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von Vincent Kliem
am 24.07.2021
Start
Jablonskie
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
Papiliakaniai
đŸ‡±đŸ‡č Litauen
Strecke
74,81
km

Nach den letzten zwei Tagen brummte uns gehörig der SchĂ€del vom reichhaltigen kulturellen Input und vom Entziffern von hunderten alten Dokumenten. Deshalb sollen die nĂ€chsten Tage vornehmlich unsere Beine beansprucht werden. Im Hinblick auf unser Ziel Tallin hieß es wieder ordentlich Strecke zu machen.

Nach MĂŒsli und Kaffee in unserer kleinen HĂŒtten ging es ab auf die RĂ€der und weiter am Green Velo entlang. Der Green Velo ist wirklich die ideale Möglichkeit um EU-Skeptikern zu zeigen, fĂŒr welche genialen Zwecke EU-Gelder eingesetzt werden. Der Green Velo fĂŒhrt ĂŒber Feldwege und asphaltierte Straßen durch WĂ€lder und Wiesen. Wir fuhren durch immer weniger dicht besiedelte Gebiete und so konnten wir uns von den Reizen der letzten Tage gut erholen.

Mittags machten wir Pause an einem kleinen See. Nachdem wir die FahrrĂ€der und uns geputzt hatten, entdeckten wir beim Baden einige schöne Fische im Wasser. Es machte sich bezahlt, dass ich meine 2,99€-Billo-Chlorbrille, die ich in Passau gekauft hatte, um ein paar Bahnen im Freibad zu schwimmen, seit fast 2000km mit mir rumschleppe. Bewaffnet mit Brille und GoPro versuchten wir uns mit den Flussbarschen anzufreunden.

Das Highlight des Green Velos sind die sogenannten MORs, wobei wir immer noch keine Idee haben, wofĂŒr diese AbkĂŒrzung steht. Uns war schon öfters auf den Radschildern diese AbkĂŒrzung aufgefallen. Wir brauchten aber zwei Tage, um die grandiosen (meist ĂŒberdachten) PausenhĂŒtten, mit den Schildern in Verbindung zu bringen. Ein Standard MOR ist ausgestattet mit einer ĂŒberdachten Bank, FahrradstĂ€ndern und einem (meist gut benutzbaren) Plumpsklo. Oft findet man auch einen kleinen Flecken grĂŒn fĂŒr ein Zelt.

So freuten wir uns in den Abendstunden sehr, als ein Schild den nĂ€chsten MOR in Aussicht stellte. Wir hatten uns mit allen Zutaten fĂŒr ein Risotto bewaffnet und wollten am MOR kochen und nĂ€chtigen. Leider machte uns die ansĂ€ssige Dorfjugend, die die VorzĂŒge eines MOR wohl auch zu schĂ€tzen gelernt hatten, einen Strich durch die Rechnung. In der Hoffnung, dass in den spĂ€teren Stunden noch ein wenig Nachtruhe einkehren möge, fingen wir an zu kochen und kamen (mit Hilfe von Google Translate) mit den jungen Polen ins (Schreib-)gesprĂ€ch.

Gut genÀhrt machten wir uns (bereits im Dunkeln) auf die Suche nach einem ruhigen Schlafplatz. Und der Green Velo gab uns mehr als das:

Premium-MOR

Da es schon relativ spĂ€t war, hatten wir die abendliche MĂŒckenflut (meist gegen 21 Uhr) schon hinter uns und konnten ohne Zelt unter dem gigantischen Dach schlafen. Jeder vernĂŒnftige Mensch wĂŒrde sich wahrscheinlich ĂŒber die netten Blumen, die Tischdecke oder die Feuerstelle freuen. Wir eskalierten aber völlig als wir die zwei Steckdosen in der Ecke entdeckten. Sofort wurde nach empfohlener Priorisierung der stĂ€ndigen Ladekommission (Jared) geladen. PrioritĂ€t 1: Powerbank und iPad, PrioritĂ€t 2: Drohnenakkus. Am Morgen wurde die Priorisierung aufgehoben und es durften sogar Handys laden, die nicht dem Navigationszweck dienen.

Monument am DreilÀndereck

Nach dem FrĂŒhstĂŒck ging es weiter in Richtung litauischer Grenze. Bevor wir die Grenze ĂŒberquerten machten wir einen kleinen Abstecher zum DreilĂ€ndereck: Russland-Polen-Litauen. Nachdem wir die letzten Tage das Gebiet um Kaliningrad umfahren mussten, waren wir schon von der russischen Einreisepolitik latent genervt. Aber hier setzte Russland auf absurde Weise noch einen drauf:

Am DreilĂ€ndereck gibt es ein kleines Monument, um das man eigentlich herumlaufen kann und dabei durch drei LĂ€nder lĂ€uft. Das russische Viertel war allerdings eingezĂ€unt. Hinter dem Monument zog sich ein mehrfach gesicherter und Kamera ĂŒberwachter Grenzstreifen durch die Landschaft inklusive Foto-Verbotsschilder. Wir kamen mit einem netten Polen ins GesprĂ€ch, der uns erzĂ€hlte, dass die ZĂ€une am Monument erst vor einigen Jahren errichtet wurden. Es wurden wohl schon ĂŒbereifrige Touristen, die sich auf die andere Seite wagten, aufgegriffen und zu einer Geldstrafe von etwa 500€ verdonnert. Wir ließen es uns trotzdem nicht nehmen einen Schritt ĂŒber die Grenze zu wagen. Wie befremdlich
 Naja, die EU (und der Schengenraum) sind doch wirklich was ganz feines.

Zelt mit morgendlichem Sonnenschutz

Wir fuhren auf polnischer Seite noch ein StĂŒckchen weiter. Bei einer Einkaufspause trafen wir eine ganzes Feld von Gravelbike-Fahrern, die augenscheinlich an einem Rennen teilnahmen. Aus dem Erschöpfungszustand der Fahrer und der QualitĂ€t der AusrĂŒstung folgerten wir, dass das Rennen nicht ganz ohne sein muss und tatsĂ€chlich recherchierten wir, dass es sich hierbei um ein Crosscountryrennen ĂŒber 200km/500km handelt. Im GesprĂ€ch erfuhr Jared, dass einige der Fahrer garnicht schlafen, andere wiederum hatten auch ein Zelt dabei. Auf jeden Fall ist die knapp bemessene Karenzzeit von 72h einzuhalten. Wie wir da wohl mit unseren bepackten Eseln so performen wĂŒrden?

Dass wir irgendwann in Litauen waren, merkten wir nur beim Blick auf die Karte und auf die Uhr (+1 Stunde).

Nach einigen Kilometern Feldweg kamen wir in den ersten kleineren Ort. Hier machte sich der Unterschied zu Polen doch deutlich, da das Dorf fast nur aus HolzhĂ€usern bestand. Leider wurde hinter dem Ort die Straße katastrophal schlecht, so dass wir bald unser Nachtlager an einem Feldrand aufschlugen. Zum Abendessen gab es Fallafeln mit Reis und selbst gebackenem Brot. Mit vollen BĂ€uchen ging es ins Zelt fĂŒr unsere erste Nacht in Litauen.

Am Morgen gönnten wir uns eine Runde Olympia auf dem Acker. Dank 4G und iPad konnten wir mitten in der Pampa voller Enthusiasmus die erste deutsche Medaille im 3-Meter-Synchronspringen verfolgen.

von Moritz Spannenkrebs
am 22.07.2021
Start
Lidzbark Warminski
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
Barciany
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Strecke
85,41
km

Nachdem wir gestern in Pieniezno (alias Mehlsack) zwar jede Menge Hinweise auf Jareds Ahnen, allerdings keine auf die meinen gefunden hatten, ging es heute nach Lidzbark Warminski (ehemals Heilsberg). Vincents Mama hatte ĂŒber ihre geheimen Quellen (wir tippen auf die polnische Mafia) eine Geburtsurkunde meines Opas ausgegraben, die dort ausgestellt wurde. Als Wohnort wurde das kleine Dorf Nowosady (ehemals Wosseden) in fĂŒnf Kilometern Entfernung angegeben.

In Lidzbark angekommen, fanden wir schnell einen schönen Platz am Fluss. Ähnlich eines Green Velo Stops, waren zwei schöne Holzpavillons mit BĂ€nken und Tischen aufgebaut, sodass wir die perfekte Infrastruktur zum Kochen hatten. WĂ€hrend ich noch mit meinem Papa telefonierte, in der Hoffnung auf letzte Hinweise auf den alten Hof meines Uropas, lernte Vincent einen jungen Mann kennen. Er stellte sich als Mariusz vor und war hier in Lidzbark geboren und aufgewachsen. Eigentlich wohnte er mittlerweile in Warschau, doch wegen Corona war er im Homeoffice und konnte deshalb hier bei seinen Eltern wohnen. Als wir ihm erzĂ€hlten, dass wir wohl nur diese Nacht in der Stadt sein wĂŒrden und morgen direkt weiter fahren wollten, versuchte er uns schnell umzustimmen. Lidzbark sei viel zu schön und habe viel zu viel spannende polnisch-deutsche Geschichte zu bieten, um sich nicht damit zu beschĂ€ftigen. Wie sich herausstellte, war er in einem lokalen Geschichtsverein und kannte sich dementsprechend hervorragend aus. Da wir noch essen und ein paar Telefonate fĂŒhren wollten, verabredeten wir uns auf 22:00. Der erste Stop sollte ein alter Friedhof sein... mitten in der Nacht! Den Weg dorthin legten wir mit unseren RĂ€dern und er mit seinem beeindruckend schnellen Klapp-E-Bike zurĂŒck. Vor allem Berg auf zog er uns damit ordentlich davon!

Den Eingang zum Friedhof bildete ein schönes, altes Tor mit der Aufschrift „Vater in deine HĂ€nde empfehle ich meinen Geist!“ - laut Bibel Jesu letzte Worte. Der Friedhof war tatsĂ€chlich noch aus deutschen Zeiten und die Inschrift nicht ersetzt, sondern nur nachtrĂ€glich um die polnische Übersetzung ergĂ€nzt worden. Unser privater Guide fĂŒhrte uns zum Grab des deutschen Flug-Pioniers „Ferdinand Schulz“. Dieser war im damaligen Ostpreußen geboren und stellte zwischen 1924 und 1928 allerhand aberwitzige Weltrekorde im Segelfliegen auf. Beispielsweise segelte er in seinem selbstgebauten Flugzeug „Moritz“ 12 Stunden am StĂŒck und kam auf eine Höhe von 435 Metern. Leider stĂŒrzte der „Ikarus von Ostpreußen“ bei einem seiner wagemutigen FlĂŒgen auf dem Marktplatz von Stuhm ab.

Flugpionier Ferdinand Schulz. Quelle: wikipedia

Auf der Suche nach weiterer polnisch-deutscher Geschichte, zeigte uns Mariusz erst den, wie er es beschrieb, Lustgarten des damaligen Bischofs und spĂ€ter die zugehörige Bischofskirche. An allen Ecken und Enden fanden sich alte, oftmals partiell ĂŒbermalte deutsche SchriftzĂŒge, die an die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg erinnerten. Den Höhepunkt der nĂ€chtlichen Tour bildete die Burg Heilsberg, welche mittlerweile als Museum dient. In dieser hatten nicht nur viele Bischöfe gewohnt, sondern auch Nikolaus Kopernikus sechs Jahre lang als Arzt gearbeitet. Dieser entwarf einige Jahre spĂ€ter das erste heliozentrische Weltbild, hatte also erklĂ€rt, dass sich die Erde um die Sonne drehe.

Die gesamte Festungsanlage der Burg blieb als eines von wenigen GebĂ€uden der Stadt vor den BrĂ€nden nach dem zweiten Weltkrieg verschont. Witzig war, dass der Burghof eigentlich nachts geschlossen war, aber Mariusz wusste durch welche TĂŒre man ihn dennoch betreten konnte.

Im Burghof unterhielten wir uns eine ganze Weile und er erklĂ€rte uns, wie das polnisch-deutsche Zusammenleben nach dem zweiten Weltkrieg stattfand. Entgegen unserer Erwartung, hatten viele deutsche Familien die russische Übernahme ĂŒberstanden und wurden nicht sofort vertrieben. Sie lebten demnach noch einige Jahre in Heilsberg. Doch die Wut auf Deutschland nach dem Krieg verwandelte sich bei einigen polnischen Einwohnern in Hass und somit wurden nach und nach auch die letzten deutschen Familien gezwungen, ihre HĂ€user aufzugeben und in das heutige deutsche Staatsgebiet zu fliehen.

Als letzten Punkt der FĂŒhrung wurde uns ein alter evangelischer Friedhof gezeigt, welcher auch aus deutschen Zeiten stammte. Heute war nur mehr ein einziges Grab ĂŒbrig, der Rest war dem Erdboden gleichgemacht worden. Mariusz fand es schrecklich, dass ein solcher Ort derart verkommen lassen wurde.

Kurz nach zwölf war die FĂŒhrung zu Ende, doch Mariusz begleitete uns noch zu unserem Zeltplatz. TatsĂ€chlich wĂ€re es schade gewesen, die Stadt nicht kennenzulernen. Lidzbark Warminski war wirklich hĂŒbsch und hatte gescichtlich einiges zu bieten! WĂ€hrend wir schon unsere ZĂ€hne putzten, versprach er uns noch, uns eine deutsche Bierflasche aus den 1930ern zuzuschicken, sobald er wieder in Warschau sein wĂŒrde. Wir sind gespannt


Am nĂ€chsten Morgen fuhren wir in Richtung Nowosady. Zur Erinnerung: Hier hatten mein Uropa und meine Uroma einen Hof gehabt, wo auch mein Opa geboren war. Der Weg dahin machte uns schnell klar, dass es sich nicht gerade um eine Metropole handelte: Statt Teer, oder wenigstens Schotter gab es hier erneut nur Sandstraßen. Dies sollte aber gerade geĂ€ndert werden und dementsprechend rauschten stĂ€ndig LKWs an uns vorbei in Richtung Baustelle. Jedes mal wurden Unmengen Sand aufgewirbelt und man musste Mund und Augen schließen. Als wir gerade an einer besonders sandigen Passage waren und sich ein Lastwagen an uns vorbei zwĂ€ngte verlor Vincents Vorderrad den Grip, grub sich tief in den Sand und Fahrrad samt Fahrer stĂŒrzten. GlĂŒcklicherweise waren noch einige Meter Platz zum LKW und Vincent tat sich auch nicht weh. Lediglich sein Rennlenker nahm eine recht eigenartige Form an, was aber mit Werkzeug und FingerspitzengefĂŒhl wieder in Ordnung gebracht wurde.

Einige Sandkilometer weiter kamen wir in das kleine Dorf, bzw. eher in die lockere Ansammlung alter Höfe. Da wir keinen echten Anhaltspunkt hatten, wo genau der ehemalige Hof meiner Urgroßeltern sein könnte, bzw. ob dieser ĂŒberhaupt noch existierte, fotografierte ich einfach wild einige alt aussehende HĂ€user und Scheunen. In der Mitte des Dorfes stand eine kleine Kapelle, welche Vincents fachkundiger Blick als hinreichend alt klassifzierte. Leider war sie verschlossen und das einzige Grab im zugehörigen Garten trug auch keinen uns bekannten Namen.

Im ganzen Dorf sahen wir keine Menschen. Einzig an einem sehr alt aussehenden Hof trafen wir den Besitzer desselben, was sich als beinahe astronomischer Zufall herausstellen sollte. Zu unserer Überraschung sprach er einige Worte englisch (nach eigener Aussage als einziger im Dorf) und war durchaus interessiert an meiner Geschichte. Ich zeigte ihm eine alte deutsche Karte der Umgebung, die ich online gefunden hatte und er studierte sie fleißig. Leider half das nicht groß weiter und auch die Namen „Spannenkrebs“ und „Tresch“ (MĂ€dchenname meiner Urgroßmutter) sagten ihm nichts. Als wir schon am gehen waren, pfiff er uns zurĂŒck und wir traten etwas perplex heran. Zu unserem Erstaunen gab er uns zu verstehen, ihm zu folgen und erklĂ€rte mir, er habe ein Foto meines Vaters. Trotz der Gewissheit, dass mein Vater noch nie hier gewesen war, folgten wir brav und setzten uns zu seinem (sehr anhĂ€nglichen) Hund vors Haus. Unterdessen holte seine Frau ein altes Fotoalbum aus dem Haus und wir unterhielten uns. Ich erklĂ€rte ihm, dass mein Vater nie in Nowosady gewesen war, aber mein Großonkel mal nach dem alten Hof gesucht habe. Da ich diesen selbst nie kennengelernt hatte, konnte ich ihn auf den beiden Bildern die er uns zeigte auch nicht identifizieren. Er erklĂ€rte uns, der Besuch des Mannes (auf dem Foto ganz rechts) sei etwa zwanzig Jahre her und auch dieser habe nach dem alten Hof seiner Familie gesucht. Der Cowboy im Hintergrund des Bildes ist ĂŒbrigens eine jĂŒngere Version unseres Gastgebers. Ich konnte mir eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Opa durchaus einbilden und auch das Alter hĂ€tte bestens gepasst. Im Nachhinein konnte mein Vater die IdentitĂ€t nicht so ganz bestĂ€tigen, aber die Geschichte war einfach zu gut! Wir unterhielten uns noch ein wenig und fanden heraus, dass sein Vater ebenfalls im Krieg geflohen war. Allerdings von Ostpolen ins damalige Ostpreußen. Er selbst war hier im Hof aufgewachsen, was aber natĂŒrlich deutlich nach der Flucht meines Opas war. Dementsprechend wusste er auch nicht, welche GebĂ€ude noch aus deutschen Zeiten stammen konnten. DafĂŒr erzĂ€hlte er uns eine Geschichte vom Hof seines Bruders (einige hundert Meter weiter), bei dem angeblich irgendwann Hitler zu Besuch gewesen sei. Naja, wir konnten dieser ErzĂ€hlung in der vorgetragenen Sprache inhaltlich nicht so ganz folgen... Trotzdem glĂŒcklich ĂŒber dieses zufĂ€llige Treffen bedankten wir uns vielfach und verabschiedeten uns von seiner Frau und ihm. Er witzelte noch, in zwanzig Jahren wĂŒrde sicher wieder jemand aus meiner Familie vorbeikommen und wĂŒnschte uns bis dahin alles gute.

Da wir fĂŒr den Tag bereits genug erlebt, aber noch viel zu wenig Strecke hinter uns gebracht hatten, ging es nun weiter. Wir folgten wieder dem Green Velo, welcher uns auf gut befahrbaren Feldwegen und Straßen ohne Verkehr nach Osten fĂŒhrte. Unsere einzige lĂ€ngere Pause machten wir an einem Fahrrad-Rastplatz. Dort waren wir fasziniert von einem Paar Storche, die an ihrem Nest werkelten. Allgemein war die Menge dieser schönen Vögel in den letzten Tagen extrem hoch gewesen. In jedem Dorf fanden sich mehrere Storchennester und auf jedem Feld waren die Tiere zu sehen. Eine kurze Recherche ergab, dass Polen auch als „Land der Weißstorche“ bezeichnet wird. Etwa 25% der Weltpopulation an Weiß- bzw. Klapperstorchen sei hier zu finden. Ich versuchte natĂŒrlich, die Vögel zu fotografieren und nĂ€herte mich dabei so gut es ging ohne sie zu verscheuchen - im Nachhinein muss ich zugeben, dass die Aktion wohl etwas bescheuert aussah.

Zum Abend hin waren wir lang, sehr lang auf der Suche nach einem guten Zeltplatz. Nach den Erfahrungen der letzten Tage waren wir wohl auch etwas verwöhnt und wollten unbedingt eine Bank mit Tisch, aber bitte ohne viele MĂŒcken. Tja, wer so wĂ€hlerisch ist, muss es mit den Oberschenkeln bezahlen und so rollten wir weit ĂŒber die von uns angestrebten 75 km hinaus. Schließlich fanden wir allerdings eine standesgemĂ€ĂŸe Unterkunft im Park eines kleinen Dorfes, wo wir angenehm kochen konnten und schließlich einen gemĂŒtlichen Zeltplatz fĂŒr die Nacht hatten.

von Jared Faißt
am 21.07.2021
Start
Dabrowa
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
Lidzbark Warminski
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Strecke
64,95
km

Heute stand eine fĂŒr mich ganz besondere Etappe bevor, wir erreichten Pienieszno, oder wie es zu preußischen Zeiten hieß: Mehlsack. Dies ist der Geburtsort meines Großvaters Gerhard Wichert. Es lag tatsĂ€chlich erst etwa 10 Tage zurĂŒck, als wir zwischen Berlin und Anklam ein wenig ĂŒber die polnische Route nachdachten und Vincent mich dabei fragte, wo denn nochmal mein Opa herkĂ€me. Schließlich war es dort bereits ersichtlich, dass wir Kaliningrad umfahren mĂŒssen und daher auch noch andere Ziele in Polen ansteuern könnten. Als ich Mehlsack antwortete, war Moritz ganz baff, denn seine Großeltern kommen auch von dieser Gegend, was ein Zufall! WĂ€hrend wir also weiterradelten ließen wir noch einmal zuhause Informationen zusammensammeln und ĂŒbergaben sie Jolla (Vincents Mutter). Dank ihrer polnischen Muttersprache und Engagement konnte sie uns einen Kontakt im Standesamt in Mehlsack herstellen. Dort gibt es tatsĂ€chlich noch wenige BĂŒcher mit GeburtseintrĂ€gen aus dem Zeitraum 1920 - 1938.

Wir kontaktierten dann Frau Boncal und vereinbarten, dass wir um 13 Uhr vorbeikommen wĂŒrden. Sie spricht zu unserem GlĂŒck sogar wirklich gutes Deutsch, sie hatte ein paar Jahre in Aachen gelebt und studiert. Wir ließen den Vormittag gemĂŒtlich angehen und genossen den sehr wild belassenen Campingplatz. Wir waren nur noch 20km von Mehlsack entfernt und so ließ ich die Gedanken etwas schweifen
 ob wohl Uroma Hedwig und Uropa Andreas auch AusflĂŒge hierher gemacht haben? Das werde ich zwar leider nicht mehr herausfinden, aber vielleicht finden wir ja noch andere Informationen. Zuerst zur Übersicht hier meine Situation und die Charaktere, um die es geht:

  • Uropa Andreas Wichert, geboren 1920, verstorben 1942 im Krieg (1. Bild)
  • Uroma Hedwig Reiß, geboren 1920 in Peterswalde nahe Mehlsack (2. Bild links)
    • Hatte noch viele weitere Geschwister, unter anderm einen Paul, eine Agathe und Anna
 weiteres ist nicht bekannt, außer dass es eher viele sind.

Die beiden hatten dann 3 Kinder

  • Mein Opa Gerhard Wichert, geboren 1941 in Mehlsack, verstorben 2011 in Waldmössingen (3. Bild ganz rechts)
  • Bruder meines Opas Bernhard Reiß, geboren 1936 in Mehlsack, verstorben in Waldmössingen
  • Opas Schwester Helga,, 1942 geboren aber frĂŒh verstorben

Meine Hoffnung war in erster Hinsicht Wichert oder Reiß ĂŒberhaupt zu finden und wenn möglich dies auch noch zu meinem Stammbaum verknĂŒpfen. Wir freuten uns aber hauptsĂ€chlich ĂŒberhaupt mal in solche Akten einsehen zu können. Und so wurden wir dann von Frau Boncal wie vereinbart empfangen und sie gab uns 9 BĂŒcher heraus, die noch in Mehlsack verblieben sind. Sie sagte, der Rest sei entweder im Krieg verbrannt worden oder befindet sich auch zum Teil in einer zentralen Aktensammlung. Wir bekamen zuerst das Buch der GeburteneintrĂ€ge von 1920. Das Alter war diesem StĂŒck gut anzusehen, aber die Schrift war meist sehr gut erhalten, wenn auch sauschwer zu entziffern. Diese Schriftart ist uns leider nicht allzu gelĂ€ufig und so hatten wir gut zu kĂ€mpfen, die Namen, Berufe und Daten ausfindig zu machen. Wir mussten aber garnicht lange suchen da kam schon der erste Wichert.

Und zwar war wohl zu dieser Zeit ein Wichert im Rathaus tĂ€tig, der öfter die EintrĂ€ge ĂŒbernahm, aber stĂ€ndig unterzeichnete mit: ‚In Vertretung: Wichert‘. Die Schrift war Ă€hnlich wie bei mir sehr lausig, aber sonstige genetischen Übereinstimmungen ließen sich hier nicht weiter ausfindig machen. Es dauerte ebenfalls nicht lange, da kamen auch die ersten Wicherts und Reiß‘ auf die Welt. Da es sich um das Jahr 1920 handelte, konnte maximal Hedwig infrage kommen, jedoch war sie wie bereits erwĂ€hnt im Kreis Peterswalde auf die Welt gekommen. Sie hatte jedoch viele Geschwister. Aufmerksam wurde ich dann bei folgender Familie. Paul Reiß und Rosa Reiß hatten in den Jahren 1922, 1924, 1926 die Kinder Elfriede, Maria und Erna auf die Welt gebracht. Ob sie verwandt mit Hedwig sind, konnte ich leider bisher nicht klĂ€ren.

Der Hunger bestellt mit

Ein weiterer trauriger Aspekt der Akten waren auch die hĂ€ufig vermerkten Todesdaten der gefallen Soldaten, die in die Geburtsurkunde mit einem Hakenkreuzstempel versehen eingetragen waren. Dies war vor allem im Buch von 1920 und 1922 zu sehen, diese Mönner wurden also meist nicht Ă€lter als 22; eine schlimme Vorstellung. Nachdem wir die Öffnungszeit maximal ausgereizt haben und alle BĂŒcher durchgeschaut hatten verabschiedeten wir uns wieder von Frau Boncal und gingen auf Empfehlung in eine nahegelegene Pizzeria, wo wir mit zu viel Hunger im Bauch uns zu 2 ĂŒbergroßen Pizzen (50cm) und einer normalen Pizza (30cm) hinreißen ließen. Die Bedienung nahm die Bestellung zwar mit staunenden Augen entgegen, jedoch blieb tatsĂ€chlich von den Pizzen nichts ĂŒbrig. Wir waren dennoch maßlos ĂŒberfressen. Wir quĂ€lten uns dann noch einige Kilometer weiter Richtung Lidzbark Warminski (ehemals Heilsberg), wo wir weitere Spuren suchen wollen
 und zwar von Moritz (eigentlich Franz) Spannenkrebs.

von Moritz Spannenkrebs
am 20.07.2021
Start
Tujsk
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
Dabrowa
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Strecke
97,1
km

Mit leicht verdaulichen Nudeln und schwer verdaulicher Geschichte im Bauch verließen wir Danzig (bzw. GdaƄsk) wieder. Der nĂ€chste Fixpunkt auf unserer Tour sollte Pieniezno (ehemals Mehlsack) sein, wo Jared und ich Hinweise auf unsere Vorfahren suchen wollten. Bis dahin waren es ca 150 Kilometer, und wir wollten dementsprechend bis zum Abend des nĂ€chsten Tages ca 140 Kilometer zurĂŒcklegen, um dann vor Pieniezno zu ĂŒbernachten. Da es bereits spĂ€ter Nachmittag war, machten wir keine lĂ€ngere Pause mehr und versuchten so möglichst viele Kilometer hinter uns zu bringen.

Vincent schien sich dabei ungewohnt schwer zu tun - vermutlich hatte ihm die durchgelegene Hostel-Matratze nicht bekommen!? Die Straße fĂŒhrte uns entlang des Flusses Martwa Wisla, an dessen Ende wir die Weichsel per FĂ€hre ĂŒberquerten.

Auf der anderen Seite bot sich uns ein spannendes Naturschauspiel. Wir konnten beobachten, wie sich in den einige Kilometer entfernten Gewitterwolken zwei Wirbel bildeten und langsam aber sicher Richtung Boden wuchsen. Die Wirbel wurden so zu ausgewachsenen Wasserhosen, die ein paar Minuten umeinander tĂ€nzelten, bevor sich beide langsam auflösten. Leider waren wir zu fasziniert, um rechtzeitig die Kamera zu zĂŒcken und konnten die Tornados nicht in voller Pracht aufnehmen.

Nach etwa 40 gefahrenen Kilometern - Vincent hing nur noch angestrengt im Windschatten - erspĂ€hte Jared einen möglichen Schlafplatz. Am Rande eines kleinen Flusses, von GebĂŒsch wenigstens halbwegs bedeckt, war ein etwa zehn Meter langer und drei Meter breiter, schwimmender Steg. Unsere Schnellprognose stimmte uns optimistisch, hier unser Zelt irgendwie drauf zu bekommen. Unter normalen UmstĂ€nden hĂ€tte ich dafĂŒr plĂ€diert weiterzufahren. Zeitgleich untersuchte allerdings Vincent sein Hinterrad, um festzustellen, ob sich wieder Speichen gelöst hatten. TatsĂ€chlich wackelten einige Speichen nur noch lose herum. Allerdings nicht weil sie sich aus der Felge gelöst hatten, sondern weil sich die Felge AUFgelöst hatte. Bei acht Speichen hatte sich das Gewinde mitsamt einem StĂŒck Felge herausgerissen. Dementsprechend hatte sich das Rad in ein ungefĂ€hr rundes Vieleck verwandelt. Eine Weiterfahrt war also erstmal ausgeschlossen und so arrangierten wir uns mit dem Steg. Immerhin war wohl mit Vincents Fitness noch alles in Ordnung... Nachdem wir gekocht hatten, wurde das Zelt auf dem Steg aufgebaut. Mit guten zehn Zentimetern Platz zwischen Zeltwand und Wasser auf beiden Seiten war das ganze kein Problem! Zumindest fĂŒr mich, da ich ja in der Mitte schlafe.

Am nĂ€chsten Morgen hatte ich gerade FrĂŒhstĂŒck und Kaffee gekocht - Jared hatte sich schon zu mir gesellt, wĂ€hrend Vincent noch von einer neuen Felge trĂ€umte - da kam eine Gruppe von drei MĂ€nnern auf unseren Steg. Sie witzelten untereinander und hatten insgesamt eine geschĂ€ftige aber hervorragende Stimmung an den Tag gelegt. Bewaffnet mit Motorsensen und LaubgeblĂ€sen begannen sie sofort wild auf uns einzureden. Zwar war der Tonfall entspannt und fröhlich, aber wir begannen trotzdem etwas hektisch unser Zeug aus dem Weg zu rĂ€umen. Auch Vincent war plötzlich in der Vertikalen und verstaute bereits die SchlafsĂ€cke. Die MĂ€nner winkten nur ab, bedeuteten uns sitzen zu bleiben und (so die Vermutung) wĂŒnschten uns einen guten Appetit.

Nachdem wir schließlich zusammengepackt hatten, machten wir uns auf den Weg. NatĂŒrlich musste Vincents Hintervieleck möglichst entlastet werden und so ĂŒbernahm Jared die großen PacksĂ€cke und den Wasserbeutel und ich Vincents beide Hintertaschen und die Gitarre.

Dank Entlastung rollte alles einigermaßen und wir erreichten recht schnell das etwa 30 km entfernte Elblag. Dort suchten wir einige Zeit nach dem angestrebten Fahrradladen. Da sich die Suche durch ein spannendes Backstein-Industriegebiet zog, wo es so ziemlich jedes Handwerk zu finden gab, hatten wir aber auch daran unsere Freude. Als wir die Radwerkstatt schließlich fanden, waren wir direkt guter Dinge. An der Wand hingen einige dutzend LaufrĂ€der und so fand sich auch schnell ein passendes fĂŒr Vincents Drahtesel. Die beiden Mechaniker, beide etwa in unserem Alter, waren super hilfsbereit und kompetent. Einzig die Frau an der Kasse, möglicherweise die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin, war nicht so begeistert, wenn wir stĂ€ndig ihre Mechaniker beanspruchten.

Kurz nach uns traf eine junge deutsche Familie ein. Die Eltern waren mit ihren drei Söhnen (5, 3 und 1) einen Monat in Polen unterwegs. Dabei legte der Ă€lteste die gesamte Stecke selbst zurĂŒck, wĂ€hrend seine kleineren BrĂŒder mit Follow-Me bzw. Kindersitz vom Vater bewegt wurden. Wir waren wirklich beeindruckt wie entspannt und gelassen die BedĂŒrfnisse der drei Kinder wĂ€hrend der Fahrradreparatur bedient wurden. Ob wir wohl so entspannt wĂ€ren, die Tour mit drei kleinen Kindern durchzuziehen? Die RĂ€der der Eltern reprĂ€sentierten die CrĂšme de la CrĂšme der Fahrradschaltungen: Sie war mit einer Rohloff Nabenschaltung und er mit einer Pinion Getriebeschaltung unterwegs. Letztere ist optisch leicht mit dem Motor eines E-Bikes zu verwechseln, da sie direkt im Tretlager, also zwischen den Pedalen, angebracht ist und in Form einer kleinen Box im Rahmen steckt. Mit einem Preis von 1500 Euro allein fĂŒr die Schaltung findet man die Pinion P1.18 auch nur in High-End RĂ€dern.

Dementsprechend irritiert waren wir ĂŒber die teils fehlende Fachkenntnis der beiden, die an der einen oder anderen Stelle auffiel. WĂ€hrend Vincent sein neues Hinterrad zusammengeschraubt bekam, wollte ich noch schnell (!!) meine Kette wechseln, da die alte bereits ordentlich steif war. Aufgrund von VerstĂ€ndigungsproblemen, wurde mir erst eine komplett falsche Kette verkauft, die dementsprechend hin und her wackelte und bei jeder Pedalumdrehung durchrutschte. Etwas genervt suchte ich mir dann die Kette selbst aus und montierte sie fröhlich mit meinem Kettennieter. Guter Dinge setzte ich mich fĂŒr eine Proberunde auf den Sattel und RATSCH rutschte auch die neue Kette durch. Bereits etwas verzweifelt versicherte ich mich dreifach, ob es sich diesmal auch wirklich um die richtige Kette handelte. Der nĂ€chste Anhaltspunkt war die Kettenspannung, also wurden nochmal ein paar Kettenglieder entfernt, um die Feder des Kettenspanners stĂ€rker unter Zug zu setzen. Auch das brachte keine wesentliche Verbesserung und somit wuchs meine Frustration weiter an. Auch die Mittagssonne, welche auf unsere Köpfe knallte trug nicht gerade zur Entspannung bei. Vincent war in der Zwischenzeit einkaufen gegangen und er und Jared hatten bereits gegessen. Unsere Radlerkollegen hatten alle Reparaturen erledigt und die drei Jungs wurden lĂ€ngst ungeduldig. Nachdem die Ölschicht auf meinen HĂ€nden vom vielen rumwerkeln deckend war, beschloss ich doch noch einmal einen der beiden Mechaniker um Rat zu fragen. Der identifizierte das Problem schnell: einige Kettenglieder der neuen Kette waren steif. Leider stellte sich die Behebung des Problems als deutlich komplizierter heraus als die Diagnose. Gemeinsam werkelten er und ich eine weitere halbe Stunde und drei Kettenschlösser lang an der Kette herum. Die junge Familie war mittlerweile weitergezogen und Jared und Vincent hatten Reparaturzeug fĂŒr die Solarplatte in einem nahegelegenen Baumarkt besorgt. Nach locker zwei Stunden lief die Kette wieder flĂŒssig und mein Rad rollte wie neu. Vielleicht war es mit meiner eigenen Fachkenntnis auch nicht so weit her, wie ich mir eingebildet hatte...

WĂ€hrend unserer ReparaturgesprĂ€che empfahlen uns die beiden jungen Eltern den „Green Velo“, welcher ziemlich genau zu unserer Streckenplanung passte und außerdem eine tolle Infrastruktur mit sich bringe.

Gesagt, getan! Wir folgten den netten Schildern mit bunten Kettengliedern in Richtung Pieniezno. TatsĂ€chlich waren etwa alle 15 Kilometer klasse RastplĂ€tze mit BĂ€nken und Tischen unter schönen HolzdĂ€chern gemeinsam mit MĂŒlleimern und jeweils einer Toilette vorhanden. Die Ausschilderung war auch sehr gut und der Weg so gewĂ€hlt, dass von Autos befahrene Straßen möglichst gemieden wurden. FĂŒr eine Familie war das perfekt, aber fĂŒr uns waren StreckenfĂŒhrung und Belag an diesem Tag zu langsam, da wir bis Abend nahe an Pieniezno sein wollten.

Dementsprechend fuhren wir viel auf der Landstraße und schafften trotz langer Wartungspause gute 90 Kilometer. FĂŒr die nĂ€chsten Tage nahmen wir uns vor, dem ausgeschilderten Weg mehr zu folgen. Nach unserem Abendessen an einer Bushaltestelle, rollten wir an einen See, wo wir einen minimalistischen, sehr natĂŒrlichen Campingplatz fanden. Beim Betreten desselben kam uns direkt ein großer, bulliger Hund entgegen, der wild bellte und die ZĂ€hne fletschte. GlĂŒcklicherweise kam uns schnell sein Herrchen, der Platzwart, zur Hilfe und rettete uns aus der Situation. FĂŒr die Nacht mit dem Zelt verlangte er einen lĂ€cherlich geringen Betrag und erklĂ€rte uns sogar noch, welches Holz wir fĂŒr ein Lagerfeuer nutzen konnten. Wir ließen den Abend also mit Schwimmen und Gitarre spielen am Lagerfeuer ausklingen und gingen anschließend vom GlĂŒck beseelt ins Zelt.

von Vincent Kliem
am 18.07.2021
Start
Zarnowiec
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
GdaƄsk
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Strecke
80,88
km

Nachdem wir es uns in unserem Hostel La Guitarra gemĂŒtlich gemacht haben - unser Zimmer hieß ĂŒbrigens Keith Richards, nicht die schlechteste Wahl - und die nötigen hygienischen Maßnahmen ergriffen hatten, um uns unter Menschen zu wagen, spazierten wir in Richtung Innenstadt. Die nette Frau an der Rezeption empfahl uns die „Piwna“, zu deutsch: Bierstraße - ideal fĂŒr unsere AbendplĂ€ne. Wir spazierten vorbei am Hafen mit einigen schicken Yachten und einem dĂ€mlichen Pseudopiraten-Ausflugsschiff mit Fakesegeln, von dessen Sorte wir bisher in jedem polnischen Hafen eines gesehen haben.

In der Bierstraße fanden wir tatsĂ€chlich viele nette Bars und Kneipen. Unsere erste Wahl fiel auf einen kleinen aber feinen Innenhof und tatsĂ€chlich war die Bierauswahl sehr beachtlich. Etwas ĂŒberfordert mit dieser bekamen wir auf die Frage, was denn das GetrĂ€nk mit dem fancy Namen „Fortuna 11“ fĂŒr ein Bier sei, die Antwort: „Fortuna is the Beer, 11 the price!“

Nach einigen Runden Skat meldeten sich beim Reizen auch immer deutlicher unsere MĂ€gen zu Wort, und so gingen wir auf die Suche nach einem Abendessen. Wir fanden ein Restaurant, das sich vornehmlich auf Piroggen (im Prinzip die polnische Version der Maultasche - nur anders 😉) spezialisiert hatte. Wir gönnten uns gemeinsam den Teller mit 36 gemischten FĂŒllungen. Soweit wir es rausschmecken konnten, waren in unterschiedlichen FĂŒllungen dabei: Kraut, Pilze, Hackfleisch, Fisch und zum Nachtisch Quark und Beeren. Allesamt sehr, sehr lecker.

Nach dem wir unsere BĂ€uche vollgeschlagen hatten ließen wir den Abend in der sehr hippen Bar „Jozef K“ am Ende der Straße mit einigen Pale Ales ausklingen.

FĂŒr den nĂ€chsten morgen hatten wir uns einen Platz fĂŒr die Free Walking Tour ergattert und spazierten mit unserem sehr unterhaltsamen Guide drei Stunden lang durch die Danziger Innenstadt. Wir lernten viel ĂŒber die Danziger Geschichte geprĂ€gt von Handel und Reichtum (Hansestadt!) und den stetig wechselnden Bewohnern der Stadt. Hier lebten Polen, Deutsche, HollĂ€nder...

Besonders bewegend war der Abschluss der Tour. Diese endete am ehemaligen polnischen Postamt. Das mag unspektakulÀr klingen, ist aber tatsÀchlich ein wirklich geschichtsteÀchtiger Ort. Fesselnd erzÀhlte uns der Guide warum:

Nach dem ersten Weltkrieg wurde im Vertrag von Versailles festgelegt, dass Danzig weder zu Deutschland noch zu Polen gehören solle, sondern den Status einer freien Stadt bekĂ€me. Eine Bedingung war dabei die Entmilitarisierung des Gebietes. Zu dieser Zeit bestand die Bevölkerung Danzigs zu 90% aus Deutschen. Ein wichtiges Symbol und Service fĂŒr die Polen war daher das polnische Postamt, das es parallel zur Danziger Post mit eigenen BriefkĂ€sten gab. Als die Rhetorik der Nazis immer grausamer wurde und ein Krieg unausweichlich schien, rĂŒsteten heimlich die „Postbeamten“ auf. Ziel war es bei einem möglichen Überfall die wenigen Stunden durchzuhalten, bis VerstĂ€rkung durch die polnischen Armee kommen konnte. Mit dieser Vorahnung lagen sie leider richtig. Nach dem angeblichen und fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz am 01.09.1939, begann der Überfall auf Polen genau hier und damit auch der Beginn des zweiten Weltkriegs. Die Propagandapresse der Deutschen stand schon bereit, um die Einnahme des polnischen Postamtes symboltrĂ€chtig zu inszenieren, doch die mutigen Postbeamten wehrten sich in ihrer Verzweiflung so gut es ging. Sie wussten nicht, dass keine VerstĂ€rkung kommen konnte. Erst nachdem das GebĂ€ude voll Benzin gepumpt und in Flammen gesetzt worden war, gaben die Verteidiger auf. Von Ihnen ĂŒberlebte keiner den Krieg.

Das Postamt ist wieder aufgebaut und vor Ort erinnert eine Skulptur an diesen erbarmungslosen Kampf.

FĂŒnf furchtbare Jahre spĂ€ter wurde Danzig von der Roten Armee „befreit“ - was bedeutete, dass es fast komplett zerstört wurde. GlĂŒcklicherweise, wurde vieles wieder aufgebaut und nur bei genauerem Hinsehen fĂ€llt auf, dass wohl einiges nicht mehr ganz „original“ ist.

Nach der StadtfĂŒhrung nutzten wir mal wieder die VorzĂŒge einer Großstadt fĂŒr einige Erledigungen. WĂ€hrend Moritz eine neue Isomatte kaufen ging - seine hat inzwischen eine monströse Beule, suchten Jared und ich einen Friseur auf, da wir gegen das Gewucher auf unseren Köpfen dringend etwas unternehmen mĂŒssen. Wir fanden einen urigen kleinen Salon auf einer Galerie in einer Markthalle. Leider musste sich die Friseurin noch mit einem Deutschen und seiner Frau rumschlagen. Es bestand wohl ein Kommunikationsproblem darĂŒber, wie kurz die Haare geschnitten werden sollten, wobei das Englisch der rasenden Ehefrau auch nicht das PrĂ€dikat Oxford verdient hĂ€tte. Die beiden fĂŒhrten sich dermaßen peinlich auf, dass wir uns wirklich fremdschĂ€men mussten. Es war leider nicht das erste Mal, dass wir miterleben mussten, wie sich deutsche Touristen im Ausland danebenbenahmen. Als wir die beiden daran hindern wollten, den Friseurladen ohne zu zahlen zu verlassen, kassierten wir von der Furie auch noch ein „Arschloch“, was diese nette Begegnung noch abrundete.

Wir versuchten unser bestes, diesen bescheidenen Eindruck deutscher Höflichkeit wieder auszugleichen und setzten auf volle Charmeoffensive. Gottseidank konnte die Chefin des Ladens es auch ein wenig mit Humor nehmen und wir erzĂ€hlten von unsere Reise. Sehr zufrieden ĂŒber unseren neuen Haarschnitt trafen wir uns mit einem sehr zufriedenen Moritz mit neuer Isomatte im GepĂ€ck und von unangenehmen Begegnungen mit Deutschen verschont. Mit einer Runde Nudel mit Pesto am Hafen ließen wir unseren Danzigbesuch ausklingen.

von Jared Faißt
am 17.07.2021
Start
Kluki
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
Zarnowiec
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Strecke
67,21
km

Die Nacht war fĂŒr mich zwar erholsam, aber auch nur dank der aufmerksamen MitschlĂ€fer, die den nichtangekĂŒndigten Regen immerhin bemerkten und unser nacktes Innenzelt mit dem Außenzelt ĂŒberzogen. Ich wachte nur kurz auf, als die beiden bereits die Zeltplane fixiert hatten. DafĂŒr wachte ich am nĂ€chsten Morgen frĂŒh auf und konnte schonmal FrĂŒhstĂŒck richten. Kurz spĂ€ter kamen auch die benachbarten belgischen Camper aus ihrem Bus. Die 2 kleinen Töchter hatten uns schnell als Ballspielpartner auserkoren und von der Nummer kamen wir auch nur schwer wieder weg. Daher musste die morgendliche Routine parallel zu Ballholen und Zuwerfen erfolgen und die Bespaßung erfolgte in Schichten. Irgendwann hatten wir alles beisammen und dann war fĂŒr alle der Spaß vorbei. Die BĂ€lle der MĂ€dels wurden eingepackt, als sie schließlich auch die Reise fortsetzten und wir mussten wieder aufs Rad
. Auf einem in Komoot eingezeichneten Wanderweg durchs Sumpfgebiet. Die StaßenqualitĂ€t bei einer Umfahrung des Gebiets wĂ€re auch nicht optimal gewesen und so dachten wir kann man die 10km schon irgendwie durchstehen. Es kam aber deutlich hĂ€rter als gedacht.

Nicht nur die engen, matschigen Radwege stellten sich als Problem heraus. Auch die sehr gut intakte Natur in Form von MĂŒcken und anderen Blutsaugern quĂ€lte uns zunehmend. Lustigerweise trafen wir aber genau hier weitere Radreisende. 2 frische Abiturientinnen aus Hannover radeln ebenfalls den EuroVelo 13 entlang bis nach Danzig, um von dort nach Schweden ĂŒberzusetzen. Wir unterhielten uns eine Weile und so konnte man die Strapazen etwas verdrĂ€ngen. Nach 20 km zurĂŒckgelegt in einem Schnitt unter 10 km/h kamen wir endlich wieder auf Asphalt an.

Moritz‘ Freude ĂŒber den ersehnten Asphalt

Dort folgten wir dann den guten Straßen Richtung SĂŒden, um den schwer zu befahrenden KĂŒstenabschnitte auszuweichen. Von dort ging es dann weiter nach Westen bis wir den ehemaligen Grenzfluss zu Polen erreichten. Hier tuckerten noch die letzten Kayaks Richtung Ostsee und wir machten es uns schon einmal auf einem der grĂŒnen ParkplĂ€tze dort am Fluss gemĂŒtlich. Nach ausgiebigem Waschen (sowohl wir als auch die RĂ€der) gingen wir schließlich schlafen.

Am nĂ€chsten Morgen war ich mal wieder der erste, der das Zelt verließ. Ich setzte mich schon einmal an die Bank auf dem Parkplatz und bereitete FrĂŒhstĂŒck und Kaffee vor. Moritz kam etwa eine Stunde spĂ€ter herausgekrochen und fragte mich, ob ich seinen Schuh 20m weiter verschleppt hĂ€tte. Als dann schließlich auch noch Vincent fragte, warum sein FlipFlop nicht mehr am Zelt lag, war wohl klar, da war ein Fuchs zu Besuch ĂŒber Nacht! Immerhin waren keine GegenstĂ€nde allzuweit verschleppt und so konnten wir ohne Verluste alles zusammenpacken. WĂ€hrend des FrĂŒhstĂŒcks wollte ich in der Morgensonne noch die Solarplatte auslegen zum Laden. Ich war bereits am Abend verwundert, dass sehr wenig Leistung rauskam aber verschob das Problem auf den heutigen Tag. Leider bestĂ€tigte sich das Problem, irgendwas stimmt hier nicht , aber zuerst noch eine kurze Vorstellung der Stromversorgung:

Solarplatte in Action

GepĂ€ckstĂŒck des Tages: Solarplatte

Es ist wohl anhand des Blogs zu erahnen, dass wir technisch gesehen nicht gerade ‚wild‘ unterwegs sind. Wir haben schließlich 3 Stirnlampen, ein Fotoapparat, eine GoPro, eine Drohne, 3 iPhones und ein iPad dabei und alle sind sehr durstig nach ElektrizitĂ€t. Daher haben wir eine faltbare Solarplatte dabei in Kombination mit 2 Powerbanks (gesamt: 40.000 mAh). Das kleine Kraftwerk ist von der Marke Suaoki und kann nominell 21W Output geben mit 2 USB Slots (realistisch im Idealfall 15W). Das reicht super, um die Powerbanks sogar per QuickCharge zu laden. Ideal ist die Platte vor allem auch in Kombination mit den Fahrradtaschen. Die RollverschlĂŒsse meiner Hintertaschen eignen sich super um die Solarplatte darin einzuklemmen. So kann ganz bequem tagsĂŒber geladen werden.

Und nun zurĂŒck zum Problem: Ich vermutete bereits einen Kabelriss irgendwo in der Verschaltung, schließlich Ă€nderte sich die Leistung kaum, wenn ich die hinteren beiden Solarplatten abdeckte. Es blieb also nichts anderes ĂŒbrig als den Stoff aufzuschneiden und nachzusehen. TatsĂ€chlich war ein Kabel an der Knickstelle gerissen (es war wohl auch nicht auf Langlebigkeit ausgelegt). Wir nahmen mal wieder eines unserer defekten iPhone Ladekabel zu Hand, um eine Kabelader abzuisolieren und als kleine elektrische BrĂŒcke mithilfe von Klebeband zu nutzen. Nun funktionierte das GerĂ€t wieder wie gewohnt, sieht aber jetzt etwas zerfleddert aus und muss vermutlich mal noch beim nĂ€chsten Baumarktbesuch ĂŒberarbeitet werden.

Um Punkt 9 kam dann die Flut von Kayaks und mit ihnen die Touristen ĂŒber uns herein. In Windeseile packten wir unser Zeug zusammen und brachen auf Richtung Danzig. Der Wind war heute anfangs optimal und trieb uns bis zur Bucht vor Danzig. Dort ging es dann Richtung SĂŒden, zuerst durch Gdynia, wo wir noch eine leckere Pizza verspeisten und schließlich weiter nach Danzig, wo wir unser Schlafquartier im Hostel La Guitarra bezogen.

Hafen von Gdynia
von Moritz Spannenkrebs
am 15.07.2021
Start
Kolobrzeg
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
Kopan
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Strecke
81,98
km

An diesem Tag erwachten wir alle recht zeitig, da uns der Strand wenig Schutz vor der Morgensonne bot. NatĂŒrlich nutzten wir alle das Meer vor unserer ZelttĂŒr fĂŒr eine morgendliche Erfrischung. Gerade wenn man den ganzen Tag schwitzend auf dem Rad sitzt, tut es gut, sich morgens noch ein paar Stunden wie ein Mensch zu fĂŒhlen. Kaum dass wir unsere Sachen einigermaßen gepackt hatte, kam eine Gruppe von drei MĂ€nnern den Strand im Traktor entlanggefahren. Wir hatten noch kurz Bedenken, ob da wohl Ärger auf uns zurollen könnte, aber sahen dann schnell, dass die MĂ€nner fĂŒr das Leeren der MĂŒlleimer zustĂ€ndig waren. Also begrĂŒĂŸten wir die drei freundlich in unserem flĂŒssigen Polnisch (WortschatzgrĂ¶ĂŸe: 3) und machten uns auf den Weg. Da es noch relativ frĂŒh war, hatten wir angenehme Temperaturen und der Wind half uns ein wenig auf einem sehr schönen, schattigen Weg entlang der Ostsee. Mit einem kurzen Stop fĂŒr Wasser und ein paar Runden Skat erreichten wir vor Einsetzen der Mittagshitze einen sehr schönen Pausenplatz und hatten bereits ĂŒber 40 Kilometer geschafft ohne uns wirklich anzustrengen. Die Mittagspause wurde genutzt, um den Blog und die RĂ€der auf Vordermann zu bringen und die eine oder andere Tasse Kaffee zu trinken. Nach einer mehr als ausgiebigen Pause ging es nachmittags weiter. FĂŒr mich war es immernoch schwer ertrĂ€glich heiß, aber der Gegenwind brachte AbkĂŒhlung und Ablenkung, da er ein akuteres Problem darstellte als die Temperaturen.

Morgendlicher Betrieb am Strand

Ein besonderes Highlight des Tages war der Trip von Vincent und mir zum Supermarkt. Aus Gewohnheit waren wir davon ausgegangen, die Wasserkanister direkt am Eingang zu finden. Da sie dort nicht anzutreffen waren, irrten wir orientierungslos im Laden herum. Nachdem wir fĂŒnfmal im Kreis gelaufen waren, entdeckten wir mehr oder weniger gleichzeitig ein großes Schild mit der Aufschrift „Woda“, welches uns in einen Nebenraum fĂŒhrte. Bei genauerem Umsehen wurde uns klar, dass alle WĂ€nde, Decken und soar der Fußboden mit derartigen Schildern bestĂŒckt waren. Im Nachhinein war uns absolut unbegreiflich, wie man in diesem Laden irgendetwas anderes als die „Woda“-Schilder wahrnehmen konnte. In diesem Moment machten wir uns dann doch den einen oder anderen Gedanke darĂŒber, was das tĂ€gliche Radfahren mit unserer ZurechnungsfĂ€higkeit anstellte


Zum Abend hin fuhren wir einige Kilometer entlang einer dĂŒnnen Landzunge zwischen Meer und Seen, auf der nur ein einziger Weg und der Strand entlangfĂŒhrten. Da wir erschöpft waren, beschlossen wir etwas abseits des Weges an einer einsamen Stelle am Rande des Strandes zu nĂ€chtigen. Der Platz war wunderschön und wie irgendjemand von uns noch feststellte gab es auch „gar keine MĂŒcken hier“. Man konnte toll im Meer schwimmen und ĂŒber die Wellenbrecher bis weit ins tiefe Wasser hinaus gehen. Wir kochten, gingen Schwimmen, telefonierten, warfen die Frisbee und hatten insgesamt einen super Abend.

Unser Strand - fast ohne MĂŒcken!

Doch als wir uns gerade in tiefster Sicherheit wiegten, begann es: Innerhalb von 15 Minuten verwandelte sich der friedliche Ort in ein Schlachtfeld
 und wir waren die Bauernopfer. Nachdem wir zwei Stunden lang keine MĂŒcke erblickt hatten, waren plötzlich alle MĂŒcken der Welt da. TatsĂ€chlich kamen so schnell so viele der Untiere, dass wir die HĂ€lfte unserer Sachen liegen lassen mussten. Telefonate wurden plötzlich beendet und Geschirr ungespĂŒhlt liegen gelassen. Alles musste im Laufschritt erledigt werden, um die feindlichen Landemanöver möglichst zu erschweren. Weder Autan und Antibrumm, noch lange Kleidung konnten hier mehr helfen, da jeder ungeschĂŒtzte Quadratzentimeter sofort von zehn Blutsaugern besetzt war. Die schiere Masse an Flugtieren fĂŒhrte dazu, dass jede Schwachstelle unserer Verteidigung genutzt wurde. Sogar zwischen den Haaren und auf die Lippen stachen die Monster. Also blieb als Rettung nur noch unser Zelt, welches glĂŒcklicherweise bereits aufgebaut war. Beim Betreten des hermetisch abgeriegelten Bereichs wurden höchste Sicherheitsstandards eingehalten und so konnte tatsĂ€chlich eine dĂŒnne und löchrige, aber sichere Barriere zwischen uns und den Blutsaugern gehalten werden. Nachdem sich geschĂ€tzte 10.000 MĂŒcken zwischen unserem Innenzelt und Außenzelt gesammelt hatten, blieb kaum ein Zentimeter unbesetzt. Jeder Schlag gegen die Zeltwand schreckte die Tiere auf und hatte sofort ein dröhnend lautes Summen zur Folge. Selbst Stephen King hĂ€tte solchen Horror nicht erdenken können! Jede kleine Unachtsamkeit in Form einer BerĂŒhrung des Innenzelts VON INNEN wurde mit einer saftigen Blutspende bestraft. Wir stellten uns einige ĂŒberlebensentscheidende Frage: War wirklich kein einziges Loch im Innenzelt? WĂŒrden die MĂŒcken am nĂ€chsten Morgen immer noch da sein? Und wĂŒrde das Zelt unter der schieren Masse an Insekten nicht einfach zusammenbrechen? Nachdem wir uns mit einem Film ein wenig von unserer ausweglosen Situation abgelenkt hatten fielen wir alle irgendwann von unserer Angst völlig erschöpft in einen unruhigen Schlaf.

Nach der Schreckensnacht erwachten wir, immernoch umgeben von tausenden, wenn auch mittlerweile recht lethargischen, MĂŒcken.

Jared, dessen Schlaf wohl kaum beeintrĂ€chtigt worden war, joggte beim ersten Wecker direkt motiviert aus dem Zelt. Bei mir brauchte es geschĂ€tzte sechs weitere Klingeltöne und Vincent lag auch noch im Zelt, als Jared und ich lĂ€ngst gefrĂŒhstĂŒckt, Kaffee getrunken, unsere SchlafsĂ€cke und Isomatten gepackt und - in meinem Fall - das gesamte heute Journal gehört hatten. Als wir dann schließlich aufbrachen, knallte die Sonne bereits wieder mit voller StĂ€rke auf uns und unsere RĂ€der nieder. Gut fĂŒr die PV-Anlage, schlecht fĂŒr unsere Köpfe. Trotz Sonnenschein und spĂ€tem Aufstehen erreichten wir mittags einigermaßen rechtzeitig vor der maximalen Hitze nach etwa 40 Kilometern unseren Pausenplatz in Ustka. Dort fanden wir einen Spielplatz mit großem Pavillon, samt BĂ€nken und Tischen. Sogar ein Wasserhahn war vorhanden, wodurch wir unser Trinkwasser nicht zum Nudeln kochen nutzen mussten. Mit getrockneten Tomaten, Feta, gerösteten Sonnenblumenkernen, frischen Tomaten, Paprika, Rucola und (je nach Gusto) Oliven gab es einen köstlichen Nudelsalat. Nachdem wir unsere Verdauungspause abgewartet hatten, arbeiteten wir noch ein wenig am Blog und warfen noch die eine oder andere Frisbee durch die Luft. Dank unseres Wasserfilters konnten wir noch alle Flaschen fĂŒllen und machten uns anschließend wieder auf den Weg. Die Strecke fĂŒhrte uns weiter entlang der KĂŒste und durch den Ort Rowy. Dort wurden wir von einer Schranke und einem zugehörigen KassenhĂ€uschen mitsamt Kassierer ĂŒberrascht. Uns wurde klar, dass der Eurovelo hier mitten durch den Naturschutzpark Narodowy fĂŒhrte. Um 21 Zloty erleichtert radelten wir also durch den naturbelassenen Wald vorbei an Kiefern, Birken und Farnen.

Etwa 20 km weiter hofften wir einen schönen Schlafplatz am Badesee zu finden. Der Weg dahin machte eine langsame aber stetige Entwicklung vom schönen Schotterweg zum anspruchsvollen Grasweg und schließlich zu einem langgezogenen, unbefahrbaren Sandkasten durch. Unsere RĂ€der rollten nicht mehr orthogonal zur Nabe sondern rutschen parallel dazu, um dann im tieferen Sand komplett stecken zu bleiben. Hier war erstmals einige Minuten Schieben angesagt. Es sollte ein leichter Vorgeschmack auf die Misere des nĂ€chsten Tages werden...

BrÀune oder Sand?

Was auf der Karte wie ein schöner Badesee aussah, entpuppte sich leider sich leider auch eher als Anglerparadies. Das Wasser war kaum 40 cm tief und trotzdem dunkel wie die Tiefsee. Unsere EnttĂ€uschung darĂŒber wich schnell, als wir mit einem jungen Belgier ins GesprĂ€ch kamen. Er fragte uns ĂŒber unsere Tour aus und wir merkten schnell (auch an seinem Shirt mit Aufschrieb „cycle-the-world!“), dass er bei dem Thema wohl alles andere als unerfahren war. Auf unsere Nachfrage hin erzĂ€hlte er, dass er mit zwei Freunden in vier Touren zu jeweils ca. drei Monaten einmal um die Welt geradelt sei. Dabei gingen die Routen von Amsterdam nach Togo, dann einmal quer durch SĂŒdamerika, bei der nĂ€chsten Tour von Singapur nach Peking und zum Schluss von Kirgisistan zurĂŒck nach Belgien. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, erklĂ€rte er uns, dass er unweit an einem Wanderparkplatz mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern ĂŒbernachte. Leider nicht mit Fahrrad und Zelt, sondern im komfortablen Campingbus - ein erster Schritt, um seine Frau auf den Geschmack zu bringen. Durch ihn ermutigt, beschlossen wir auch auf dem Parkplatz unser Zelt aufzuschlagen, obwohl ein großes Schild mit durchgestrichenem Zelt davor aufgebaut war. Über dessen Bedeutung sind wir uns immernoch nicht final einig geworden


von Vincent Kliem
am 14.07.2021
Start
Wiselka
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Ziel
Kolobrzeg
đŸ‡”đŸ‡± Polen
Strecke
85,85
km

Nachdem wir uns jetzt von Berlin bis an die OstseekĂŒste vorgeradelt haben, geht es jetzt entlang dieser durch Polen. Das weckt einige schöne Erinnerungen und UrlaubsgefĂŒhle bei mir, denn als Kind waren wir jahrelang mit der ganzen (polnisch stĂ€mmigen) Großfamilie im kleinen KĂŒstenort DĆșwirzyno im Urlaub. Gut kann ich mich noch erinnern, wie wir morgens um 4 Uhr mit dem Auto in WĂŒrzburg aufbrachen und ĂŒber Berlin bis nach Polen fuhren. Dass man irgendwann nach Polen kam, merkte man vor allem am rhythmischen Klappern des Autos auf den aus einzelnen Betonplatten bestehenden Straßen. Auch wenn wir uns sehr auf die polnische KĂŒste freuten, waren wir vorsichtig optimistisch was die Ausbaustufe der polnischen Radwege anging.

Radeln mit den Schweizern

So fuhren wir auf Usedom ĂŒber die deutsch-polnische Grenze und auf einmal: wunderbare Radwege, gut asphaltierte Straßen, ausgeschilderte Fernradwege


SpĂ€testens als wir auf der FĂ€hre durch den SwinemĂŒnder Hafen auf die Frage, was es denn kosten wĂŒrde, die Antwort bekamen „It‘s free“, war der erste Eindruck perfekt. Doch auch wenn sich vieles getan hat in den letzten 20 Jahren, erinnerte mich vieles an die Urlaube hier: Die Kettcars, die Airhockey-Tische und die RamschlĂ€den an jeder Ecke in den Urlaubsorten gibt es noch. Wir fuhren durch den Nationalpark Wolin und in den Ort Wiselka, wo wir spontan eine wunderbare Pension mit Garten fanden, wo wir unsere Akkus und die unserer GerĂ€te aufladen konnten.

Am nĂ€chsten morgen ging es weiter an der OstseekĂŒste entlang. Nach wenigen Kilometern trafen wir eine nette Gruppe Schweizer, mit denen wir ins GesprĂ€ch kamen und einige Kilometer gemeinsam fuhren. FĂŒr Sie ging die Route von Hamburg aus bis nach Tallin. Das absolute Highlight ihrer AusrĂŒstung war die auf den GepĂ€cktrĂ€ger gespannte Angel, ideal fĂŒr den Ostseeradweg. Warum hatten wir diese Idee nicht?

Wir tauschten Handynummern aus und verabschiedeten uns mit der Gewissheit, dass wir uns bestimmt auf dem Weg noch einmal begegnen werden. Bei einer ausgiebigen KĂ€sebrotpause trainierten wir auf dem Schotterweg vor unserer Bank den Frisbee-Skip-Shot. Dabei stellt der Werfer die Frisbee unter einem bestimmten Winkel an. Die Frisbee springt dadurch vom Boden wieder hoch. Der FĂ€nger lĂ€uft von seiner Ausgangsposition 20 Meter und sucht die Frisbee im GebĂŒsch
 naja, wir ĂŒben noch!

Nach der Pause und dem verzweifelten Versuch das Schrumpfen unserer Armmuskulatur durch Frisbeesport zu verlangsamen, kamen wir in ein furchtbares Unwetter. Da wir mit dem Anziehen der Regenmontur zu zögerlich waren und eh alles nass war, hielt uns nichts mehr davon ab einfach durch den Regen und das Gewitter durchzuballern. Auf unserem Weg waren eh schon alle SchutzhĂŒtten, die es ĂŒbrigens in Polen entlang der Radwege zu Hauf gibt, mit flĂŒchtenden Radler*innen besetzt.

Nach einer guten Stunde verzog sich das Unwetter und wir suchten uns einen Platz auf den DĂŒnen zum pausieren und baden.

Unsere HĂŒtte von damals (2001)

Schließlich kamen wir nach DĆșwirzyno. Zuletzt war ich hier vor etwa 15 Jahren und so viel hatte sich garnicht verĂ€ndert. Am Hafen gönnten wir uns sehr leckeren gerĂ€ucherten Fisch. Anschließend mogelte ich mich vorbei am Pförtner auf die Ferienanlage, auf der wir frĂŒher Jahr fĂŒr Jahr im Urlaub waren. Es hatte sich absolut garnichts verĂ€ndert, nur das alles tatsĂ€chlich viel, viel kleiner war, als in meiner Erinnerung. Das „riesengroße Basketballfeld“ hatte nicht einmal annĂ€hernd NormalgrĂ¶ĂŸe und unser altes Ferienhaus war eher eine kleine HĂŒtte.

Am Gofrystand vor der Anlage gönnten wir uns noch leckere Waffeln und fuhren noch ein StĂŒckchen weiter, bis wir ein abgelegenes StĂŒckchen Strand fanden, an dem wir unser Zelt aufschlagen konnten.

von Jared Faißt
am 11.07.2021
Start
Pasewalk
đŸ‡©đŸ‡Ș Deutschland
Ziel
Anklam
đŸ‡©đŸ‡Ș Deutschland
Strecke
75,95
km

Die Nacht war super erholsam im Wald. Die dichten BĂ€ume schĂŒtzten uns sehr gut vor den frĂŒhen Sonnenstrahlen uns so schliefen wir sogar bis 9 Uhr. Der Radweg war anfangs sehr schön zu fahren und die Vorfreude auf die Ostsee war so groß, dass wir direkt in Bademontur radelten. Das GewĂ€sser ließ jedoch noch auf sich warten.

Vorfreude auf Ostsee

Speziell die letzten Kilometer bis nach Anklam waren dann doch noch einmal eine Herausforderung. Der Weg wurde immer holpriger. Anfangs noch ein Feldweg zwischen Seen und TĂŒmpel begann der Weg zunehmend aus komisch geformten Betonplatten zu bestehen. Das schĂŒttelte ordentlich alles durch und war nach einigen Kilometern auch sehr zermĂŒrbend. Erleichtert erreichten wir schließlich Anklam, wo wir einen Wander und Wasserrastplatz ansteuerten. Dieser liegt direkt an dem Fluss Peene und beherbergt Radfahrer, Kayak-Wanderer sowie Bootsbesitzer oder auch sonstige Campingfreunde. Mit etwas wenig Cash ausgestattet ließ der Chef der Anlage auch unsere letzten 10 Euro in Bar als SchlĂŒsselkaution durchgehen.

Das WLAN auf der Wiese funktionierte vorzĂŒglich und so genehmigten wir uns noch ein paar Biere und freuten uns riesig auf das EM-Endspiel. Wir setzten uns zunĂ€chst auf eine Bank und starteten den Kocher (fĂŒr Pasta mit roten Linsen und Tomatensauße) sowie das iPad fĂŒr die Vorberichterstattung. WĂ€hrend wir gemĂŒtlich zu essen begannen und das Spiel die ersten Minuten lief, kamen auch schon interessierte Mitcamper vorbei. Zuerst kamen die Radreisenden Micha und Hanne aus der Eifel stammend vorbei. Die beiden sind trotz ihres Rentenalters unglaublich fit auf ihren TrekkingrĂ€dern durch Deutschland unterwegs. Wir tauschten uns noch ĂŒber unsere Reisen aus, als bereits die ersten 20 Minuten des Spiels dahin strichen. Die beiden hatten viel aus ihrem Leben zu erzĂ€hlen. Mitunter das lustigste war als Micha erzĂ€hlte, wie er das Rauchen aufgehört hatte. Er hat wohl 45 Jahre seines Lebens geraucht, bis er an einer recht schweren Bronchitis erkrankte. Nach 7 Wochen war diese wohl ĂŒberstanden und danach vergaß er einfach das Rauchen. Als es ihm mal wieder einfiel hat er sogar noch versucht wieder anzufangen aber es schmeckte ihm einfach nicht mehr. Wir konnten es kaum glauben. Mittlerweile gesellten sich noch ein Kayak-Reisender, ein Radreisender, der Chef der Camping Anlage, sowie der örtliche Hafenmeister in die Runde und wir alle schauten mehr oder weniger konzentriert wie Italien versuchte, den frĂŒhen RĂŒckstand wettzumachen. Wie zitierte Micha so treffend: ‚Fußball ist die schönste Nebensache der Welt.‘ Das trifft ihn diesem Falle total zu.

‚Fußball ist die schönste Nebensache der Welt‘
Die passenden EM-GetrÀnke

Der ĂŒberaus sympathische Hafenmeister brachte dann sogar noch Biernachschub und verlegte die Kabeltrommel, damit der Strom nicht versiegte. Ebenfalls wurde noch ein Feuer gestartet fĂŒr die AtmosphĂ€re, besser könnte so ein EM-Finale nicht laufen. Die VerlĂ€ngerung im Spiel ĂŒbertrug sich auf den Abend und so plauderten wir noch eine ganze Weile mit den Mitreisenden, bevor es dann zu Bett ging.

Am nĂ€chsten morgen brauchte jeder vermutlich etwas lĂ€nger als sonst. Ich war zwar recht frĂŒh auf, Moritz und Vincent waren aber noch tief am schlafen. Schließlich kamen auch Micha und Hanne aus ihrem Zelt und Micha murmelte in seinem Eiffelaner Dialekt: ‚Isch weiß auch nit so recht aber isch bin noch net so ganz bei mir‘. Die beiden waren dennoch recht zĂŒgig wieder abfahrtbereit und so verabschiedeten wir uns von ihnen. Ihre Tochter und Enkel wohnen sogar in Freiburg, vielleicht kommt es also zu einem Wiedersehen. Wir wĂŒnschen den beiden eine weiterhin gute Reise!

Micha und Hanne: #Rentnergoals ;-)

GlĂŒcklicherweise hatten wir an diesem Tag auch nicht mehr viele Radkilometer geplant, denn wir hatten zur körperlichen Abwechslung Paddeln im Kanadier auf der Tagesordnung. Der Hafenmeister ermöglichte uns dies noch zu einem Freundschaftspreis und so paddelten wir zuerst die Peene stromaufwĂ€rts, bis wir einen kleinen Hafen/Rastplatz erreichten. Dort wurde dann das mitgenommene Proviant verschlungen. Als wir uns etwas sicherer fĂŒhlten mit der Nussschale (gerade bei Ein und Ausstieg), wurde dann auch gebadet und Haare gewaschen. Wir paddelten dann zwar wieder Strom-abwĂ€rts, jedoch war bei diesem fast stehenden GewĂ€sser der Wind entscheidender und der blies in die andere Richtung. Dann hieß es nochmal krĂ€ftig reinpaddeln und wir erreichten gegen Nachmittag dann wieder den Heimathafen (Paddelroute wurde ĂŒbrigens auch mitaufgezeichnet, siehe nĂ€chste Tagesetappe).

Nun ging es wieder mit den RĂ€dern weiter und da sich die Anzahl an RadgeschĂ€ften (und StĂ€dte generell) langsam ausdĂŒnnte, wurden in Anklam noch einmal die RĂ€der aufgerĂŒstet. Bei meinem Rad waren die MĂ€ntel langsam mehr als durch. Die spröden Stellen im Gummi beherbergten schon ordentliche Mengen an Sand, der kaum abzulösen war. Auch Vincent und Moritz hatten dieses Problem, jedoch nur hinten. Und so wurden 4 MĂ€ntel gekauft, ein FahrradstĂ€nder fĂŒr Moritz, BremszĂŒge und einen Seitenschneider. Bei der nĂ€chsten Pausegelegenheit wurde dann das Gekaufte auch direkt eingebaut. In solchen Momenten freut es einen auch innerlich, dass es sich gelohnt hat, auch einen 8er Inbus SchlĂŒssel (fĂŒr den StĂ€nder) und einen Bremszugmantel bereits seit 4000 km im GepĂ€ck mitgeschleppt zu haben. Eine Stunde spĂ€ter stand dann Moritz Fahrrad wieder wie eine eins und die Hinterbremse von Vincent ging nach Loslassen des Bremshebels auch wieder auf.

Alle MĂ€ntel waren montiert und so ging es entlang des Haffs bis nach Usedom. Dort schliefen wir in einem schönen Nadelwald. Der Untergrund war so gut bemoost, dass Moritz das Aufblasen der Matratze wegließ. Morgen geht es dann schließlich nach Polen und dort wird es dann erstmal heißen: Richtung Osten!

von Moritz Spannenkrebs
am 10.07.2021
Start
Eichhorst
đŸ‡©đŸ‡Ș Deutschland
Ziel
Pasewalk
đŸ‡©đŸ‡Ș Deutschland
Strecke
108,53
km

Die Ausfahrt aus Berlin zog sich durch einen Vorort nach dem anderen und wir mussten lernen, dass es rund um die Hauptstadt wohl viele Kleingarten-Enthusiasten gibt. Mit etwa 30 km auf dem Tacho waren wir dem stĂ€ndigen Wechsel aus Plattenbau, Kleingarten und Villensiedlungen endlich entkommen. Mit einem dementsprechend guten GefĂŒhl im Bauch ging es wieder durch schöne WĂ€lder und entlang einiger kleiner Seen. FĂŒr die Nacht war Regen oder gar ein grĂ¶ĂŸeres Gewitter angesagt, also suchten wir einen entsprechend sicheren Zeltplatz. Aus SĂŒddeutschland kamen schon die ersten Hochwassermeldungen, also wollten wir kein Risiko eingehen. Da wir nicht allzu viel Wasser bei uns hatten, stand zusĂ€tzlich noch ein sauberes GewĂ€sser auf unserer Wunschliste. Beides wurde in Form einer ĂŒberdachten Sitzgruppe erfĂŒllt, die am Rande eines Kanals mit glasklarem Wasser floss. Die Überdachung schien vertrauenswĂŒrdig und so beschlossen wir, dem Zelt einen weiteren Tag Pause zu gönnen und direkt auf den Tischen und BĂ€nken zu schlafen.

Traumschlafplatz

Da Jareds Isomatte nicht fĂŒr gewöhnliche Sitzbankbreiten konzipiert ist, mussten wir ihn auf den Tisch in der Mitte platzieren und somit leider unsere gewohnte Schlafformation aufbrechen.

Nachdem wir uns hÀuslich eingerichtet und eine Erfrischung im Fluss genossen hatten, schliefen wir sicher und trocken, wÀhrend der Regen auf unser HÀuschen tröpfelte. Lediglich Vincents Schlafsack wurde etwas klamm, was seinem erholsamen Nachtschlaf aber keinen Abbruch tat.

Traumschlafplatz mit unserer Einrichtung bei Nacht

Am Morgen wurden wir zu unserem Erstaunen von ĂŒberraschend großen Booten (oder Yachten?) geweckt, welche den Kanal entlang schipperten. Als wir einen Schwimmer durch den Kanal pflĂŒgen sahen, mussten wir es ihm natĂŒrlich gleich tun, immer in der Hoffnung nicht von einem Boot ĂŒberfahren (oder ĂŒberschwommen?) zu werden.

Mit kleinen AbschiedstrĂ€nen ging es auf dem hervorragend asphaltierten und ausgeschilderten Berlin-Usedom-Radweg weiter in die Uckermark. Uns wurde relativ schnell klar, dass es hier vor allem drei Dinge gab: Große Felder, noch grĂ¶ĂŸere Felder und riesige WindrĂ€der. Von letzteren fasziniert stellten wir die unterschiedlichsten Mutmaßungen ĂŒber die Nabenhöhen der Kraftwerke an... Mit bis zu 167 Metern sind die WindrĂ€der dort tatsĂ€chlich fast doppelt so hoch wie wir geschĂ€tzt hatten!

Am Nachmittag machten wir eine Trinkpause in Steinhöfel, wo eine Ă€ltere Frau auf der Terrasse hinter ihrem Haus Radfahrer auf der Durchreise bewirtet. Neben einer breiten Auswahl gekĂŒhlter GetrĂ€nke, gab es auch jede Menge Eis, ein paar Snacks und fĂŒr uns die Möglichkeit, unseren Wassersack aufzufĂŒllen. Neben ihr und ihrem Hund Blackie, lernten wir dabei noch einen Mann und seine Tochter kennen, die ebenfalls auf dem Rad unterwegs waren. Die beiden hatten gewagt, die AutoritĂ€t des ausgeschilderten Radwegs zu untergraben und waren prompt mit kilometerlangen Sandwegen bestraft worden.

Hier werden im Hinterhof GetrÀnke an Radfahrer verkauft

Nachdem wir noch in der schönen Stadt Prenzlau einkaufen waren, ging es mit bereits 80 Kilometern auf dem Tacho auf Zeltplatzsuche. In der DĂ€mmerung waren wir begeistert von den vielen Rehen, die sich jetzt aus dem Wald wagten. Auf jedem Feld stand mindestens ein Tier, das uns erst in Schockstarre anblickte, um schließlich in weiten SĂ€tzen davonzuspringen. Wir radelten zwischen den von Rehen besetzten Feldern durch und suchten die AgrarwĂŒste nach einem Fleck Erde ab, auf dem unser Zelt halbwegs gut stehen wĂŒrde. Leider stellte sich heraus, dass all die nicht bewirtschafteten Wiesen am Rande der kleinen BĂ€che deshalb frei waren, weil sie höchstens zum Reisanbau getaugt hĂ€tten. Dementsprechend blieb uns immer nur die Wahl zwischen offenen FlĂ€chen ohne Sichtschutz und halbwegs versteckten Sumpfgebieten. Wir gingen also immer wieder auf Erkundung, um dann mit nassen Schuhsohlen und enttĂ€uscht wieder aufs Rad zu sitzen. So waren wir bald ĂŒber die 100 Kilometer drĂŒber geradelt. MĂŒde und erschöpft hĂ€tten wir das Zelt beinahe schon mitten in einer Ortschaft an einem kleinen Weiher, oder etwas weiter im zugehörigen Spielplatz aufgebaut.

Zum GlĂŒck kamen wir noch zur Besinnung und fanden ein Wander-Highlight auf komoot, welches wir nun ansteuern konnten. Nun musste nur noch eine Schranke ĂŒberwunden, einige kleine Anstiege auf dem Wanderweg hochgeschoben und letztlich in totaler Dunkelheit im Wald ein Platz mit BĂ€nken gefunden werden. Letztlich war es fast 12 Uhr und wir hatten 108 Kilometer zurĂŒckgelegt. WĂ€hrend ich mich direkt ins Zelt legte und sofort einschlief, holte Jared gerade die Reste vom Mittagessen raus um den Abend noch gemĂŒtlich ausklingen zu lassen.

Wander-Highlight / Zeltplatz