Stück weit war es auch etwas seltsam die gläsernen Radfahrer so verfolgen zu können aber es hat uns auch sehr viel Freude bereitet so nahe an diesem Wettkampf zu sein. An diesem Abend fiel es uns auch dann wie Schuppen von den Augen, als wir uns erinnerten, dass wir an diesem Tag von der Seite zugerufen bekamen ob wir ans Nordkap fahren würden und wir dann ausweichend erklärten: Ne, also erst Tallin, dann Helsinki, dann….. aber in diesem Moment wussten wir noch nichts von diesem Rennen. Wir nahmen es im Nachhinein als Kompliment, dass man uns optisch so eine Extremleistung mit unseren 50kg Rädern zugetraut hätte.

Schlafplatz mit Blick auf die Rennstrecke

Die Sonne kroch an diesem Abend zwar lange am Horizont, aber der kristallklare Himmel sorgte schnell für eine ordentliche Kälte. Vincent widmete sich noch der Sternenfotografie, während Moritz und ich uns schon einmal im Zelt einkuschelten. Es wurde alles ausgekramt, was die Wärmeabteilung zu bieten hatte: Von Skiunterwäsche bis zur Fließjacke. Am nächsten Morgen war ich dann wieder recht früh auf und genoss die ersten Sonnenstrahlen während ich Kaffee und Porridge richtete. Kurz später saßen wir dann vollständig vor dem Haferbreigemisch und schaufelten im Bottich während wir erneut auf das Nordkap Rennen schielten und die nächsten vorbeifahrenden Radler im Voraus identifizierten. Komplett unbemerkt schlich sich in diesen Minuten hinter uns ein ordentlicher Schauer heran, den wir garnicht auf dem Schirm hatten. In Windeseile wurde das Zelt eingepackt und alles wichtige verstaut. Das restliche Frühstück wurde dann in voller Regenmontur verspeist. Das wechselhafte Wetter in Estland hat uns schon zu so einigen Regenzeug An- und Auszieh-Pausen gezwungen. Schließlich ging es auch für uns wieder auf die Räder.

Frühstück im morgendlichen Schauer

An diesem Tag führte uns die Strecke abseits von den Autobahnen in der Mitte des Landes Richtung Tallin und war insgesamt sehr schön zu fahren. Ein Highlight war dann erneut wieder ein top bewerteter Discgolfkurs, den wir uns nicht entgehen lassen wollten. Man muss dazu sagen, dass Estland ein absolut Discgolf verrücktes Land ist. Estland ist nur ein wenig größer als Baden Württemberg aber die Discgolfkursdichte ist um ein Vielfaches höher. Daher können wir hier auch etwas wählerischer sein als in unserer Heimat.

Discgolfdichte im Direktvergleich

Abends steuerten wir wieder einen RMK Platz an, ein wirklich fantastisches Konzept für Reisende wie uns. Mithilfe einer App kann man geeignete Nächtigungsmöglichkeiten in freier Natur finden, absolut empfehlenswert. An unserem ausgesuchten Spot konnten wir dann bequem unser Zelt hinstellen und ein paar Bänke mit Tisch, sowie ein Zugang zum Fluss rundeten die Nachtstätte ab. Auch diese Nacht forderte wieder die gesamte Garderobe heraus….

von Moritz Spannenkrebs
am 01.08.2021
Start
Riga
🇱🇻 Lettland
Ziel
Svetciems
🇱🇻 Lettland
Strecke
105,25
km

Gut ausgeruht und mit frisch gewaschener Kleidung ging es heute endlich mal wieder an die Ostseeküste. Wir freuten uns sehr auf das Meer und radelten gut gelaunt los. Beim Weg aus Riga heraus begegneten wir vielen Radlern, die rund um die Stadt auf den guten Radwegen unterwegs waren. Unter anderem überholten wir eine junge finnische Familien mit zwei Kindern. Allesamt waren in höchst sportliche Fahrradkleidung gehüllt und sahen auch sonst recht windschnittig aus. Beim Überholvorgang wurde mir zur Begrüßung erstmal kommentarlos eine Smartphone-Linse vor die Nase gehalten. Etwas perplex schaute ich den Mann hinter der Linse etwas grimmig an. Schließlich begann er uns mit aufgeregtem finnischem Akzent anzusprechen und fragte uns über die Tour aus. Nachdem wir uns ein wenig unterhalten hatten, beschleunigten wir wieder und fuhren davon. Etwa eine Minute später kam plötzlich ein Rad mit Highspeed von der Seite an Jared heran gerauscht. Der Kameramann hatte wohl noch nicht genug und begann jetzt Jared zu filmen und erneut in etwa dieselben Fragen zu stellen. Nachdem wir das Verhör überstanden hatten, packte er sein Handy weg und erklärte, er sei Fotograf und Fahrrad-Influencer. Wir gaben ihm schließlich unser Einverständnis, das ganze in seiner Instagram-Story zu teilen und fuhren nun endgültig weiter. Bei der späteren Begutachtung konnte ich befriedigt feststellen, dass mein grimmiger Blick nicht den Weg ins Internet gefunden hatte. Jared ist eben der bessere Insta-Boy!

Etwa 25 Kilometer hinter Riga machten wir unsere erste Pause. Von unserem Radweg führte eine kleine Straße direkt auf einen breiten Sandstrand mit vielen Bänken. Dort kochten wir unser geheimes Spezialgericht (Nudeln mit Pesto) und tranken ordentlich Kaffee. Gut gelaunt ging es direkt weiter auf den Radweg… jedenfalls dachten wir es gäbe einen Radweg! Tatsächlich rollten wir ein paar hundert Meter über einen Holzsteg (sehr zu unserer Freude), um an dessen Ende nur Sand anzutreffen (nicht so sehr zu unserer Freude). Laut Karte sollte es etwa acht Kilometer auf den sandigen Pisten weitergehen. Diese zogen sich quer durch den Wald und waren normalerweise wohl nur von Mountainbikern und Moto-Cross befahren. Beim Versuch, dieser Misere zu entgehen, beschlossen wir, den ausgeschilderten „Weg“ zu verlassen und auf der anderen Seite der Eisenbahngleise eine Alternative zu finden. Tatsächlich wartete dort leider noch tieferer Sand, den nun auch keine Mountainbikes mehr befahren konnten. Also war für uns Schieben angesagt. Etwa eine halbe Stunde kämpften wir uns über die Piste bis wir über die Einfahrt eines Häuschens von hinten wieder auf die Straße kamen. Von da an war der Weg wieder wirklich hervorragend und abwechslungsreich. Nach etwa 50 Tageskilometern mussten wir leider am Rande der großen Bundesstraße bzw. Autobahn weiterfahren. Auf entsprechend gutem Asphalt ging es immerhin gut voran und wir kamen am frühen Abend nach Dunte. Hier wurden wir überrascht von einem Motto-Park, in welchem der Baron von Münchhausen die Hauptrolle spielt. Für alle, die nicht sofort die richtige Assoziation haben: Das war der Mann, der nach eigenen Angaben auf Kanonenkugeln reiten konnte (siehe Foto) und achtbeinigen Hasen hinterher jagte. Der Park bestand aus einigen Museumsgebäuden, einem kleinen See, einem Holzpfad durch das angrenzende Naturschutzgebiet und einer großen Gartenfläche mit vielen Bänken. Natürlich bekamen wir sofort große Augen und sahen uns in Gedanken schon auf drei der gemütlichen, überdachten Bänke schlafen. Eine Mitarbeiterin des Parks riet uns leider scharf davon ab. Auch die Kontaktaufnahme mit den Parkbesitzern, welche nur ein paar Häuser weiter wohnten, wollte sie uns nicht guten Gewissens empfehlen. Wir beschlossen, die Bänke trotzdem zum Kochen zu nutzen und das Problem des Schlafplatzes auf die weniger von Hunger geplagte Zeit nach dem Essen zu verschieben.

Mit Unmengen Linsenbolognese im Bauch packten wir wieder langsam unser Zeug zusammen und setzten uns auf die Räder. Es war bereits nach 23:00 und wir wollten nur noch ein paar hundert Meter bis zur nächsten Zeltmöglichkeit rollen. Tatsächlich erfreuten wir uns am Radeln wieder so sehr, dass wir direkt beschlossen, noch ein wenig weiter zu fahren. Mit Fahrradlichtern, Stirnlampen und Reflektoren bewaffnet ging es wieder auf den Randstreifen der Autobahn. Jared fiel dabei die wichtige und verantwortungsvolle Rolle des LKW-Frühwarnsystems zu. Einmal Klingeln bedeutete: „Runter von der Straße und auf dem Geröll neben dem Asphalt weiter fahren!“. Zweimal Klingeln bedeutete: „Bahn frei, zurück auf die Straße!“. Mit diesem System kamen wir gut voran und hatten immer einige Meter Sicherheitsabstand zu den überholenden Fahrzeugen. Insgesamt war es super angenehm, bei Nacht zu fahren. Keine Sonne brannte auf unsere Köpfe, der Wind hatte abgenommen und es gab viel weniger Verkehr. Nach etwa zwei Stunden hatten wir weitere 45 Kilometer abgespult und waren dann doch etwas müde. Etwas abseits von der Hauptstraße hatten wir auf der Karte einen Campingplatz ausgemacht. Mittlerweile hing tiefer Nebel über dem Boden. Dementsprechend fuhren wir bei totaler Dunkelheit durch die Felder in einen Wald hinein, wo wir nach einer ebenen Stelle für unser Zelt suchten. Glücklicherweise hatten unsere Stirnlampen ordentlich Power (danke Papa!) und wir wurden fündig. Der Campingplatz war eher eine Ansammlung von wild zwischen den Bäumen verteilten Bänken, neben denen man Platz für ein Zelt hatte. Außer uns war niemand da und so fühlten wir uns fast wie beim Wildcampen. Als ich im Nebel, die engen Bäume nur beleuchtet vom Schein der Taschenlampe, auf die Suche nach dem Toilettenhäuschen war, fühlte ich mich fast wie im Setting eines Horrorfilms. Die plötzliche Beleuchtung des Häuschens durch den Bewegungsmelder jagte mir dann endgültig einen Schrecken ein. Naja, wenn man übermüdet durch den Wald irrt…

Eine erholsame Nacht später packten wir gerade unser Zeug zusammen und Jared wollte noch ein paar Bilder mit der Drohne machen. Da kamen der Besitzer des Campingplatzes und seine Frau zu uns und er sprach uns direkt an. Er erklärte uns, dass der Platz durchaus nicht umsonst sei und bat uns um fünf Euro pro Nase. Außerdem merkte er an, dass das Fliegen von Drohnen in Lettland verboten sei und man dafür einen Führerschein bräuchte. Upps!

Nachdem wir ihm Geld überwiesen hatten (Bargeld hatten wir kaum noch) wurde die Stimmung entspannter und er interessierte sich für unsere Tour. Schließlich gab er uns noch ein paar Empfehlungen für die weitere Route und wir wünschten uns gegenseitig einen schönen Tag.

Weiter ging die Strecke in Richtung der estnischen Grenze. Leider mussten wir uns wieder über einige Sandpisten kämpfen, kamen dann aber schließlich wieder auf die Autobahn. Am Rande der Straße machten wir hier den Fund des Tages: Eine kleine Krone, die wie perfekt auf Jareds Vorderlicht passte und ihm und seinem Rad den gewissen royalen Flair verlier. Nach einer guten Stunde auf den Sätteln, machten wir eine kurze Pause an einer Tankstelle. Während Vincent sich nach estnischen SIM-Karten erkundigte, hatten Jared und ich mal wieder nur Augen für die feilgebotenen Veggie-Burger. Ohne Karte aber dafür mit einem wohligen Gefühl im Bauch fuhren wir nun weiter auf einer schönen kleinen Nebenstraße, die etwa hundert Meter von der Küste entfernt verlief. Hier überquerten wir die Grenze nach Estland.

Im ersten Dorf direkt hinter der Grenze machten wir unsere Mittagspause in einer Überdachung am Rande des „Busbahnhofs“. Während Jared und ich in Windeseile unsere jeweils fünf Rühreier verschlangen, kam ein weiterer Radreisender auf uns zu. Wir erkannten schon von weitem, dass sein Rad und auch seine sonstige Ausstattung nicht gerade im Optimalzustand waren. Das Rad musste geschoben werden und machte dennoch bedenkliche Geräusche. Er setzte sich zu uns und erzählte uns von seiner Misere, während sein Handy von Jareds Powerbank vollgepumpt wurde. Er war auch auf einer Tour in Richtung Tallinn, aber sein Fahrrad hatte leider an mehreren Stellen kapituliert. Meine Schnelldiagnose ergab, dass auch unser Werkzeug hier nicht viel würde ausrichten können. Vermutlich waren sowohl das Tretlager, als auch die zugehörige Kurbel gebrochen und somit irreparabel. Er war nun hier gestrandet und wollte mit dem Bus zurück nach Riga. Zu seinem Pech wollte ihn der letzte Busfahrer nicht mitnehmen ohne einen Aufpreis von fünf Euro für das Fahrrad. So viel Bargeld hatte unsere Kollege leider nicht mehr dabei. Dank Powerbank konnte er zumindest seine Tante anrufen, die ihm noch etwas Geld für die Weiterfahrt von Riga nach Vilnius überwies.

Für den Bus nach Riga kratzten wir noch unser Kleingeld zusammen und kamen somit gerade auf fünf Euro. Nachdem wir gegessen und im angrenzenden Laden eingekauft hatten, rollten wir weiter und ließen den gestrandeten Radler mit dem Kleingeld, gefüllten Trinkfaschen und vollem Akku zurück. Hoffentlich hat ihn der nächste Bus mitgenommen!

Das royale Ross.

Kaum fünf Kilometer hinter der Grenze trafen wir direkt auf den ersten estnischen Diskgolfkurs. Eine vorangegangene Analyse hatte gezeigt, dass das Werfen von Scheiben hier wohl keine Randsportart ist, sondern eher zum Alltag gehören muss.

Gut gelaunt pedalierten wir weiter entlang der schönen kleinen Straße, an die traumhaft schöne Häusern direkt am Meer grenzten. Hier waren seit langem auch wieder einige Autos deutscher Touristen zu sehen. Vor allem oftmals selbstgebastelte Campingbusse waren viele zu sehen.

Da wir gestern über 100 Kilometer gefahren waren, stellte sich heute bereits nach gut 50 Kilometer eine gewisse Zufriedenheit ein. Deshalb beschlossen wir eine der zahlreichen, kostenlos öffentlich zugänglichen Grill- und Zeltstellen anzusteuern. Da es noch früh war, wollten wir uns ein etwas aufwendigeres Mahl über dem Feuer zubereiten. In einem Supermarkt fanden wir alles, was unsere Herzen begehrten und wir rollten gut gelaunt zur Grillstelle. Zu unserer Freude fanden wir nicht nur einen hervorragenden Grill, ein hygienisches Toilettenhäuschen und eine schöne Bank, sondern sogar eine kleine Hütte mit kostenlosem Feuerholz. Davor war ein witziger Holzspalter mitsamt Gebrauchsanleitung. Während Jared den Grill anfeuerte begannen Vincent und ich mit der Zubereitung des Festmahls. Dieses bestand aus einer gefüllten Sardine, jeder Menge Grillgemüse, ein paar Grillwürsten, gebratener Süßkartoffel, einigen gerösteten Fladenbroten und einem großen Pita. Serviert wurde das ganze mit Ketchup und einem Mojito-Radler mit extra Minze. Nachdem wir gegessen und am Lagerfeuer Gitarre gespielt hatten, gingen wir mit vollem Bauch und guter Laune ins Zelt.

von Vincent Kliem
am 31.07.2021
Start
Baldone
🇱🇻 Lettland
Ziel
Riga
🇱🇻 Lettland
Strecke
34,85
km

Tatsächlich waren es heute morgen nur noch 30km bis nach Riga. Man möchte vielleicht meinen, dass eine Hauptstadt auch eine gutes Fahrradnerz im Umkreis haben sollte, nicht so Riga. Um von der großen Bundesstraße runterzukommen, bogen wir irgendwann auf einen Pfad entlang der Düna. Nachdem wir uns durch dichte Wälder und kleine Gartensiedlungen ohne feste Straßen gekämpft hatten, kamen wir endlich - wie aus dem nichts - auf einen perfekt ausgebauten Radweg. Uns fiel in der Ferne sofort der gigantische Fernsehturm von Riga auf. Tatsächlich recherchierten wir, dass dieser das höchste Bauwerk der EU sei. Im Vergleich dazu wirkten die Kirchtürme der Stadt winzig. Wir kämpften noch ordentlich gegen den Wind an, bis wir in die Stadt kamen. Auf dem Weg zu unserem Hotel, das wir am Vortag gebucht hatten, fielen uns schon die vielen schönen Stadthäuser auf. Auch unser Hotel erzählte von Außen noch vom Glanz früherer Tage, von Innen eher vom Renovierungsstau. Aber wir konnten uns nicht beklagen: Lage und Preis waren top.

Crazy Cider: zwei zum Preis von einem

Moritz und ich zogen, nachdem wir im Bad unseren Renovierungsstau abgebaut hatten, in die Stadt. Mein alter Schulfreund Lukas, der einige Jahre in Riga studiert hatte, gab uns ein paar Tipps für die Innenstadt und so schlenderten wir los. Nachdem wir uns grob orientiert hatten, fanden wir eine total geniale Ciderbar und gönnten uns im Innenhof Cider und einen sehr leckeren Humusteller.

Da es inzwischen schon Nachmittag war, war die Auswahl an Museen, die noch lohnenswert lange offen hatten, klein. Wie entschlossen uns schließlich das Okkupationsmuseum zu besichtigen, das sich der Zeit der Besetzung Lettlands widmet. Wie viele Museen in Riga kostete es keinen Eintritt.

Hier ein kurzer Abriss der Geschichte Lettlands:

Nach dem ersten Weltkrieg erklärte Lettland erstmalig seine Unabhängigkeit. Der multikulturelle Staat war wohl für seine Zeit relativ tolerant gegenüber denen im Land lebenden Minderheiten und so gab es beispielsweise in Riga auch ein deutsches Gymnasium, auf das unter anderem auch Heinz Erhardt ging. Die Unabhängigkeit endete 1939 mit dem Hitler-Stalin-Packt. Die Rote Armee marschierte in Lettland ein und es folgte eine russische Schreckensherrschaft, bei der vor allem ein Großteil der kulturellen und wissenschaftlichen Elite Lettlands in Arbeitslager verschleppt wurde, was wenige überlebten. Dies ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass der Überfall auf die Sowjetunion von einigen Teilen der Bevölkerung als „Befreiung“ gesehen wurde. Doch es folgte die nächste Schreckensherrschaft. In Riga betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung etwa 10%. Am Holocaust in Lettland machten sich auch viele Letten mitschuldig. Es folgte wieder die Rückeroberung durch die Rote Armee und schließlich wurde Lettland - wie das gesamte Baltikum - Teil der Sowjetunion. Es folgte eine weitere Deportationswelle im März 1949, wobei fast 100.000 Menschen aus dem Baltikum in Richtung Sibirien verschleppt wurden.

Ermutigt durch Solidarność und die Streiks in Polen (vor allem Danzig), kam es auch im Baltikum vermehrt zu Gedenkveranstaltungen zu den Deportationen. Im Museum war ein Bild von einer solchen Veranstaltung ausgestellt, auf dem (vermutlich) ein KGB-Agent am Rand zu sehen ist, der im Moment des Fotos dem Fotographen zuflüstert, dass ihm das noch Leid tun werde. Der Höhepunkt der friedlichen Revolution im Baltikum war eine 600km lange Menschenkette zum 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes, die die Hauptstätte Vilnius, Riga und Tallinn miteinander verband. Seit 1990 sind die baltischen Staaten unabhängig.

Besonders Eindrucksvoll war es in dem Museum die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts aus der Perspektive eines so vergleichsweise kleinen Volkes wie den Letten zu sehen. Deutschland war leider(!) ein „Bigplayer“ und zumindest zu sehr großem Teil verantwortlich/schuldig für das eigene und fremde Schicksal. Im Museum bekam man eher den Eindruck, dass Lettland ein einigermaßen chancenloser Spielball zwischen den Großmächten war. Wir konnten etwas besser nachvollziehen, dass wir im Land an jeder Ecke die Flagge Lettlands zu sehen bekamen. Man ist hier stolz auf die eigene Unabhängigkeit. Daneben sieht man aber auch viele EU-Flaggen. Die baltischen Staaten zeigen sich unglaublich Europa freundlich und sind seit 2004 Mitglieder der EU und inzwischen auch der Eurozone.

Mit diesen Eindrücken spazierten wir zurück zum Hotel, vorbei am ehemaligen KGB-Büro, inzwischen gottseidank ein Museum.

Impfkampagne (in der ganze Stadt plakatiert)

Prost!

Nach einer kurzen Stärkung im Hotel zogen wir zu dritt weiter durch Riga. Nach einigen runden Skat in einem kleinen Café verabschiedete sich Moritz für eine abendliches Telefonat mit seiner Liebsten. Jared und ich zogen weiter in die Innenstadt zu einer Bar, die mir Lukas empfohlen hatte. Etwas lauffaul und neugierig buchten wir uns erstmaligst einen E-Roller, die hier auch an jeder Ecke rumstehen und heizten zu zweit durch die Rigarer Nacht. Wir gönnten uns gerade ein Bier unter freiem Himmel als es anfing zu nieseln. Vielleicht hätte uns das Wetterleuchten schon beunruhigen sollen. Naja, wir zogen auf unserem seltsamen Gefährt weiter in Richtung der Ciderbar, wo es ein kleines Konzert im Innenhof geben sollte. Auf einmal brach Sintflutartig der Regen über uns herein. Wir konnten gerade noch den Roller abstellen und auf einen überschirmten Platz flüchten. Eigentlich eine sehr schnieke Location zu der wir uns mit unserem Radfahrerstyle nicht getraut hätten. Eine Band spielte und die adrett gekleideten Menschen lauschten artig mit einem Cocktail bewaffnet. Da aber jetzt alle Menschen im Umkreis von einigen hundert Metern dies als einzige Fluchtmöglichkeit sahen, verändert sich die Stimmung radikal, glücklicherweise spielte die Band weiter.

Völlig durchnässt fuhren wir mit dem Roller zurück ins Hotel.

von Vincent Kliem
am 30.07.2021
Start
Birzai
🇱🇹 Litauen
Ziel
Baldone
🇱🇻 Lettland
Strecke
73,68
km

Am morgen ging es weiter entlang unserer Route in Richtung Riga. Die Landschaft auf der Strecke war nett, aber nicht sonderlich abwechslungsreich. Auch deshalb hieß es heute ordentlich Strecke zu machen. Dass wir die Pausen auch immer wieder dazu nutzten, um nebenbei etwas Olympia zu schauen, merkten wir heute am Ladezustand unserer Akkus. Auf der Suche nach einer Steckdose und etwas zu Futtern, fanden wir in einem kleinen Ort eine Pizzaria, die von beidem zu Genüge hatte.

Gestärkt und mit zwei Strichen mehr auf den Ladeanzeigen der Powerbanks, ging es weiter in Richtung Riga. Am Abend kamen wir in den Ort Birzai. Zum Abendessen - Tomate-Mozzarella und Butterbrote - wollten wir uns noch ein paar Bier gönnen. Leider kamen wir erst um 19:58 Uhr an den Laden. Die Ladenbesitzerin mahnte uns gleich zur Eile, da die Alkoholtheke um 20 Uhr schließe und so griffen wir zum erstbesten vernünftig aussehenden Getränk, wobei wir leider die zehn Kühlschränke mit gekühltem Bier übersahen. Sei‘s drum, das Bier schmeckte nach dem ganzen Tag Fahrradfahren trotzdem super! Wir machten es uns an einem Badesee am Ortsrand gemütlich und bereiteten unser Essen zu. Wir starrten dabei wohl so neidisch auf eine Gruppe junger Menschen, die Beachvolleyball spielten, dass wir auch einige Runden mitspielen durften. Auch wenn wir schon ein bisschen platt vom Fahren waren, mussten wir diese Gelegenheit nutzen. Nachdem wir in den Sommer 2018 und 2019 in Freiburg mehrmals die Woche gebeacht hatten, haben wir wegen Corona seit fast zwei Jahren nicht mehr gespielt. Wir spielten 3 gegen 3. Es machte unglaublich viel Spaß. Nach einigen Runden sah es auch schon wieder einigermaßen ansehnlich aus, was wir da so fabrizierten.

Da der Badestrand aber noch gut besucht war, zogen wir etwa 4 km weiter um den See und fanden einen kleinen Rastplatz, wo wir spät abends unser Zelt aufschlugen.

Am nächsten Morgen hatten wir mit heftigem Wind zu kämpfen. Die ersten 10 km waren vermutlich die langsamsten ebenen Kilometer der ganzen Tour. Glücklicherweise knickte die Route irgendwann nach rechts ab, allerdings hatten wir immer noch starken Seitenwind. Unser Gepäck ist leider nicht nur zusätzliches Gewicht, sondern vergrößert die Querschnittsfläche unseres Fahrzeugs enorm, was man bei Wind deutlich merkt. Besonders fies sind dabei Überholvorgänge von LKWs, bei denen man wirklich aufpassen muss, dass man nicht vom Fahrrad fliegt. Etwas entkräftet erreichten wir die Grenze zu Lettland - immerhin schon das siebte Land der Tour. Hungrig ging es in den ersten Supermarkt 50m hinter der Grenze, was mal wieder dazu führte, dass wir etwas zu ordentlich zulangten. Mit unserer Beute machten wir es uns auf der Flucht vor dem Wind in der Bushaltestelle gemütlich.

Gegen Nachmittag drehte der Wind glücklicherweise ein wenig und so konnten wir teilweise sogar mit Rückenwind gut vorankommen. Wir machten noch eine Pause in einer urigen Kneipe. Das Bier war fantastisch, der Kaffee eher schwer zu genießen. Der Plan war nun morgen den Tag in Riga zu verbringen und deshalb heute noch etwas näher an die Großstadt heranzufahren. So machten wir noch einige Kilometer auf der sehr dicht befahrenen Straße und fanden schließlich etwas abseits im Ort Baldone einen witzig geformten Bushaltestellen-Pilz. Jared kochte fantastische Bratkartoffeln. Ein Festschmaus, den wir uns aufgrund der Gas-intensiven Zubereitung, nicht so oft gönnen.

Ein kleines Stück weiter gab es einen großen Park mit einer Freiluftbühne, die via Google Maps als perfektes Nachtlager auserkoren wurde. Leider war das Gelände abgesperrt. Wir fanden aber angrenzend eine große leere Festivalwiese. Wir fuhren den Hang runter, wo wir etwas Windgeschützt unser Zelt aufschlagen konnten. Inzwischen hatte ich an der Tanke eine neue lettische SIM-Karte besorgt. So konnten wir uns eingekuschelt im Zelt noch die Olympiahighlights des Tages gönnen. Mit Vorfreude auf Riga schlummerten wir schließlich friedlich ein.

von Vincent Kliem
am 27.07.2021
Start
Kaunas
🇱🇹 Litauen
Ziel
Ukmerge
🇱🇹 Litauen
Strecke
84,21
km

Wie gewöhnlich, wenn wir mal ein festes Dach über dem Kopf haben, reizten wir die Check-Out-Zeit bis auf die letzte Minute aus und radelten aus der Kulturhauptstadt Kaunas in Richtung Ukmerge raus. Wir versuchten die vermeintlichen Vorzüge der Zivilisation zu nutzen, um an einen Corona-Test zu kommen. Haben wir in Berlin noch darüber schmunzeln müssen, dass jeder Dönerladen, Antiquitätenhändler, Puff oder auch ein Lastenrad ein Testangebot hat, merkten wir, dass das in Litauen nicht ganz so einfach ist. Sowohl an der Touristeninfo als auch bei einem Testzentrum selbst, konnte man uns „so kurzfristig“ nicht weiterhelfen. Nachdem wir mit der offiziellen Hotline telefoniert hatten realisierten wir, dass es an diesem Tag nichts mehr mit einem Test wird. Etwas ernüchtert fuhren wir in Richtung Ukmerge. Leider gibt es in Litauen kaum Fernradwege und so hatten wir nach längerer Recherche online eine Navigationsroute von Vilnius nach Riga gefunden. Auf diese Route wollten wir bei Ukmerge stoßen. Auf dem Weg dorthin musste improvisiert werden. Wir schoben unsere Räder über sandige Waldwege, fuhren ein Stück Autobahn und mussten uns bei einer Brücke auf dem Gelände einer Kiesgrube dünn machen, bevor wir die vollbepackten Räder auch noch über eine Autoschranke heben mussten. Zwischendrin waren wir froh, als wir einen netten Rastplatz in einem Waldstück fanden mit sehr netten Holzskulpturen. Die Pause versüßten wir uns mit dem Olympialivestream, was mit unserer neuen tollen SIM-Karte überall möglich ist.

Unser Schlafplatz am See

Gestärkt durch unsere tägliche Dosis Käsebrote ging es weiter über fragwürdige Straßen. Gegen Abend - wir waren gerade Kilometerlang auf einer Schotterpiste geradelt und jubelten über die frisch asphaltierte Straße - bemerkten wir hinter uns ein Unwetter heranziehen. Wir hatten gerade noch genug Zeit unsere Regensachen aus den Taschen zu kramen und uns abzudichten, da ergoss sich über uns schon ein Wasserfall biblischen Ausmaßes. Zum Glück dauerte es nur wenige Minuten und so fanden wir kurze Zeit später einen kleinen See etwas abseits der Route auf der Karte, den wir für ein Nachtlager ansteuern wollten und tatsächlich kamen wir an einem schönen kleinen Badesee raus. Neben vereinzelten Badegästen trafen wir auch zwei Angler an. Obwohl dies einer von hunderten kleinen Seen in dieser eher dünn besiedelten Region war, wunderte es uns nichtmehr, dass wir hier auf Angler stießen, denn folgendes haben wir auf unserer Reise bisher über den Angelsport gelernt:

  1. Egal wie abgelegen der Strand, die Küste oder das Ufer, egal wie klein, groß, reißend, ruhig, salzig oder süß das Gewässer, man findet Angler überall.
  2. Nachtruhe? Brütende Mittagshitze? Regenwetter? Egal! Geangelt wird zu jeder Zeit und zu allen Konditionen, sodass man auch mal nachts um 1 im Zelt wach wird, wenn die Angler kommen.
  3. Hat jemals schonmal irgendwer, irgendwo auch nur einen Fisch gefangen? Wir haben das zumindest noch nie beobachtet! ;-)

Wir sind natürlich trotzdem sehr beeindruckt von der Ruhe und Gelassenheit dieser netten Kollegen.

Wir hängten unsere Sachen zum trocknen auf und gingen - träumend von besseren Straßen - schlafen.

Am nächsten Morgen, die Angeln waren natürlich schon wieder ausgeworfen, stießen wir recht bald auf die recherchierte Route. Es war zwar kein Fernradweg im engeren Sinne, aber die Route versprach der Beschreibung nach zumindest „direkt“ und auf Asphalt zu verlaufen. Trotzdem waren die Straßen hinter Ukmerge zunächst recht stark befahren. Wie so oft in den letzten Tagen blieb uns aber keine andere Wahl, denn die Ausweichroute führte über unzumutbares Pflaster. Der Straßenlärm und die Monotonie versuchten wir uns mit Podcasts auf einem Ohr etwas erträglicher zu machen. Kurz vor Anyksciai versuchten wir trotzdem nochmal auf eigene Faust der Straße auszuweichen. Leider verwandelte sich der solide Schotterweg in einen erdig-sandigen Waldweg. Den geneigten Leser*innen werden vielleicht noch die größten Fehleinschätzungen von Jared, Katha und mir bekannt vorkommen. Auf dem Waldweg kam es dann tatsächlich auch mal zu einer eklatanten Fehleinschätzung von Moritz‘s Seite. Glücklicherweise konnten wir diese bequem aus dem Trockenen heraus fotografisch dokumentieren:

Moritz Spannenkrebs: „Da kann man durchfahren“

In Anyksciai fanden wir eine nette kleine Bar. Manche von uns nutzten die Pause, um bei einem Kaffee oder Bier etwas zu entspannen, wiederum andere waren einfach nur froh, ihre Schuhe trocknen zu können…

Ich freute mich besonders über das Klavier in der Bar, auf dem ich eine Runde spielen durfte - das fehlt mir wirklich enorm, unsere Miniklampfe in allen Ehren.

Hinter Anyksciai verbesserten sich die Straßen deutlich und der Verkehr nahm ab. Wir fanden wieder einen See, den wir ansteuern wollten. Dass wir mit der Idee nicht alleine waren bemerkten wir, als am Ufer ein Reisebus parkte und etwa 50 Jugendliche in einer Art Ferienlager herumtobten. Wir durften trotzdem bleiben und bekamen sogar die Feuerstelle mit Holz. Nach einer kurzen Stärkung drehten wir ein kleines Video für die deutsche Krebshilfe und Zukunft für Ugandas Kinder.

von Moritz Spannenkrebs
am 26.07.2021
Start
Veiveriai
🇱🇹 Litauen
Ziel
Kaunas
🇱🇹 Litauen
Strecke
30,84
km

Mit der ersten deutschen Olympiamedaille im Rücken radelten wir top motiviert los. Etwa 10 Meter weit - bis uns klar wurde, dass wir nach wie vor in den unendlichen Weiten litauischer Sandwege steckten. Also kämpften wir uns langsam aber sicher über das Geröll und konzentrierten uns darauf, die am besten verdichtete Route zu finden. Nur nicht einsinken!

Unser erstes Ziel in Litauen sollte Kaunas sein, was etwa 100 Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Dementsprechend wollten wir heute möglichst nah an die Stadt ran, so dass wir am nächsten Tag dort Wäsche waschen und einige Stunden zur Stadtbesichtigung nutzen könnten. Leider verbesserten sich die Straßenverhältnisse den ganzen Tag über nicht wirklich. Wir hatten immer die Wahl zwischen asphaltierten aber stark befahrenen Autobahnen und den Schotter- und Sandpisten, die einen auf Dauer wahnsinnig machen.

In einem kleinen Dorf gingen wir einkaufen und konnten unsere ersten Versuche machen, uns auf Litauisch zu verständigen. Tatsächlich wurde ich meist nur seltsam angeschaut, wenn ich jemanden mit „Laba diena“ begrüßte und wechselte jedesmal schnell verlegen zu Englisch und schließlich zu wilder Zeichensprache. In dem kleinen Laden gab es eine exquisite Auswahl an Dosenfleisch, Dosenwurst und Dosenfisch. Zutaten für eine Tomatensoße oder einen Nudelsalat konnten wir dagegen nirgends finden, also entschieden wir uns mal wieder für das gute alte Käsebrot.

Die Sonne brutzelte bereits ordentlich und ich war mal wieder froh, die 50er Sonnencreme eingepackt zu haben. Unsere Mittagspause verbrachten wir auf dem Grundstück einer kleinen Ferienanlage, deren Besitzer uns auf der Bank essen und Kaffee kochen lies. Hinterher ging es weiter durch die Hitze. Jared schützte seinen Kopf mal wieder mit seinem schicken Sonnenhut, während ich auf mein Handtuch zurückgreifen musste. Unter den Helm geklemmt, waren damit mein Kopf, Nacken und meine Schultern hervorragend geschützt!

Bei den anstrengenden Straßen- und Wetterbedingungen waren wir gegen Abend bereits relativ früh platt. Glücklicherweise fanden wir einen super Platz an einem kleinen See, wo es sich noch die eine oder andere Abendstunde aushalten ließ. Wir nutzten den schönen Spot unter anderen zum schwimmen und für ein paar Runden Discgolf auf Strommasten. Wir waren mittlerweile deutlich besser in der Risikovermeidung und mussten die Frisbee nur zehn Minuten im hohen Gras suchen, mit gemeinsamer Anstrengung aus dem Sumpf fischen und zwischen den Ären eines Weizenfelds ausfindig machen. Außerdem konnte ich nur knapp verhindern, dass die Motorhaube eines angrenzend parkenden 3er BMW zerbeult wird. Naja, wir arbeiten weiter daran!

Am nächsten Morgen brauchten wir mal wieder eine Weile, um in die Gänge zu kommen. Dafür waren wir top motiviert die große Straße möglichst schnell hinter uns zu bringen und nach Kaunas einzufahren. Nach etwa 20 Kilometern passierten wir das Ortsschild, mussten aber trotzdem noch gute 10 km weiter fahren, um die Innenstadt zu erreichen. Für seine Größe ist Kaunas wirklich ausgedehnt, was auch daran liegt, dass es keine richtige Kernstadt mit hohen Häusern gibt.

Dafür gibt es aber eine sehr schöne Altstadt, welche sich durch enge Gassen und einen ganz speziellen Charme auszeichnet. Viele der Häuser sind zwar in eher desolatem Zustand und auch die Straßen und Wege machen nicht gerade den neusten Eindruck. Doch genau dadurch kommt die besondere Stimmung zustande. Auf dem Markplatz lernten wir, dass Kaunas für 2022 zur Kulturhauptstadt der EU gewählt wurde. Als Vorbereitung darauf gab es viele Baustellen, wovon leider auch die „Vilnius gatvė“, so etwas wie die Champs-Élysées von Kaunas, betroffen war.

Während Jared im Waschsalon war und unser Gepäck bewachte, machten Vincent und ich einen Ausflug zum „Army Shop“, wo wir Kartuschen für unseren Kocher kaufen wollten. Schon bei der Anfahrt an das Gebäude fühlten wir uns unwillkürlich in ein Videospiel versetzt. Wir überlegten uns noch kurz, ob dieses Gebäude möglicherweise nur für Mitglieder lokaler Milizen zugänglich war. Schließlich fassten wir unseren Mut und gingen hinein. Tatsächlich gab es in diesem Laden alles, was sich ein Mafiaboss für einen ausgewachsenen Bandenkrieg wünschen könnte. Während wir noch die Panzergarage suchten, entdeckten wir die Schraubkartuschen. Also ließen wir sämtliche Schusswaffen, Armbrüste und Messer links liegen und bezahlten schnell.

Unser nächster Stop sollte die Filiale eines litauischen Mobilfunkanbieters sein. Tatsächlich stellte sich das Gebäude eher als die Konzernzentrale des selben heraus.

Vincent ließ sich davon nicht irritieren und ging mutig in das große Gebäude hinein, während ich im Schatten auf die Räder aufpasste. Nach etwa 10 Minuten kam Vincent zu meiner Überraschung mit einer neuen Simkarte und breitem Grinsen im Gesicht zurück und begann sofort, sein Handy umzurüsten. Tatsächlich hatten wir nun für gerade mal 2,50 Euro eine komplett Flatrate innerhalb von Litauen. So viel zur Digitalisierung in anderen europäischen Staaten…

Mit frischen Kartuschen, frischer Wäsche und frischem Internet bewaffnet, radelten wir zu unserem Nachtquartier. Dieses war eine Pilgerherberge und lag so schön, wie man es sich nur wünschen konnte. Direkt zwischen dem alten Schloss und dem Unabhängigkeitsplatz befand sich das schöne alte Eckgebäude. Für alle, die einfach und günstig übernachten wollen eine absolute Empfehlung!

Jared nutzte das gemütliche Bett zur Entspannung, während Vincent und ich eine Tour durch die Stadt machten. In der Touristeninformation wurde uns unter anderem ein Gebäudeinnenhof empfohlen, welcher einem Anwohner als Straßenkunst-Atelier diente. Der Weg dahin zog sich quer durch die Altstadt, wo sich ein Fotomotiv nach dem anderen bot. Der Innenhof selbst war umringt von Gebäuden, welche vor dem zweiten Weltkrieg noch von jüdischen Familien bewohnt waren. Der Künstler hatte viele Bilder der ehemaligen Bewohner in seine Kunstwerke einfließen lassen. Insgesamt erinnerte der Hof an eine etwas wildere und heruntergekommenere Version der Kunsthofpassage in Dresden. Besonders auffällig war, dass auch in diesem recht linken Millieu eine litauische Flagge zu finden war. Wir grübelten noch eine ganze Weile, wie wohl in so einem kleinen Land das Verhältnis zum Nationalstaat war.

Beim Rückweg zur Herberge fanden wir eine kleine Bar für Craft-Beer (How Doc). Dort trafen wir uns wieder mit Jared und genossen sehr leckere Ziegenkäse-Burger mit Rucola und Honig. Dazu probierten wir uns quer durch die Bier-Auswahl und waren beeindruckt vom Fachwissen der Wirtin. Total überfordert von den Fachtermini der unterschiedlichen Aromen, bestellte ich letzten Endes irgendetwas und bekam ein leckeres Bier.

Den Abend ließen Jared und Vincent in unserem Zimmer mit den Olympischen Spielen ausklingen. Ich machte noch einen längeren Spaziergang während ich telefonierte und erfreute mich nochmals an der schönen Altstadt von Kaunas.

Am nächsten Morgen nutzten wir noch den kleinen Speisesaal mit Küche zum Frühstück und machten uns auf den Weg in Richtung Ukmergė.